Die Will Gatling Saga

Der tote Afghane

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Nach einem Blick auf seine zerkratzte Armbanduhr verließ Will das muffige Hotelzimmer. Er hatte die neun Quadratmeter im sechsten Stock der schäbigen Absteige als vorläufige Bleibe gewählt, um in Ruhe zu überlegen, wo er sich dauerhaft einmieten würde. Je länger er nachdachte, desto mehr freundete er sich mit dem Gedanken an, sich in Hell´s Kitchen niederzulassen. Der Name weckte wohlige Gefühle, leider lagen die glorreichen, von Mafiamorden und Bandenkriegen geprägten Zeiten hinter diesem Manhattener Viertel. Will bedauerte das Abgleiten einst herzerfrischend spannungsreicher Bezirke in die Spießigkeit. Es war immer dasselbe Spiel: Erst kamen die Kreativen, dann die Geldsäcke.

Will zog seine Baseballmütze tiefer in die Stirn und trat ins Freie. Zehn Minuten später tauchte er in die Metro, an der sechsten Station kehrte er an die Oberfläche zurück. Er bestieg einen Bus, vier Haltestellen weiter wechselte er die Linie, nach kurzer Fahrt ging er zu Fuß weiter. Will begab sich in einen Park und zog sich in einem Gebüsch um. Da Fußgänger in seinem Zielgebiet bei dem herrschenden Hundewetter auffielen wie rosa Elefanten, wählte er den Weg durch die Kanalisation, um sich seinem Zielobjekt anzunähern. Die schmucke Villa gehörte einem Versicherungsmakler, der Will vor Jahren beim Black Jack über den Tisch gezogen hatte. Jedenfalls unterstellte er dem großkotzigen Lackaffen unsaubere Tricks, da sich sein Verlust in Höhe von zweiunddreißig Dollar anderweitig schwer erklären ließ. Schon deshalb nicht, weil Will trotz Schummelei geblutet hatte.

Keuchend lugte Will unter einem hochgestemmten Gullydeckel in New Yorks nasskalten Abend. Die Luft war rein, stank jedoch nach fauligen Inhalten überquellender Müllcontainer. Stöhnend drückte Will das zentnerschwere Gusseisenteil beiseite und kletterte in die regennasse Gasse. Es kostete ihn Mühe, sich auf einen sperrigen Abfallbehälter zu ziehen. Er schöpfte Atem, ehe er in den jenseits der Ziegelmauer gelegenen Garten spähte. Erwartungsgemäß lag das zweistöckige Haus mit geschlossenen Jalousien da. Durch keinen Spalt und keine Ritze drang Licht. Der Hausbesitzer ging jeden Freitagabend ungeachtet der Witterung am East River angeln. Kaum zu glauben, aber wahr.

Will landete auf einem Haufen verrottender Gartenabfälle. Er lauschte kurz, dann huschte der überdachten Veranda entgegen. Auf Gummisohlen pirschte er sich an den Eingang heran. Er zückte einen Dietrich, öffnete das vorsintflutliche Schloss, glitt ins Haus. Er schaltete die Beleuchtung an. Er fluchte leise: Auf einem Läufer richtete sich ein drahtiger Körper auf. Will handelte blitzartig. Er warf sich auf den langhaarigen Hausbewohner und begrub ihn unter sich. Sein Bizeps drückte gegen die Kehle, seine Linke riss den Kopf herum. Das Genick des hechelnden Schwergewichts brach, der zuckende Leib erschlaffte. Will verspürte einen Anflug von Triumph, als er von seinem Gegner abließ. Schnaufend kam er auf die Beine. Sein Adrenalinrausch verflüchtigte sich, erhebende Gefühle wichen Ekel: Im Raum verbreitete sich der Gestank von Urin und Exkrementen, leere Augen starrten ins Nichts. Trotz eindeutiger Hinweise auf einen Exitus trat Will seinem Opfer in den Bauch, um sicherzustellen, dass der Afghane die Welt der Lebenden tatsächlich verlassen hatte. Dem Leichnam entfuhr ein Furz, mehr geschah nicht.

Wills Herzschlag beruhigte sich. Sein Verstand tickte hart und klar, kühl durchdachte er die Lage. Dass der Einbruch aus dem Ruder gelaufen war, ließ sich nicht ändern. Das Feld zu räumen, kam nicht infrage. Also setzte Will seinen ursprünglichen Plan um. Er begann seine Arbeit im Obergeschoss. Er riss Gemälde von den Wänden und Schubladen aus ihren Gleitlagern, mit Schränken und Regalen verfuhr er ebenso zerstörerisch. Will arbeitete sich von Raum zu Raum voran, überall hinterließ er Chaos und Verwüstung. Den gesuchten Tresor entdeckte er in einer Rumpelkammer. Den Safe zu knacken, beanspruchte keine Minute. Befriedigt stopfte Will sechs kleine Goldbarren, geschätzte achtzigtausend Dollar und ein Notizbuch in die Jackentaschen. Doch plötzlich streifte ihn ein Anflug von Panik. – Was, wenn er während des tödlichen Kampfes Spuren hinterlassen hatte? Zwar fand sich seine DNA in keiner Datenbank, doch das konnte ein dummer Zufall ändern.

