Die Nhirwen-Kriege

Die Wiederkehr der Nhiria

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Generaladmiral Kaidar betrachtete Raumkarten. In den kreisenden Hologrammen erblickte er zuvorderst Abbilder eines in endlosen Kriegen verrohten Reiches. Er hatte sich entschlossen, dem blutrünstigen Imperium den Rücken zu kehren. Sinnlos Krieg zu führen, widerte ihn an. Er verabscheute das rücksichtslose Machtstreben der herzoglichen Häuser, die zynische Selbstherrlichkeit des Kaisers, das unnachgiebige Gezänk um ausgeblutete Welten, die längst Trümmerhaufen glichen. Kaidar wollte künftig selbst über das bestimmen, was man gemeinhin Schicksal nannte. Wie er dachten viele durch die Hölle gegangene Soldaten. So flogen größere und kleinere Imperialverbände abgelegene Sonnensysteme an, um dem unablässigen Schlachten zu entrinnen und sich fernab des Großreiches niederzulassen. Wie er hier. Auf P3.183.067. Er beabsichtigte eine seinen Vorstellungen entsprechende Welt zu schaffen, eine neue Zivilisation. Gestützt auf seine schlagkräftigen Divisionen.

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Alors Blick glitt über dunkle Wolken, die sich am westlichen Horizont türmten. Der alte Mann, gesellte sich zu ihm. »Du hast dir einen Feind gemacht«, sagte er. »Mehr als einen.«

Alor lächelte schal. »Er und seine Clique konnten mich nie ausstehen.«

Schweigen zirpte für eine Weile.

»Wie geht es weiter?«, fragte der Alte irgendwann.

»Ich erkunde die Gegend, ihr haltet euch verborgen.«

Ayan nickte zustimmend: Seinem jungen Freund war die Wildnis vertraut, anderen Gefährten fremd.

»Ich begleite ihn«, entschied Aylina, die ihrem Vater gefolgt war. »Einwände, Alor?«

Er schüttelte angedeutet den Kopf, verließ die Feuerstelle und begab sich zu einem geflügelten Jäger, der getarnt unter einem Felsenüberhang ruhte. Er kehrte im Waffenschmuck eines frühzeitlichen Kriegers zurück.

»Du hast dich mächtig aufgedonnert«, bemerkte Aylina staunend. »Recht auffällig für einen um Heimlichkeit bemühten Erkunder, findest du nicht?«

»Mir schwebt vor, mit Einheimischen zu sprechen. Eine hiesigen Gepflogenheiten entsprechende Aufmachung erleichtert eine Annäherung.« Er setzt sich und sah zu ihr auf. »Es wäre mir lieb, könntest du dich weiblicher kleiden. Ich bezweifle, dass die Schönen dieser Welt in Hosenanzügen herumlaufen.«

Sie zog einen Schmollmund und setzte zu einer spitzen Bemerkung an. Aber dann besann sie sich und wieselte davon, um ihr taubenblaues Kleid anzuziehen. Es war ihr einziges.

Ayan sah Aylina sinnend nach. »Du bist meiner Eingangsfrage ausgewichen«, stellte er nach einigen Herzschlägen fest. »Wie gehen wir mit inneren Spannungen um, wie mit den unverblümten Anfeindungen?«

»Ich werde keine Stänkerer an meiner Seite dulden«, antwortete Alor.

Den Alten überlief eine Gänsehaut.

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Nach drei Stunden unruhigen Schlafs brach die Kriegerin auf. Sie ritt in den Abend hinein, der Nacht entgegen und jenem Ort, an dem sie das glühend abgestürzte Himmelsding vermutete. Als die scharfäugige Schönheit einen windgepeitschten Bergsattel erreichte, atmete sie geräuschvoll aus: Unter sich, weit im Westen, machte sie endlose Reihen gewaltiger Bälle, Walzen und Kisten aus. Staubtrocken wurde ihr geschwungener Mund, als sich mehrere Gebilde unter kalt strahlenden Lichtkuppeln öffneten: Mehrfach mannshohe Stahlriesen stapften ins Freie.

Die einsam streifende Frau sah unvergessenes Grauen auferstehen. Es kehrte zurück aus den Abgründen der Zeit.

