Die Will Gatling Saga

Der tote Afghane

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Will Gatling blickte auf außergewöhnliche Lebenswege zurück. An seine Wurzeln dachte er zumeist in einer Mischung aus Abscheu und Belustigung. Seinen Erzeuger kannte er nicht namentlich, seine Mutter lediglich aus vergilbten Briefen und von verblassten Fotografien her. Sie zählte einst zu den Bordsteinschwalben, die ihr Geschäft im Umfeld amerikanischer Auslandsstützpunkte betrieben. Angeblich schwängerte sie ein US-General, der ihr die Ehe versprochen hatte, um sich die Kosten sexueller Dienstleistungen zu ersparen. Will hielt diese Facette ihrer Geschichte für glaubwürdig, da er seiner Mutter keine übermäßigen Geistesgaben zubilligte, Amerikanern jedoch alles, nur nichts Gutes zutraute.

Will grinste unwillentlich, weil er einen US-Pass besaß. Er verdankte das weithin begehrte Papier einer Episode, die sich nahtlos in seinen von Anfang an abenteuerlichen Werdegang fügte. Mittlerweile hielt er eine Reihe Staatsbürgerschaften inne, ohne in jeweiligen nationalen Passämtern aktenkundig geworden zu sein. – Eben mit Ausnahme der entsprechenden US-Behörde. Da Will die Vereinigten Staaten frühzeitig als ein Land unter vielen erkannt hatte, das in die Armut hineingeborenen Menschen äußerst begrenzte Möglichkeiten erschloss, griff er seit jeher zu Formen der Selbsthilfe, die selbstgerechte Moralapostel kriminalisierten. In seinen Augen verlieh ihm eine Wirklichkeit, die verklärenden Selbstdarstellungen der Nation höhnte, ein Notwehrrecht. Seine Haltung stützte sich sogar auf den Wortlaut der Verfassung.

Will fing abirrende Gedanken ein. Er fragte sich, weshalb ihn die Vergangenheit an Vorabenden seiner Geburtstage besonders beschäftigte. Morgen stand sein fünfunddreißigster an, wobei er vermutete, anderthalb Monate früher geboren worden zu sein als laut Geburtsurkunde. Das wahrscheinlich einzig von seiner Mutter bemerkte Ereignis entzog sich seiner Erinnerung. Gerüchtehalber hatte er das trübe Licht der Welt wenige Minuten nach dem Einsetzen erster Wehen erblickt. Er war sozusagen aus dem Mutterleib geflutscht. Will hatte die Lebensbühne reglos und still betreten, woraus sich erklärte, dass ihn seine Mutter anfänglich für eine Totgeburt hielt. Aus einem Brief aus dem Nachlass seiner Zieheltern ging hervor, dass ihn die erzkatholische Philippina um ein Haar auf einer unweit ihrer Behausung gelegenen Müllkippe entsorgt hätte. Will nahm ihr Eingeständnis nie persönlich; er wusste, dass täglich zahllose Säuglinge unfeierlich ihr Grab fanden. Aus dem Umschlag des vor Rechtschreibfehlern strotzenden Schreibens stammten die Bilder seiner Mutter. Eines zeigte sie vor einer windschiefen Wellblechhütte in einem der ausufernden Elendsviertel Manilas. Darüber, wie die technisch ausgezeichnete Aufnahme zustande gekommen war, rätselte Will stets aufs Neue. Auf dem zweiten Foto strahlte die stämmige Frau Arm in Arm mit einem Mann in die Kameralinse. Der Hüne trug texanische Cowboystiefel, einen breitkrempigen Hut und einen geholsterten Colt am Gürtel. Der lässig posierende Typ erinnerte an garstige Karikaturen, die US-Amerikaner als schießwütige Kuhtreiber darstellten. Beim Blick in den Badezimmerspiegel erkannte Will in seinen Zügen augenfällige Ähnlichkeiten mit dem Ami. Er wirkte wie ein schwarzhaariges, braunäugiges, dunkelhäutiges Abziehbild des Kerls mit dem Allerweltsgesicht. Sein Körperbau verriet durchsetzungsfähige mütterliche Gene: Will maß kaum einen Meter siebzig, besaß eine gedrungene Statur, ausgeprägte Säbelbeine und einen etwas kurz geratenen Hals. Ein Frauenschwarm sah definitiv anders aus, doch übte Will eine magische Faszination auf Angehörige des hüftrunden Geschlechts aus. Dabei hielt er sich weder für sonderlich charmant noch humorvoll. Im Gegenteil: Er kam als selbstgefälliger Satansbraten daher, der Vertreterinnen der Weiblichkeit herablassend behandelte. Besonders erfolgreich zog er Frauen mit derben Worten in die Federn. Ein zuverlässig stechender Spruch lautete: Hoffentlich hältst du notgeiles Flittchen wenigstens beim Ficken den Rand. In Wills Gegenwart schwiegen Frauen zumeist: Sie hingen an seinen Lippen und himmelten ihn an. Er verstand es, Zuhörerinnen zu bannen. Er verwandelte deftige Gossensprache in eine musische Verlockung, er vermittelte den Duft der großen, weiten Welt. – Die, wie er wusste, weithin nach Not und Verrecken stank.

