Stadtentwicklung

Städte in Entwicklungsländern

5 Stadttypen

Städte in Entwicklungs- und Schwellenländern lassen sich Typen zuordnen (siehe u. a. UN-Habitat: The Challenges of Slums. Global Report on Urban Settlements 2003). Natürlich beruht jede derartige Einteilung auf mehr oder weniger verallgemeinernden Grundlagen. Angesichts der Vielschichtigkeit urbanen Lebens und städtischer Formen ist dies unvermeidlich.

Bemerkenswerterweise behandeln viele Studien die Existenz vorkolonialer Städte allenfalls beiläufig. Dies ist zu betonen, da diese unverändert prägende Bestandteile zahlreicher Städte beziehungsweise Metropolen bilden und wichtige Rollen hinsichtlich der Konfiguration verstädterter Räume spielen. Beispiele liefern Shahjahanabad (Old Delhi) in Indien und Alt-Kairo (Ägypten) mit ihrer unübersehbaren architektonischen Identität. Da solche alten Kerne zu Elementen ausgreifender räumlicher Kontexte wurden, liegt es – durch die westliche Brille betrachtet – nahe, sie nicht als eigenständigen Stadttypus zu betrachten. Sie in ein verallgemeinerndes Schema zu pressen, verzerrt allerdings sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart. Selbstredend beruht jedes Modell auf einem gewissem Abstarktionsniveau. Es fragt sich jedoch, ab welchem Grad es seine praktische Bedeutung verliert.

5.1 Kolonialtyp

Die meisten Städte dieser Art kennzeichnet ein planmäßig entwickelter, formal gestalteter Mittelpunkt mit geometrischem Grundmuster. Das Stadtzentrum umgeben ausgedehnte informelle Siedlungszonen mit zumeist unregelmäßigen Straßenmustern. Jeweilige Kolonialmächte förderten diese »zufälligen Strukturen« phasenweise; sie deuteten sie als Ausdruck ihrer vermeintlichen kulturellen Überlegenheit. – Was lächerlich ist, vergleicht man beispielsweise den Lebensstandard indischer Bauern während mogulischer Blütezeiten mit dem erbärmlichen Dasein ihrer europäischen Standesgenossen. Wie auch immer: Jeweilige Besatzer schirmten die Stadtkerne vor »Invasionen« und Einflussnahmen einheimischer Bevölkerungen ab. Diese Abgrenzung zwischen Regierenden und Unterworfenen diente dazu, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Barrieren aufrecht zu erhalten: Die Einheimischen, die Armen, wurden gleichsam ausgesperrt. In Indien entstanden abseits gewachsener Ortschaften und Städte Cantonments (Wohnorte militärischen Personals) und Civil Lines (für zivile Mitarbeiter). Diese weitläufigen Siedlungen stellten überwiegend Vorstadtentwicklungen mit regelmäßigen Grundrissen, Alleen und geräumigen Bungalows dar. Neu Delhi bietet ein Musterbeispiel kolonialer Stadtentwicklungen samt unterliegender An- und Absichten federführender Architekten und Planer. Der Grundgedanke war, einen großartigen, gleichsam überlebensgroßen Stadtraum zu schaffen, um der einheimischen Bevölkerung Ehrfurcht einzuimpfen und die angemaßte soziokulturelle Überlegenheit der Briten auszudrücken (siehe Kumar, Ashok: The Inverted Compact City of Delhi. Published in Planning Metropolitan Landscapes. Concepts, Demands, Approaches. DELTA Series 4, Wageningen, The Netherlands, 2004). Die prägende Kraft des kolonialen Stempels wirkt fort, insofern Neu Delhi bis heute ein gering verdichtetes, überwiegend wohngenutztes, von wenigen und niedrigen Handels- und Bürohäusern durchsetztes Gebilde darstellt. Damit steht diese imperiale Retortengeburt im Gegensatz zu westlichen Städten mit ihren dicht bebauten, vorherrschend kommerziell genutzten Zentren.

