USA

Triebfedern der Siedlungsentwicklung

3 Siedlungsentwicklung 1900 – 1970

Demographie: Verbreitet setzen sich Verfall und soziale Desintegration in den Stadtzentren fort. Die zwanziger Jahre kennzeichnen Suburbanisierungswellen. Nach 1920 dünnen auf die Städte gerichtete Zuwandererströme aus. Dennoch verbuchen zahlreiche Kernstädte, voran hochrangige Metropolen, bis um 1950 anhaltende Bevölkerungsgewinne. Beispielsweise verzweifachte sich New Yorks Einwohnerschaft zwischen 1900 und 1950.

Seit der Jahrhundertmitte wandern eingesessene europäische Immigranten vermehrt aus den Städten ab und lassen sich in deren Randzonen nieder. Schwarze und weiße Zuwanderer aus dem ländlichen Süden rückten in die Innenstädte nach. Auch ziehen zahlreich Hispanier zu. Minderheiten dehnen ihre Wohngebiete aus zentralen Ghettos in äußere Stadtgebiete hinein aus. Die weiße Bevölkerung wandert gehäuft in Vorstädte und in immer ferner der Siedlungskerne gelegene Räume, ab. Beschleunigt wird die Suburbanisierung durch den Mitte der vierziger Jahre einsetzenden, bis in die Sechziger anhaltenden Baby Boom. Flächenbezogen verdoppelt sich der suburbanisierte Raum binnen nur eines Jahrzehnts (1950 – 1960) annähernd.

Kultur, Ideologie: Die übermateriell-moralisch begründete Betrachtung des Einfamilienhauses weicht einer monetären Sichtweise: Das Heim wird zur gewöhnlichen Handelsware. Gleichwohl wird es weiterhin als sicherer Hafen in einer unsicheren, wettbewerbsorientierten, geldgetriebenen Welt erachtet. Der Bungalow mit Veranda – beides Begriffe indischen Ursprungs – wird als neues vorstädtisches Wohnideal propagiert. Es regiert der Wunsch nach naturnahen Wohnumfeldern. Nach dem zweiten Weltkrieg triumphiert das suburbane Wohnideal vollkommen.

Wirtschaft, Technik, Verkehrswesen: Anfang des 20. Jahrhunderts kommt das Automobil auf. Gegenüber Europa verbreitet es sich in den USA ungleich zügiger. Somit beeinflusst es die Siedlungsentwicklung nicht nur früher, sondern auch weitaus stärker. Sein Siegeszug beruht darauf, dass amerikanische Autobauer vom Start weg auf kostengünstige Massenware setzen, während sich europäische Hersteller der Produktion nobler, einzig für Wohlhabende erschwinglicher Fahrzeuge verschreiben. Die massenhafte private Motorisierung gestattet es, funktionierende Siedlungseinheiten abseits bis dahin unersetzlicher Schienenwege aus dem Boden zu stampfen. Der vormalige Druck, Siedlungen um Bahnhöfe und Bahnknoten nachzuverdichten, verliert sich. Die vierrädrige Revolution heizt die angelaufene Suburbanisierung zusätzlich an.

Von 1900 – 1970 wächst die US-Wirtschaft, zwar von Einbrüchen gebeutelt, doch durchschnittlich enorm und hinsichtlich der Siedlungsentwicklung folgenreich: Der unaufhörlich wachsende Flächenhunger von Industrie-, Lager- und Logistikunternehmen ist einzig fernab der alten Siedlungskerne zu stillen. Hier erfolgende Werksansiedlungen sowie Fabrikverlagerungen in das städtische Umland hinein unterstützten die Suburbanisierung durch geschaffene Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten. Arbeiter und Angestellte ziehen nach, kaufkräftige Mittelschichten entstehen am Ort und verbreitern sich landesweit. Der Motorisierungsgrad steigt, die Eigenheimnachfrage ebenso. Wachsende Vororte und neue Siedlungen bis hin zu ganzen Städten erschließen dem Handel lohnende Absatzmärkte und führen der Industrie Arbeitskräfte zu. Eine sich selbst beflügelnde Entwicklung läuft an und schaukelt sich auf.

Die Große Depression (1928 – 1933) bedingt einen scharfen Einschnitt. Das Neubauvolumen im Eigenheimsektor fällt um 95 %. Aber: Mittelbar schreibt das wirtschaftliche Desaster die Suburbanisierung als den Trend der Siedlungsentwicklung fest. – Indem das Eigenheim zur billigen, industriell vorgefertigten Massenware gemacht wird, zum Produkt von der Stange gleichsam. Die Depression geht, das Billighaus bleibt.

Insbesondere seit den 30er Jahren beeinflusst der chronisch überzüchtete militärisch-industrielle Komplex die Siedlungssysteme zumindest regional maßgeblich mit. Der Bau von Militäranlagen samt Infrastruktur im Hinter- und Niemandsland zieht Menschen an und wirtschaftliche Aktivitäten nach sich. Neuerlich verstärkt sich die zentral-peripher gerichtete Welle.

Politik: Schwer mit dem amerikanischen Selbstbildnis verträgt sich ein das Siedlungswesen grundlegend beeinflussender und entsprechend nachwirkender Fakt: Die Bundesregierung unterstützt das Modell Suburbia nicht nur ideologisch, sondern finanziert den flächenfressenden Wildwuchs zum Gutteil. So legt sie zunächst unter dem Schock der Großen Depression seit 1930 zahlreiche Programme der Wohnbauförderung auf. Dabei steht ein städtischen Leitbildern zuwiderlaufender Ansatz Pate: Washington fördert das Eigenheim, das Einfamilienhaus. Stichworte hierzu: Greenbelt Town Program, Home Owners Loan Corporation (HOLC), Federal Housing Administration (FHA), United States Housing Act (= Wagner-Steagall Act; regelt den öffentlichen Wohnungsbau), Veteran's Administration, Federal National Mortgage Association (umgangssprachlich Fannie Mae), Government National Mortgage Association (Ginnie Mae), National Housing Act (1961). Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller in Vororten gelegenen, zwischen 1945 und 1970 errichteten Häuser sind über den Bund mitfinanziert. Bundessteuerliche Regelungen fördern Neubauten gegenüber Bestandsobjekten. Dies benachteiligt gewachsene, ältere Städte gegenüber Vorortlagen. Günstige Eigenheimdarlehn, Straßenbauzuschüsse – beispielsweise im Interstate Highway Act von 1965 verankert –, Rückvergütungen für Wasserversorgungs- und Wasseraufbereitungsprojekte befeuern die Suburbanisierung zusätzlich.

Mehr qualitativ als quantitativ wirkt sich das Baurecht aus. Ab 1916 werden gegen Bodenspekulation und Landverknappung gerichtete Regelungen eingeführt. 1926 berechtigt der oberste Gerichtshof Gemeinden, verbindliche Bebauungspläne aufzustellen. Die von lokalen Steuern abhängigen Kommunen nutzten dieses Instrument weidlich – um wohlhabende Neubürger zu gewinnen und den Zuzug potentieller Problemgruppen zu verhindern. Ergebnis: Die seit frühen Tagen laufende Herausbildung sozial und ethnisch homogener Orte und Viertel wird vorsätzlich verstärkt.