Stadtentwicklung

Städte in Entwicklungsländern

Einführung

Dieser Beitrag entstand nach einer Stadtplanungstagung. Vorträge und Diskussionen verdeutlichten den lückenhaften Forschungsstand in Bezug auf Städte in Entwicklungsländern. Sie zeigten, dass gängige Stadtmodelle und städtische Bodennutzungstheorien mehrheitlich aus historischen Realitäten nur eines Landes, nämlich den USA, abgleitet wurden. Mir kam eine Aussage von A. G. Krishna Menon, Direktor der indischen TVB School of Habitat Studies (New Delhi), in den Sinn. Sinngemäß lautete sie: Es wird oft davon ausgegangen, dass es schwierig ist, eine Dritte-Welt-Metropole zu verstehen. Die Wahrheit ist, dass dies nur selten versucht worden ist (Krishna Menon, A. G.: The Complexity of Indian Urbanism. O-Ton: It is often assumed that it is difficult to understand a Third World metropolis. The truth is that this has rarely been attempted). Tatsächlich besteht ein Hang, Dritte-Welt-Realitäten anhand westlicher Modelle zu erklären beziehungsweise erklären zu wollen. Einerseits gründet diese Neigung auf der reflexhaften Mutmaßung, dortige Entwicklungen würden auf denselben Kräften beruhen, die nordamerikanische und europäische Städte formen. Andererseits entspringt sie einer westlichen Gegenstücken ähnelnden architektonischen und morphologischen Anmutung von Städten in Entwicklungsländern. Allerdings bestehen diese Übereinstimmungen nur oberflächlich: Sie überblenden, dass dortige Städte anders funktionieren. Während die Entwicklung westlicher Städte einer gedehnten Abfolge von Standbildern gleicht, erinnert die Verstädterung der Dritten Welt an einen Hochgeschwindigkeitsfilm. Das illustriert das Beispiel von Lagos. Räumlich-funktional entwickelt sich die einstigen nigerianische Hauptstadt dermaßen rasant, sprunghaft und unsortiert, dass sie sich einer Erfassung durch herkömmliche Verfahren entzieht (vgl. u. a. Isichei, U.: From and for Lagos. Archis, 1 / 2002. Isischei stellt fest: Lagos ... has a kinetic quality that allows it to escape conventional methods of analysing cities.) Grundstücks- und Gebäudenutzungen verändern sich in in einem Tempo, das es unmöglich macht, aus empirischen Erhebungen und Flächennutzungskartierungen sinnvolle Planungen abzuleiten. Bildlich gesprochen enteilt die Wirklichkeit jedem planerischen Ansatz. Ein Paradebeispiel für praktische Probleme im Zusammenhang mit raschen Stadtwandel und -wachstum bietet das auf lateinamerikanische Städte bezogene Griffin-Ford Modell. Es wurde frühzeitig kritisiert, obwohl es stichhaltig begründet war und bestehende Gegebenheiten abbildete. Doch eben diese Gegebenheiten wandelten sich innerhalb weniger Jahre dramatisch. Konsequenz: Das Modell wurde zumindest teilweise hinfällig. Auch kennzeichnen viele Länder, voran Indien, außerordentlich vielschichtige sozioökonomische Systeme. Mit Blick auf zahlreiche Landesstudien schließt M. Ananthakrishnan, dass sich indische Städten allen Ansätzen des Social Modeling entziehen (Ananthakrishnan, Malathi: The Urban Social Pattern of Navi Mumbai, India; Blacksburg, Virginia 1998).

2 Chaos und Vielfalt

Angesichts gemessen an europäischen Verhältnissen zeitgeraffter Abläufe wirkt das Stadtwachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern chaotisch. Allerdings steckt dahinter kein Zufallsprinzip, sondern ein Geflecht unzähliger individueller Handlungs- und Verhaltensweisen. Die Städte folgen organischen Entwicklungspfaden. Wenig verwunderlich, übersetzen sich vielfältige kulturelle Besonderheiten in vielfältige räumliche Muster. Hierzu zwei ergänzende Hinweise: Organische Muster sind schwer kontrollierbar. Sie sind gewissermaßen anarchisch. Es ist interessant, dass die Briten nach dem beinahe in den Labyrinthen indischer Städte verloren Krieg von 1857 begannen, die Stadtlandschaften des Subkontinents einschneidend zu verändern. In jüngerer Zeit erweckte der Zustand metropolitaner Gebiete in Entwicklungsländern die Aufmerksamkeit amerikanischer Militärs. Ein 1996 veröffentlichter Artikel stellte fest: ... the future of warfare lies in the streets, sewers, high-rise buildings, industrial parks, and the sprawl of houses, shacks, and shelters that form the broken cities of our world (siehe Peters, Ralph: Our Soldiers, Their Cities. Parameters. US Army War College Quarterly, Spring 1996).

Um den Diskussionshintergrund zu schärfen, empfiehlt es sich ein Streiflicht auf Europa zu werfen.