Spanisch Kolonialstädte wurden um einen zentralen Platz, die Plaza (Mayor), angelegt. Kennzeichnend sind orthogonale Straßenraster und von diesen definierte quadratische Blöcke. Plazas dienten als soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentren jeweiliger Städte. Begrenzt sind sie auf jeder Seite von einem der (ehemals) wichtigsten kommunalen Gebäude: Kirche, Rathaus, Bank und Handelshaus. Das Stadtzentrum war regelhaft ein Mischnutzungsgebiet, das Läden, Restaurants und Residenzen wohlhabender Bürger beherbergte. Mittelklasseviertel befanden sich in angrenzenden Gebieten, ärmere Nachbarschaften bildeten äußere Ringe. Die Stadtplanung folgte dem Leitbild städtischer Kompaktheit. Ein strukturelles Merkmal war ein allmählicher Rückgang der Bauhöhe von der Innenstadt zum Stadtrand.

5.2 Zwangssegregierter Typ

Dieser Kategorie zuzählende Städte gründeten auf einer zwangsweise herbeigeführten und aufrechterhaltenen ethnischen und sozialen Segregation. Sie entstanden während der Apartheidszeit in Südafrika. Planungswesen und Städtebau beruhten auf einer Ideologie der getrennten Entwicklung »ethnischer Nationen«. Innerhalb von Städten wurden verschiedenen Ethnien gesonderte Gebiete zugewiesen, die als Niemandsland zu bezeichnende Zonen voneinander absetzten. »Rassentrennung« und Landnutzungsplanung gründeten auf Zwangsräumungs- und Neuansiedlungsmaßnahmen. Weißen wurden zentrale Gebiete zugeteilt, Schwarzen entfernte randliche Siedlungsareale. Zu den Hinterlassenschaften des Rassismus´ gehören Trabantenstädten wie Soweto, nahe Johannesburg. Diese Politik führt zu einer strikten Trennung von Wohngebieten jeweils unterschiedlichen Wohnstandards. Der rassistischen Ideologie an sich zuwider, bestand ein einheitliches Wohnstättenmodell: Das auf einer eigenen Parzelle errichtete Einfamilienhaus.

Mehrheitlich kennzeichnet Südafrikas Städte ein loser baulicher Zusammenhang. Typisch sind unscharf begrenzte Geschäftskerne und von Wohngebieten umkränzte, suburbane Büroparks. Die Vorliebe für Pkw-orientierte Entwicklungen versinnbildlichen breite Straßen, übergroße Grundstücke und gleichsam im Nirgendwo errichtete Einkaufszentren. Am Rande der alten Städte finden sich planmäßig angelegte neue Townships, die meist eng mit informellen Siedlungen verwoben sind. Obwohl Apartheidsstädte mehrkernige Layouts aufweisen, herrschen sektorale Landnutzungsmuster vor. Diese ergaben sich aus der Absicht der einst herrschenden weißen Minderheit, das Pendeln durch Gebiete unterschiedlicher ethnischer Prägung auf ein Mindestmaß zu beschränken.

5.2 Untertasse

Vertreter dieses bisweilen »hohle Stadt« genannten Typs, kennzeichnen viele Länder des ehemaligen Ostblocks. Diese Städte prägten rücksichtslos von historischen Blaupausen entkoppelte Planungsansätze. Entworfen und errichtet wurden weitgehend selbstständige Kleinbezirke – sogenannte Microrayons. Diese räumlichen Einheiten boten Arbeitsstätten, Einzelhandelseinrichtungen sowie vielzählige anderweitige Infrastrukturen. Somit war es weder notwendig noch möglich, große zentrale Geschäftskerne zu etablieren. Die niedrig überbaute Stadtmitte beherrscht ein riesiger Platz. Die nach westlichen Maßstäben kaum ansatzweise entwickelte Innenstadt umgeben öffentliche, stadtauswärts zunehmend höher aufragende Wohnsiedlungen. Diese überwiegend in Form von Plattenwohnsiedlungen hochgezogenen Viertel verbinden mehr oder weniger leistungsfähige Straßen- und U-Bahn-Systeme mit dem Zentrum.

