USA

Triebfedern der Siedlungsentwicklung

4 Siedlungsentwicklung seit 1970

Demographie: Zwischen 1970 und 2018 gewinnen die USA annähernd 126 Mio. Einwohner beziehungsweise 62 % ihrer Ausgangsbevölkerung hinzu. Zum Vergleich: Der Zuwachs entspricht in etwa der anderthalbfachen Bevölkerungszahl Deutschlands. Das stärkste Wachstum verzeichnen süd- und nordwestliche Regionen sowie der Süden. Die Einwanderungsbilanz verschiebt sich: Immigranten stammen vermehrt aus asiatischen und lateinamerikanischen Schwellen- und Entwicklungsländern. Die ethnische Vielfalt der Städte nimmt zu; sie erhöht sich auch innerhalb von Nachbarschaften. In den Suburbs steigt der Anteil ethnischer Minoritäten von 19 % im Jahr 1990 auf 27 % zur Jahrtausendwende. Tendenz: weiterhin steigend. Dies besagt keineswegs, dass traditionell bestehende ethnisch-soziale Barrieren aufgehoben würden. Ein Indiz für eine ungebrochen gelebte Segregation liefert das nahe Washington D. C. gelegenen Prince George's County: Hier schnellte der Anteil afroamerikanischer Bevölkerungsgruppen binnen zweier Jahrzehnte von 14 % auf 63 % empor. – Eine klar in Richtung ethnischer Homogenisierung weisende Entwicklung. Little Italies bis hin zu Little Sicilies, Chinatowns und andere herkunftsbezogen abgegrenzte Siedlungsinseln lösen sich mitnichten auf, wie manche blauäugigen Analytiker unter anderem unter Bemühung des angeführten Beispiels mutmaßen. Ethnisch definierte Siedlungszonen verschieben sich lediglich, soziologisch als Invasion und Sukzession bezeichnete Entmischungsvorgänge setzen sich fort.

Ab 1970 tragen geburtenstarke Jahrgänge – die Baby-Boomer – maßgeblich zum Wachstum des Eigenheimsegments und damit der Suburbs bei. Seit 1990 erreichen viele Einwohner älterer Vorstädte das Rentenalter, oftmals als Eingenerationensiedlungen entwickelte Gemeinden überaltern. – Stichwort: greying of the suburbs. Viele dort lebende Senioren sind betucht genug, um in Gunsträume abseits der wirtschaftlichen Schwerpunkte umziehen zu können. Die Siedlungszerstreuung erhält auch von dieser Seite Auftrieb.

Kultur, Ideologie: Besserverdienende Kreise der sich zum Land der Freien und Mutigen verklärenden Nation – die sich soziologisch betrachtet nicht als Gesellschaft, sondern als Nebeneinander paralleler Gesellschaften darstellt – ziehen vermehrt in abgeschottete, am Reißbrett entwickelte Siedlungen. In diesen Gated Communities unterwerfen sie sich Verträgen, die selbst regeln, wann das Vorgartengrün der Einheitshäuser dieser Kunstwelten zu sprengen ist und ob Veilchen oder Primeln zu setzen sind. Die Neigung, sich aus öffentlichen Angsträumen in gesicherte Wohnanlagen zu flüchten, ergreift mittlere Einkommensgruppen. Diese Festungsmentalität übersetzt sich in eine fortschreitende Verinselung, der gegenseitige Ausschluss unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen nimmt zu.

Wirtschaft, Technik, Verkehrswesen: Der Pkw-Besatz erhöht sich ab 1970 in bis dahin unerreichtem Maß. Die Zahl der Pkw je Haushalt übersteigt die Anzahl von Führerscheininhabern, viele Wohngebietsstraßen besitzen keine Bürgersteige. Mit ursächlich für den hohen Motorisierungsgrad und hohe Fahrleistungen sind niedrige Treibstoffpreise – auch das ein Dezentralisierung fördernder Faktor. Beleg hierfür: Die drastische Abschwächung der Suburbanisierung während der Ölkrise Mitte der 70er Jahre.