3 Europas Städte

Europas mittelalterliche Städte wuchsen regelhaft um einen von Handel und Kommerz geprägten Platz. Wohn- und Arbeitsstätten lagen nahe dieses Kerns. Später dehnten sich bestehende Wohnviertel entlang von Schienenkorridoren aus; nochmals später füllten sie die keilförmigen Gebiete zwischen überwiegend sternförmig abstrahlenden Straßen- und Schienennetzen. Somit führte das Wachstum vieler westlicher Städte – vor allem älterer US-Städte – zu einem Muster konzentrischer Ringe und – je nach Betrachtungswinkel unter- oder überlagernder – Nutzungssektoren. Erfasst wurden diese Vorgänge und Muster von der Chicago School (Burgess, Hoyt) und dem neoklassischen ökonomischen Modell (Alonso, Muth, Mills). Grundsätzlich schreiben europäische Städte horizontale Abfolgen unterschiedlich geprägter, voneinander abgesetzter Funktionsräume fort. Dabei vollzogen sich jüngere Ausdehnungen auf Grundlage zeitgleicher oder vorausgegangener Erweiterungen bestehender Verkehrs-, Versorgungs- und Versorgungsinfrastrukturen.

4 Städte der Entwicklungsländer

Die Wachstumsmuster vieler Städte in Entwicklungs- und Schwellenländern, die sich während der letzten Jahrzehnte zu erstrangigen inländischen, teils auch bedeutenden internationalen Zentren aufschwangen, wich von beschriebenen Prozessen ab. Beispielsweise nimmt der städtische Raum in Asien eine vertikale, multifunktionale Dimension an. Tonangebende Geschäftszentren gingen selten aus historischen Kernlagen hervor, sondern wurden zumeist zweckgebunden erbaut. Weiterhin sind diese Städte mehrheitlich mehrkernig beziehungsweise mehrpolig ausgelegt. Die städtische Form wurde durch den motorisierten Verkehr, nicht von radialen Schienennetzen bestimmt. Im Gegensatz zu älteren westlichen Städten, die Sphären und Sektoren unterschiedlicher Flächennutzungen aufweisen, sind kleingliedrige Landnutzungsmosaike verbreitet. Dieses Muster entspringt, neben anderen Faktoren, einem wesentlichen Unterschied zwischen hier und dort. Im Westen beeinflusste das unpersönliche Unternehmen städtische Entwicklungen erheblich. Seine Prägekraft bedingte eine strikte Trennung von Arbeits- und Familienleben. Dem entgegen wurzeln Entwicklungsländer in zwei Wirtschaftssystemen, nämlich einem modernen, unternehmens- beziehungsweise konzernbasierten Komplex und einem traditionellen, auf Netzwerken kleiner und kleinster Einheiten, persönlichen Bindungen und Verwandtschaften beruhenden Wirtschaftsgefüge. Anders ausgedrückt: Städte in Entwicklungsländern kennzeichnet ein Gegensatz von traditionellen und postmodernen Elementen. Es gibt Ausnahmen wie Nepal, das keine nennenswerten postmodernen Einschläge aufweist. In aller Regel gilt obige Beschreibung jedoch: Moderne Geschäftsbezirke und Wohngebiete bestehen neben traditionellen Vierteln und althergebrachten kommerziellen Bereichen. Informelle und illegale Siedlungen liegen neben am Reißbrett geplanten Nachbarschaften und systematisch entwickelten Edge Cities, großflächige Elendsviertel neben wohlhabenden Bezirken, massenhafte Obdachlosigkeit kontrastiert mit festungsartig gesicherten Enklaven.

Ein gemeinsames Merkmal vieler Städte in Entwicklungsländern besteht darin, dass ererbte Infrastrukturen dem Bevölkerungswachstum nicht gewachsen sind. Vielfach überschritten sie ihre Kapazitätsgrenzen lange bevor das Wachstum emporschnellte. Oft bereits verfallen, werden bestehende Infrastrukturen nicht alleine durch steigende Einwohnerzahlen beansprucht, sondern auch durch geänderte und sich weiter wandelnde Nachfragemuster. Industrien, Büroquartier und Einkaufszentren schöpfen zunehmend aus unzureichenden Wasser- und Stromquellen. Darüber hinaus erhöhen aufstrebende Mittelschicht die Nachfrage. Wenngleich fehlende oder jämmerliche Infrastrukturen gemeinhin als definitorisches Merkmal von Slums bemüht werden, erfüllen – wird auf die Zuverlässigkeit infrastruktureller Komponenten abgehoben – ganze Staaten dieses Kriterium. So befindet sich Indiens Wasserversorgungsnetz in einem derart desolaten Zustand, dass keine Großstadt Wasser für mehr als einige Stunden täglich liefern kann. Oder: Stromausfälle sind so alltäglich wie Sonnenaufgänge. Ebenso mangelhaft wie die Versorgung stellt sich die Entsorgung dar. So schlecht sie ist, so gut wirkt sie im Vergleich mit mancher afrikanischen Stadt: In Indiens Hauptstadt besitzt die Hälfte der Bevölkerung keinen Anschluss an die öffentliche Kanalisation, in Lagos (Nigeria) kein Hundertstel.