Nachdenklich griff Will nach einer Whiskyflasche und gönnte sich einen Schluck des sündhaft teuren Gesöffs. Als die Pulle halb ausgetrunken war, sah er klar: Ein Brand bot ein zuverlässiges Mittel, alle Zeugnisse seiner Anwesenheit zu vernichten. Soweit gut. Allerdings fragte sich, wie sich ein bloß Asche hinterlassendes Feuer legen ließ, das obendrein erst längere Zeit nach seinem Verschwinden ausbrach. Beim Blick auf die geleerte Buddel kam ihm die Erleuchtung. Er hoffte, der vom Tisch gefegte Laptop im verheerten Arbeitszimmer funktionierte noch. Er holte das Gerät, schnappte eine Flasche Gin und setzte sich an den Gartentisch. Der Rechenknecht sprang an. Verärgert starrte Will auf e Passwortforderung. Einer Eingebung folgend, tippte er Cadillac ein, da er sich der kindischen Begeisterung des Versicherungsagenten für diese Automarke entsann. Will drückte die Eingabetaste. Eine ernüchternde Meldung blitzte ihn an, der Zugriff blieb gesperrt. Nachdenklich stierte er vor sich hin. Ihm fiel eine dümmliche Erinnerungshilfe für Passwörter ein. Er hob den Rechner hoch. Ein Lächeln umspielte seinen Mund, als er den Klebezettel am Maschinenboden entdeckte: Afghane4 stand darauf.

Sesam öffne dich, dachte Will und betätigte die Eingabetaste. Er grunzte zufrieden, als Icons in den Schirm flockten. Will rief den Browser des Softwareherstellers Winzigweich auf und trug Stichwörter ins Suchfeld ein. Ihn erstaunte, wie viele Internetseiten sich unerfahrenen Brandstiftern als sachkundige Helferlein anboten. Will genehmigte sich eine halbe Stunde, um die eleganteste Lösung herauszufiltern. Sie stammte von einem ehemaligen Feuerteufel, dessen einzigartige Sachkenntnisse ihm eine Festanstellung in einem FBI-Labor eingetragen hatten. – Im Rahmen eines dieser alltäglichen Deals, die geltendes Recht dermaßen beugten und verbogen, dass die Hallen der Justiz von Marktschreiern bevölkerten Basaren glichen. Nach abgeschlossener Recherche schaltete Will den Rechner aus und steckte ihn instinktiv in die wasserdichte Notebooktasche.

Will fand für ein sachgerechtes Abfackeln benötigte Gegenstände und Chemikalien in Haus, Garage und Geräteschuppen. Gleichermaßen beschwingt wie bedächtig machte er sich ans Werk. Als er sich letztlich zum Gehen wandte, fiel sein Blick auf den abgemurksten Afghanen. Ein Gefühl verbot ihm, den Leichnam einzuäschern. Also verfrachtete er den erkaltenden Körper auf eine Abdeckplane. Er zerrte die Last über die Türschwelle, auf die Veranda, die Treppe hinab in den Garten und dort unter einen borkigen Baum.

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Will atmete auf, als er fern des Tatorts durch letzte Meter eines Kanalrohrs krabbelte. Seine von Abwässern durchtränkte Jeans stank steinerweichend, seine Handflächen fühlten sich seifig an, was auf eine hohe Waschmittelbelastung der Brühe schließen ließ. Will fragte sich, wie das eine mit dem anderen zusammenging. Am Auslass angelangt, zog er sich aus dem Rohr und ging flussauf. Im einsetzenden Regen entledigte er sich seiner Kleidung und tauchte in den East River. Zu Glanzzeiten der regionalen Industrie hätte ihn ein Bad vermutlich skelettiert, heute rief es lediglich ein Jucken und Pusteln hervor. Will shampoonierte sein Haar, wusch sich gründlich und schlüpfte in vorsorglich deponierte Kleidungsstücke. Die alten Sachen zerschnitt er, übergoss sie mit DNA zerstörenden Bleichmitteln und kickte das Häuflein in die fälschlich als Fluss bezeichnete Meerenge. Will wusste das, weil ihn Irrtümer seit Kindertagen weit mehr faszinierten als alles andere. Der Irrtum versinnbildlichte eines der mächtigsten Lebensprinzipien; im Sinne einer Abweichung beziehungsweise einer fehlerhaften Kopie erwies er sich sogar als die Triebfeder der Evolution schlechthin.

Dreißig Minuten nach seiner Entsorgungsaktion hielt Will ein verbeultes Taxi an und ließ sich in eines der vielen New Yorker Scherbenviertel kutschieren. Er wollte seine gelungene Revanche begießen und seinen Geburtstag vorab feiern. Will konnte unmöglich vorhersehen, dass sein Racheakt den Auftakt einer Ereigniskette darstellte, die sein Leben aus den Angeln heben würde. Hätte er das heraufbeschworene Unheil nur ausschnitthaft erahnt, wäre er aus New York geflohen. Doch so gab es kein Entrinnen. Weder für ihn noch die anderen Hauptdarsteller, Komparsen und Statisten in einem Drama ohnegleichen. All diese Menschen konnten unterschiedlicher kaum sein.