Die Entwicklung kontinentaler Unternehmensaktivitäten und die verstärkte Internationalisierung fördern flughafennahe Standorte. Demgegenüber verlieren Häfen relativ an Bedeutung. Verkehrsströme entstehen vermehrt innerhalb beziehungsweise zwischen Vororten; Fahrten zwischen Kernstädten sowie von Suburbs in die zentralen Geschäftsviertel nehmen in vielen Regionen ab. Entstehung und Verbreitung leistungsfähiger Telekommunikationssysteme machen zahlreiche gewerblicher Nutzung unabhängig von zentralen Standorten. Die gleichzeitige Dezentralisierung der Funktionen Wohnen, Produktion, Dienstleistung und Handel geht mit fallenden Beschäftigungsanteilen der Kernstädte einher. Seit 1960 eingetretene Arbeitsplatzzuwächse entfielen zu rund 85 % auf Suburbs. Die Verschiebungen zwischen Stadt und Suburbia illustriert ein Sachverhalt: Im landesweiten Vergleich überschreiten die Leerstandsraten von Büroimmobilien in zentralen Geschäftsvierteln 1994 erstmals jene des suburbanen Raums. Die Verlagerung von Wohn- und Wirtschaftsaktivitäten an die Peripherie gipfelt in der Ausprägung einer neuen Siedlungsform: der Edge City.

Politik: Die Zentralregierung fördert Dezentralisierungsprozesse weiterhin, setzt jedoch Kontrapunkte. So im Bereich der Umweltschutzgesetzgebung oder durch Steuernachlässe für Erhaltungsaufwendungen. Das wuchernde Suburbia wird durchaus als problematisch begriffen. Etliche Bundesstaaten bemühen sich ernstlich, die ungezügelte Suburbanisierung einzudämmen: Sie verabschieden und verschärfen Umweltschutzgesetze, forcieren Denkmalschutz und Stadterneuerung. Stellvertretend genannt seien Maryland mit dem Programm Smart Growth and Neighborhood Conservation von 1997 oder New Jersey, das gezielt Land ankauft, um die Siedlungsentwicklung steuern zu können. Auch Städte versuchen sich daran, das ungehemmte Wachstum zu kanalisieren. Ein Beispiel bietet Austin (TX) mit der Smart Growth Criteria Matrix.

5 Ausblick

Zahlreiche Stadt- und Regionalplaner, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler betrachten das Siedlungssystem besorgt, wachsende Bevölkerungskreise werden sich seiner nachteiligen Folgen bewusst. Hier und da erleben Kernstädte ein Revival. Ihre künftige Entwicklung hängt entscheidend davon ab, inwieweit es gelingt, die einseitige Pkw-Orientierung gegenwärtiger Verkehrsinfrastruktur durch den Auf- und Ausbau öffentlicher Nahverkehrssysteme zu mindern. Unter den Metropolen besitzen einzig einige 24-Stunden-Städte, namentlich Boston, Philadelphia und New York, bestens ausgebaute S- und U-Bahnnetze. Auch Washington D. C. verfügt über eine ausgezeichnete, allerdings unbefriedigend angenommene Metro. In zahlreichen Metropolräumen laufen Schienenprojekte, doch können diese auch in fortgeschrittenem Ausbaustand lediglich Bruchteile der Bevölkerung bedienen.

Ein maßgeblich über die Zukunft US-amerikanischer Städte entscheidender Faktor liegt im gesellschaftlichen Bereich. Die Wirklichkeit höhnt dem nationalen Selbstportrait, das ein zerrissenes Land als etnisch-sozialen Schmelztiegel darstellt. Versagen die USA daran, die gegenseitige Abschottung abzuschwächen, wird Suburbia fortgesetzt wuchern.

Die Chancen auf einen Wandel stehen schlecht. Die sprunghafte Verbreitung von Gated Communities belegt eine fortwährend greller aufscheinende Neigung, sich sozial voneinander zu isolieren und räumlich zu separieren. Begründete Aussichten, das Siedlungssystem flächendeckend umzukrempeln, bestehen nicht. Überdurchschnittlich günstige Perspektiven dürften zunehmend von hispanischen, traditionell vergleichsweise stadtfreundlichen Kulturträgern geprägten Landesteilen zuzubilligen sein.