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Aylina überprüfte ihre Ausrüstung. Anschließend begab sie sich zu ihrem Vater, um sich zu verabschieden. Von ferne sah sie Alor, der neuerlich Ungeduldige beschwichtige. »Was trägt er da?«, fragte sie ihren Vater stirnrunzelnd.

»Ein einstmals von Scharfschützen verwendetes Projektilgewehr«, antwortete Ayan nach kurzem Hinsehen.

»Aha«, brummte sie. »Wo trieb er das alte Geraffel auf?«

»Keine Ahnung«, gestand er. »Jedenfalls versteht er damit umgehen. Mit dem Schwert zumindest.«

»Woher weißt du das?«, fragte sie zweifelnd.

Er sah schwerlidrig auf. »Ich beobachtete ihn beim Üben. Damals war er vierzehn. Sofern er heute fünfundzwanzig ist.« Ayan griente. »Ich schätze, dein geheimnisumwitterter Schwarm machte sich davon, er verschwand nämlich im Gesträuch.«

Schimpfend wie ein Rohrspatz machte Aylina ihrem Unmut Luft. Alor nachzueilen, war sinnlos: In der Wildnis hängte er jeden ab.

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Die Kriegerin strebte dem jenseits einer bewaldeten Hügelkette gelegenen See entgegen. Sie ritt furchtlos durch die Düsternis. Angst und Furcht kannte sie nicht. Nicht mehr. Sie spottete dem Tod, seit ihre Zwillingsschwester im Pfeilhagel hinterlistiger Feinde gefallen war. Seither empfand sie ihren Körper als tränenleeres Gefängnis ihrer wunden Seele. Dennoch ließ sie Vorsicht walten. Sie wollte sehenden Auges sterben, nicht hinterrücks erschossen werden oder als entehrte Gefangene enden.

Behutsam zügelte die Schönheit ihren hochschultrigen Rappen: Der Hengst witterte einen Menschen. Unauffällig ließ die goldlockige Kriegerin ihren Blick über den kühle Feuchte aushauchenden Waldsaum gleiten. Stille zirpte. Dann raschelte es im hartlaubigen Gestrüpp am Rand einer von wütenden Herbststürmen gerissenen Schneise. Ein Mann entschlüpfte gaukelnden Schatten. Er kam geräuschlos auf sie zu. Dunkel lächelnd glitt sie aus dem Sattel. Ihre Hand legte sich um den gebänderten Griff ihres Schwertes, obwohl der Blondschopf nicht wie ein Streitsucher wirkte.

»Bist du auf mein Ross aus, auf meinen Schmuck und meine Waffen?«, sprach sie den Ankömmling an, ohne zu glauben, dass er ein Wort verstand.

»Ich hielt dich auf, weil am Seeufer tödliche Fallen ausliegen«, ließ der auf zwei Schrittlängen herangekommene Bursche sie wissen.

»Sieh an«, sagte sie schmunzelnd. »Du sprichst Rejan.«

»Ich versuche mich daran.« Kettenblitze warfen Funken in seine weiten, von langen Wimpern gesäumten Augen.

»Du beherrscht es gut«, lobte sie. »Eine alte, hochsprachliche Form. – Wie kommt es, Schönauge?«

»Mein Volk spricht viele Sprachen«, erwiderte er.

»Wo wohnt dein Volk?«

»Hier und da«, antwortete er unbestimmt. »Weit weg von hier jedenfalls.«

Die Kriegerin lächelte. »Ich heiße Rani«, stellte sie sich vor, obwohl Rej das gewöhnlich unterließen.

»Alor«, sagte er. »Freut mich, dir begegnet zu sein.«

»Warum?«

»Weil es so ist.«

»Fein«, ätzte sie. »Schwatzhafte Naturen sind mir zwar ein Gräuel, aber dir lasse ich deine Redseligkeit durchgehen.«

»Lieb von dir.« Er scherte sich nicht weiter um sie, wandte sich um und ging. Er bewegte sich trittsicher und geschmeidig. Auf einer nahen Hügelkuppe blieb er unter einer windzerzausten Buche stehen.

