Die Nhirwen-Kriege

Die Wiederkehr der Nhiria

Ein nachtschwarzer Sternenkreuzer schwebte zwischen aufschießenden Gipfeln. Er stand über einem leeren, toten Mond. Menschen äugten in gedimmte Sichtschirme, auf abrollende Zahlenketten und farbwechselnde Anzeigen. Stille erfüllte die Brücke. Bitteres Schweigen.

»Sie verschlingen eine weitere Welt«, bemerkte eine schwarzlockige Schönheit irgendwann.

»Ein verstärkter Schlachtverband«, stellte ihr Gefährte fest. Auch sein Haar glänzte kohlenschwarz. »Wir drehen ab.«

Die Crew stimmte wortlos zu. Bis auf einen Mann. Er wandte sich ab vom Schirm und sah den Älteren an. Meerblaue Augen schimmerten im Brückenlicht und blonde Locken. »Ihr fliegt ohne mich«, entschied das jüngste Besatzungsmitglied und verließ die Schiffszentrale.

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Riesige Raumschiffe gingen auf Nhirwen nieder. Reihenweise sanken sie dem von zerstrittenen Stämmen und Völkern bewohnten Planeten entgegen. Die Kolosse landeten auf einer kriegerischen Welt, die kein Erbarmen kannte.

Ein hochgewachsener Generaladmiral verfolgte die präzisen Landemanöver, empfing Nachrichten, gab sparsam Befehle. »Was macht der armarische Kreuzer«, wandte er sich beiläufig an einen Stabsoffizier.

»Er verschwand vor Stunden aus der Ortung«, antwortete der blasshäutige Oberst. »Er dürfte Fluchtkurs gesetzt haben.«

Der Generaladmiral steckte eine filterlose Zigarette an, inhalierte, stieß Rauch aus. »Spüren Sie das Schiff auf«, befahl er. »Stellen Sie es.«

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Die Reiterin fröstelte trotz der gewitterträchtigen Schwüle, die auf dem durstigen Land lastete: Gewaltige Kugeln und Kästen durchbrachen Nhirwens blauschwarze Wolkenbänke. Das war kein herabstürzendes Himmelsgestein. Das wusste sie, obwohl feurige Farbenspiele an geschweifte Brocken aus dem All erinnerten. – Da sank gebändigtes Feuer herab. Es trug metallisch schimmernde Gebilde heran. Vollkommen geformte Ungetüme, jedes einzelne groß wie eine Burg. Sendboten des Todes. Die Kriegerin erfühlte es. Sie dachte an die furchtbare Vergangenheit ihrer Heimatwelt.

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Sirenen schrillten, Warnleuchten blitzten und blinkten, Lichtpunkte flammten auf im Sphärenschirm. Kampfschiffe stachen heran. Dem schieren Nichts entschlüpfte Jagdkreuzer und Korvetten. Die schiffsführende Armara sah ungerührt zu ihrem Mann auf. »Wir verharrten hier zu lange«, sagte sie. »Alor muss schleunigst von Bord.«

Ihr Gefährte nickte. »Wir sollten die gesamte Crew absetzen.«

Diesmal nickte sie und schaltete den waffenstarrenden Schlachtkreuzer gefechtsbereit. Wie so oft während ihres bewegten Lebens. Ein flüchtiger Blick auf Ladestandsanzeigen verdeutlichte, dass sie frühestens in anderthalb Stunden wegtunneln konnten. Sie tippte einen Auslöser an. Die verzögerungslos beschleunigende Anai raste Nhirwen entgegen. Als blau strahlende Dioden erloschen, streifte ein Lächeln den Mund der schönen Armara: Ein Jäger und schnittige Landungsfähren liefen Nhirwen an. Unter Schleiern verwirbelnder Ionenwolken und dröhnender Störsender, unter dem Schild unablässig feuernder Schiffsbatterien.

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Die Kriegerin zügelte ihren schnaubenden Streithengst. Gebannt sah sie auf in den von gleißenden Blitzen zerrissenen Nachthimmel. Hinein in wallende, sich aufblähende, unnatürlich helle Wolken. Sie begriff, dass sich in ihre Welt eingefallene Fremdlinge mit einem mörderischen Gegner schlugen.