5.4 Polyzentrischer Typ

Vielkernige Städte sind in asiatischen und lateinamerikanischen Staaten verbreitet, aber auch in den USA zu finden. Los Angeles (California) und Houston (Texas) stellen prototypische Vertreter dar. Sie entwickelten sich zu formlosen »städtischen Tundren«, die Einsprengsel von Hochhausbezirken durchsetzen. Laut UN-Habitat Global Report on Human Settlements sind viele südostasiatische und lateinamerikanische Städte vielkernig und amorph, weil sie vom Start weg um den motorisierten Verkehr herum, nicht nach Fußgängermaßstäben erbaut wurden. Diese Einschätzung leuchtet ein, wenn man sich die Massen dort knatternder Mopeds und Motorrikschas vergegenwärtigt. Das gewaltige Straßen- und Stellplatzflächen beanspruchende Auto wirkte sich vielerorts hingegen kaum aus. So beeinflusste es die Entwicklung indischer Städte (mit Ausnahme Delhis, wo ein Sechstel aller landesweit registrierten Privat-Pkw gemeldet ist) kaum nennenswert. Im Gegensatz zu westlichen Ländern richtet sich Indiens Siedlungssystem noch wenig an automobilen Maßstäben aus. Das verdeutlichen Besatzzahlen: Das Land weist eine Quote von 10 Pkw je 1.000 Einwohner auf, Deutschland einen Wert von 570 pro 1.000 (siehe Welt-in-Zahlen.de; 08 / 2018).

Obwohl viele gegenwärtige beziehungsweise sich abzeichnende Landnutzungsmuster wesentlich dem Zusammentreffen wirtschaftlichen Aufschwungs und aufkommender (Massen-)Motorisierung entspringen, verbergen sich hinter scheinbar identischen Zersiedelungsphänomenen in entwickelten und sich entwickelnden Ländern keine identischen Triebfedern. Die Zersiedelung in postindustriellen Staaten beruht zuvorderst auf Vorlieben, in Ländern der Dritten Welt vielmehr auf Notwendigkeiten. Ihre Suburbanisierung und die Entstehung mehrkerniger Siedlungsmuster spiegeln wider, dass die Menschen überwiegend zu Fuß, per Rad oder in unzureichendenden öffentlichen Nahverkehrsmitteln unterwegs sind. Sie sind abhängig von einer unmittelbaren Nähe ihrer Wohnungen zu jeweiligen Arbeitsstätten. Angesichts maroder Infrastrukturen in alten Kernstädten, des streuenden Standortmusters moderner Produktions- und Geschäftseinrichtungen sowie entstehender Mittelklassen – die eben in derartigen Einrichtungen beschäftigt sind und somit zu Wohnorten auf der grünen Wiese neigen – werden im informellen Sektor arbeitende Menschen motiviert, sich ebenfalls im suburbanen Raum anzusiedeln. Auch das erinnert an die ungezügelte Suburbanisierung in westlichen Ländern, hier insbesondere den USA. Tatsächlich bestehen grundlegende Unterschiede. Washington unterstützte die Zersiedelung nicht nur, sondern finanzierte sie in großem Stil. Die Bundessteuergesetzgebung benachteiligte gewachsene Städte und beschleunigte die Dezentralisierung wirtschaftlicher Aktivitäten, also deren Verlagerung an periphere Standorte. Darüber hinaus verstärkten Straßenbauzuschüsse und Vergütungen für die Erstellung von Wasserversorgungs- und Kanalisationen den Abwanderungsprozess. Wohnungsbauprogramme des Bundes förderten das Ideal des Einfamilienhauses und zielten ausdrücklich auf eine Erschließung der »Grünen Wiese« ab.

