USA

Triebfedern der Siedlungsentwicklung

1 Einführung

Weite Teile der USA kennzeichnen gesichtslose Siedlungsteppiche. Spitzzüngige Kritiker bezeichnen sie bildhaft als urban tundra. Viele Siedlungsgebiete sind flächenhaft entwickelt, andere ziehen sich als nahezu ununterbrochene Bänder an bedeutenden Verkehrsadern dahin. Die bekanntesten dieser gleichermaßen dicht bevölkerten wie zersiedelten Räume sind San-San (San Francisco – San Diego) und Boswash (Boston - Washington. Das willkürlich anmutende Wuchern städtischer und stadtähnlicher Gebilde – der urban sprawl wirkte sich in vielerlei Hinsicht nachteilig aus. Entgegen vereinfachenden Sichtweisen kann die heutige Siedlungslandschaft keineswegs als alleiniges Ergebnis unterlassener staatlicher und gemeindlicher Lenkungsmaßnahmen gedeutet werden. Vielmehr wirkte die öffentliche Hand mittel- wie unmittelbar und oftmals beabsichtigt auf eine Dezentralisierung hin. Freilich trieben und treiben die Entwicklung vielfältige, oftmals widerstreitende Kräfte, Strömungen und Haltungen an. Wesentliche Hintergründe arbeiteten Alexander von Hoffman und John Felkner heraus (The Historical Origins and Causes of Urban Decentralization in the United States, Joint Center for Housing Studies, Harvard University, W02-1, January 2002). Gliederungstechnisch lehne ich mich an diese lesenswerte Studie an. Sie unterscheidet drei Phasen der Siedlungsentwicklung und jeweils vier Großkreise maßgeblicher Triebfedern.

2 Siedlungsentwicklung 1800 – 1900

Demographie: Städte wachsen mehrheitlich rasant. Zwischen 1830 und 1840 legt ihre Einwohnerzahl um zwei Drittel zu, in der Dekade 1840 – 1850 um gut 90 %. Auslöser und Verstärker dieser Entwicklung sind großmaßstäbige Binnenwanderungen (Land – Stadt) sowie hochschnellende Einwandererzahlen. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Fußgängermaßstäbe widerspiegelnde Siedlungsradien – leistungsfähige Nahverkehrsmittel bestehen nicht – übersetzen sich in sprunghaft steigende Bevölkerungsdichten. Städtische Kernräume – zumeist die bevorzugten Anlaufstellen mehrheitlich mittelloser Zuwanderer – verelenden. Die um sich greifende Verslumung veranlasst betuchtere Kreise zur Abwanderung ins Umland. Es entstehen ausgedehnte Vorstädte (Suburbs). Die Wanderungsströme münden in einer sich zusehends schärfer ausprägenden ethnisch-sozialen Segregation. Die anfängliche Integrationskraft vieler Städte erlahmt, schwindet, versagt.

Kultur, Ideologie: Zwei geistesgeschichtliche Strömungen beeinflussen die Siedlungsentwicklung erheblich: Einmal die prairie philosophy, die unter anderen von der Weite des Landes und der Suche nach immer fetteren Weiden inspiriert ist. Es herrscht eine anti-städtische Grundstimmung vor. Zum anderen schwappt – treffend als cult of domesticity verschlagwortet – eine übersteigerte Häuslichkeitswelle über das Land.

Wirtschaft, Technik, Verkehrswesen: Massentransportmittel – Bahn, Straßenbahn, dampfgetriebene Fähren – erleichtern die Raumüberwindung. Ihre Verbreitung fördert die Trennung von Wohn- und Arbeitsorten. Im Zuge der Industriellen Revolution beträchtlich wachsende Jobangebote verstärken den Verstädterungstrend. Große, flächenbeanspruchende und / oder emissionsstarke be- und verarbeitende Betriebe wie Gerbereien, Glaswerke, Schlachthöfe siedeln sich zunehmend entlang der Stadtränder an oder verlagern sich ins Umland. Vor allem logistisch begründet, zieht es auch Betriebe, die Produkte sowohl in den Städten als auch deren Umland absetzen, an periphere Standorte.

Politik: Einwohner hinzugewinnende größeren Städte weiten ihre Gemarkungen mittels Eingemeindung kleinerer Nachbarorte gezielt aus. In welchem Maß, illustriert die Tatsache, dass ein Dutzend Großstädte ihre Fläche zwischen 1850 – 1910 um jeweils reichlich ein Fünffaches ausdehnen. Während des späten 19. Jahrhunderts widersetzen sich wohlhabende Vororte diesen heimholenden Eingemeindungsbestrebungen der Kernstädte zunehmend erfolgreich. Mit Ausklingen des Jahrhunderts sind die politischen Grundlagen für die Existenz eigenständiger Gemeinden innerhalb metropolitaner Regionen gelegt und weitgehend zementiert. Der Weg steht offen für eine ungehemmte Ausweitung der Peripherie. Diese gründet auch auf einer sich durchsetzenden, individualistisch orientierten Laissez-faire-Ideologie beziehungsweise einer Obrigkeiten misstrauenden Geisteshaltung.