Die Männerwelt stand Will so gespalten gegenüber wie er ihr. Sein infolge unbehandelter Brüche krummes Nasenbein erzählte von handfest ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten. Will entschied die meisten Händel für sich. Er kämpfte wie ein Terrier. Er konnte einstecken ohne Ende und teilte aus, bis Herausforderer flohen oder bewusstlos auf dem Boden lagen. Kontrahenten umzuhauen, genügte ihm keineswegs. Er legte Wert darauf, ihnen anhaltenden Schmerz auf den Nachhauseweg oder in die Notaufnahme mitzugeben. Die Liste vermöbelter Stinkwitze füllte Seiten. Wills eindrucksvolle Siegesbilanz beruhte zum Gutteil auf einem untrüglichen Riecher dafür, wie seine Chancen standen. Weniger vornehm ausgedrückt hieß das, er ließ Beleidigungen oder schmähende Gesten körperlich überlegener Geschlechtsgenossen mit einer gewissen Großzügigkeit über sich ergehen. Legte es ein Herkules unter für ihn unvorteilhaften Umständen auf eine Auseinandersetzung an, entschied er sich für einen Toilettengang ohne Wiederkehr. Schied diese gesundheitsschonende Möglichkeit aus, seifte er Widersacher ein. Er redete ihnen nach dem Mund, gab Getränke aus und füllte sie ab. Anschließend verabschiedete er sich und wartete vor der Kneipe. Wankte ein besoffener Stänkerer ins Freie, prügelte er ihn grün und blau. Tauchte das Großmaul in Begleitung auf, folgte ihm Will, bis der Typ allein war, ehe er sich Genugtuung verschaffte. Kam er aus irgendwelchen Gründen nicht zum Zug, behielt er den Drecksack im Auge, bis sich eine Rachegelegenheit ergab. Früher oder später schnappte er sich die meisten. Waffen – Schlagringe und Springmesser ausgenommen – verwendete Will nie; auf Leute zu schießen, hielt er für unsportlich. Leider bescherte ihm seine Fairness keine Sympathiegewinne. Die Menschheit war eben undankbar. Seine alte Wohngegend mied er, seit sich verdroschene Weicheier zusammengerottet und ihn wie ein Karnickel gejagt hatten. Tatsächlich lauerten in dem heruntergekommen Viertel viele schlechte Verlierer, die ihm ans Leder wollten. Was Will wurmte, waren unbeglichene Rechnungen. Er vergaß keine Kränkung, er reagierte ausnehmend feinfühlig auf Zwischentöne, die er im Zweifelsfall als bösartig deutete.