Die gleichförmige, polyzentrische Natur entstandener und entstehender Raummuster geht auch auf lasche oder fehlende planerische Eingriffe und Überwachungen zurück. Verbreitet fehlen stimmige, zuverlässige raumordnerische und landesplanerische Systeme. Da lokale Instanzen unfähig oder unentschlossen sind, Nutzungszonen sachgerecht auszuweisen, liegt es am privaten Sektor, die städtische Umwelt zu gestalten. Ihn leiten Grundprinzipien funktionaler Differenzierung und sozialer Segregation. Was sich daraus ergibt, ist ein Flickenteppich verschiedener Landnutzungsbereiche und sozioökonomischer Sphären, die unterschiedliche Grade wirtschaftlichen und sozialen Austausches kennzeichnen.

5.5 Mischtyp

Die meisten Städte sind ein Produkt verschiedener Epochen. Sie verbinden stadtbezogene Philosophien, Baustile und Planungskonzepte in sich. So weist Kolkata (Indien) – genannt »Stadt der Paläste« – eine Mischung baulicher Stilrichtungen auf, die von Bengali, Eka-Ratna, Palladian, neugotisch, muslimisch und neo-mogulisch über Jugendstil, Art Deco, Barock, Romantik bis hin zu Bauhaus reichen. Die im Vorkapitel vorgenommene Beschreibung der polyzentrischen Stadt zeichnet ein vereinfachtes Bild vielfältiger und vielschichtiger Zusammenhänge. Polyzentrische Städte, die auf eine lange Geschichte zurückblicken, stellen sich formenreicher als jüngere Gegenstücke dar. So bildet Delhis alte Mogul-Stadt – Shahjahanabad – einen architektonisch tiefenscharf profilierten Funktionsraum. Auch Edwin Lutyens New Delhi ist keineswegs amorph. Doch diese großen, klar definierten Stadträume ertrinken in einem Meer überbauter Umfelder. Es wirkt wie eine Ironie, dass die grundgelegte Dualität von Alt- und Neu-Delhi das Aufkommen der wahrlich polyzentrischen Stadt auf dem indischen Subkontinent markiert. Jakarta (Indonesien) repräsentiert ein weiteres Beispiel für eine dem Mischtyps zugehörige Metropolis. Die kolonialzeitlichen Siedlungen des niederländischen Old Batavia, die »Indies-Gemeinden« Meester Cornelis und Weltevreden sowie die Neustadt Kebayoran Baru bildeten gemeinschaftlich den Ausgangspunkt für folgende Entwicklungen. Heute machen diese historischen Siedlungsinseln kaum noch 5 % der Metropolregion aus.

6 Ausblick

Das Extremwachstum älterer Städte überforderte jene Kräfte, die zu ihrer Entstehung und Ausweitung führten und ihren inneren Zusammenhalt verbürgten. Zuwanderungsbedingt wachsen Delhi und Mumbai, Jakarta und Lagos gegenwärtig kaum noch: Was wächst, ist ein zum Siedlungsbrei gewordenes Umland, dessen Bewohner weit überwiegend keinerlei Bindung an die Kernstädte aufweisen. Einerseits ist das Wuchern austauschbarer Siedlungen ein Ergebnis laxer Planung oder unzureichender Handhaben, Planungsziele umzusetzen. Andererseits untergräbt die Zersiedelung planerische Steuerungsmöglichkeiten. Die Ursachen der Misere reichen tiefer: Unsägliche Armut und ein Elend verschärfendes Wachstum ländlicher Bevölkerungen treiben Menschen in die Ballungsräume. Sie suchen ihre Chance auf ein menschenwürdiges Morgen. Zumeist finden sie uferlose Elendsviertel und zäh verteidigte Reviere anderer Habenichtse vor. Auf dem indischen Subkontinent, in Zentral- und Südamerika, Südostasien und Afrika missachten (nicht nur) die Mittellosen offizielle Planungen schlichtweg. Sie entwickeln Überlebensstrategien. Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand, lautet ihr Wahlspruch. Die Zukunft der Metropolregionen in Schwellen- und Entwicklungsländern entscheidet sich auf dem Land. Bleiben dortige Probleme ungelöst, stehen städtische Planungskonzepte auf tönernen Füßen.