Neugierig folgte ihm die Kriegerin und ihr langmähniger Hengst ihr. »Du verhältst dich sträflich leichtfertig«, tadelte sie, als sie neben ihren neuen Bekannten trat. »Einer Rej den Rücken zuzukehren, kann böse enden.«

Er erwiderte kein Wort, äugte hinüber auf den stillen See und das Stück Himmel, das die weite Wasserfläche überspannte. Unvermittelt ging er auf ein Knie, drückte ein rohrartiges Ding gegen die Schulter und richtete es auf gespenstisch glimmende Wolkenbänke.

»Woher rührt die widernatürliche Helle?«, fragte die Einheimische nach einer Weile.

»Von Positionsleuchten einschwebender Landungsfähren.«

»Nett von dir«, spöttelte sie.

»Wovon sprichst du?«

»Von deinem Eingeständnis, ein Außerweltler zu sein.«

»Falls es dich beruhigt: Ich kam nicht, um zu bleiben.«

»Die Herrn der Himmelsschiffe wollen sich auf Nhirwen einrichten«, urteilte sie.

»Was lässt dich darauf schließen?«

»Ihre an einem Ort zusammengezogene Masse spricht für beabsichtigte Eroberungszüge. Beutemacher und Sklavenjäger würden in kleineren, räumlich gestreuten Gruppen niedergehen.«

Er sah sie stumm an. Schließlich nickte er. »Bitte missdeute es nicht als Überheblichkeit, wenn ich dich ausnehmend klug nenne. Und bewundernswert gelassen.«

Sie lächelte unwillkürlich. »Du sprichst wie ein feinsinniger Ratgeber und gewiefter Botschafter.«

Er legte den zwischenzeitlich gesenkten Stock an. Offenbar suchend ließ er ihn wandern. Nach einigen Herzschlägen hielt er inne, atmete aus, sein Zeigefinger tippte einen winzigen Bügel an. Es knallte gedämpft. Ranis Blick flog in Richtung seines unsichtbaren Ziels. Eine grellrote Feuerblume knospte auf.

»Ein Überwachungsauge«, erklärte Alor und glitt in den Stand. »Du lebst noch«, bemerkte er verwirrenderweise.

»Was meinst du?«, fragte sie rau.

»Ich vernahm das trauriges Lied, das du sangst, während du den gewundenen Bachlauf heraufkamst. Solch bittere Verluste zu verwinden, fällt schwer.«

»Wovon, zum Teufel, redest du?«, fauchte sie und funkelte ihn aufgewühlt an. Auch deshalb, weil ihr der hellhörige Lauscher entgangen war. Mit einem Mal verwünschte sie ihn und sich und ihre zufallsgeborene Begegnung. Und dann ... nahm er sie in die Arme im einsetzenden Regen. – Ein Mann eine Rej! Und sie ließ es geschehen! Sanft wiegte sie der kesse Kerl. Leise singend. Irgendwann. In einer fremden, runden, wunderschönen Sprache.

Es stürmte, gewitterte und goss wie aus Kübeln. Bis auf die Haut durchnässt starrte Rani in die von grellen Blitzen gespaltene Schwärze. Sie hockte neben dem rätselhaften Gesellen. Wie er auf Zehenballen, zwei Schritte vom borkigen Stamm einer verkrüppelten Eiche entfernt. Sie fasste es noch immer nicht: Sie, eine der Unnahbaren, hatte sich von einem Krieger berühren lassen. Von einem Wildfremden. Ihre von geschwungenen Wimpern gesäumten Lider flatterten unmerklich, als ihr Blick sein Profil streifte. Kein halbwegs lebensverhafteter Mann wagte es, sich einer wehrhaften Rej unaufgefordert zu nähern. Nur Verrückte versuchten, eine Rej anzufassen. – Wusste der rätselhafte Bursche nichts von den tödlichen Bräuchen ihres Volkes? Obwohl er ihre Sprache beherrschte?

»Ich muss gehen«, wisperte er unvermittelt in ihre Gedanken hinein.

Und wieder geschah etwas, dass Rani nicht begriff und zeitlebens nie begreifen sollte: Sie umfasste seine Hand. »Wir gehen gemeinsam«, hauchte sie. »Du und ich.«