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Der Generaladmiral sah unfroh auf, als sein Stellvertreter eintrat: Der armarische Kreuzer tanzte tödliche Reigen. Er wehrte sich erschreckend wirkungsvoll. Doch ein Entrinnen gab es nicht. Einschläge erschütterten das kampfgewaltige Schiff, seine Schilde brachen, Panzerpartien verdampften. »Sie flohen verspätet«, murmelte der Generaladmiral. »Wieso, Oberst, kapituliert die Besatzung nicht?«

»Ergab sich je eine armarische Crew?«, antwortete der Offizier mit einer Scheinfrage. Unwillkürlich hielt er den Atem an: Das angeschlagene Sternenschiff jagte einem von Kreuzern gebildeten Feuerrad entgegen. Es stürmte in sein letztes Gefecht. – Begleitet vom stolzen Sterbelied eines verwoben singenden Paares.

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Die Kriegerin zuckte zusammen. Jaulend raste ihr ein ins Riesenhafte wachsender Schatten entgegen. Das Mondlicht fressende Ungetüm trug brodelnde Wunden im geflügelten Rumpf. Ein kobaltblauer Strahl zuckte aus seinem Hinterteil, erlosch, flammte stotternd auf. Heranfegende Stoßwellen bogen ein Meer von Tannenwipfeln. Die Kriegerin blickte dem sterbenden Sternenkreuzer ausdruckslos entgegen. Das von metallkeramischen Dämpfen umwehte Ungeheuer peitschte über sie hinweg und verschwand jenseits naher Bergkuppen. Es zog Donnerfahnen nach sich.

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Aufgesprungene Armara eilten zum Eingang der als Unterschlupf gewählten Höhle. Manche rissen die Hände vors Gesicht, als der durch Wälder fräsende Schlachtkreuzer im gespenstischen Leuchten flackernder Triebwerke in einen Dunst aushauchenden See raste und gurgelnd darin versank.

Niemand verschwendete einen Gedanken an einen sonderbaren Umstand: Das Kriegsschiff ging unweit ihres von Alor zielsicher angesteuerten Verstecks unter.

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Der Generaladmiral zerknüllte eine geleerte Zigarettenschachtel und fischte ein frisches Päckchen aus einer Uniformtasche. »Oberst, wir lassen den abgestürzten Raumer ruhen«, beschied er. »Armarische Kreuzer detonieren wie Novabomben, macht man sich unbefugt an ihnen zu schaffen.«

»Intakte, auf Gefechtsmodus stehende Schiffe«, schränkte der erfahrene Offizier ein.

»Dieser Schrotthaufen würde uns keine verwertbaren Erkenntnisse eintragen. Ich riskiere nicht sinnlos Mensch und Material.«

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Alor verstellte erregten Gefährten den Weg. Es war ebenso unsinnig wie gefährlich, die Absturzstelle aufzusuchen. Der Feind befand sich zweifellos dorthin unterwegs, es war stockdunkel, die Gegend besaß ihre Tücken. »Geht ihr jetzt nachsehen, werden wir entdeckt«, erklärte er nachdrücklich, wobei er jetzt betonte.

»Das müssen wir riskieren!«, ereiferte sich ein Mann, »Vielleicht überlebten die beiden!«

»Hoffentlich«, unterstrich Alor. »Dennoch warten wir ab.«

»Hast du das zu entscheiden?«, erhitzte sich sein Gegenüber. »Was bildest du hergelaufener Bastard dir ein!«

Alor nahm die gehässige Anfeindung ungerührt hin.

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Hubschrauber sprangen über den Horizont. Bald kreisten dreizehn Maschinen über dem Dampfwolken ausstoßenden See. Scheinwerferkegel wanderten, Ortungselektroniken suchten, bewaffnete Trupps durchkämmten die Ufersäume. Stundenlang. Im Morgengrauen zogen die Einsatzkräfte ab. Sie waren überzeugt, dass niemand das vernichtete Schiff verlassen haben konnte. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war dessen Besatzung tot.

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Neuerlich hielt Alor ungeduldig drängende Gefährten zurück. In einem Punkt gab er ihnen recht: Die Wahrscheinlichkeit, vom Raum aus entdeckt zu werden, war gering, da Kaynór die Masse seiner Schiffe weit außerhalb der Orbitalbahn hielt. Bei Landungsoperationen fädelten Befehlshaber selten mehr als zwanzig Raumer in die Anfluglinie ein und deren Kapitäne hatten Besseres zu tun, als abseits zugewiesener Einflugschneisen liegende Planetenpartien zu scannen. Allerdings vermutet er, dass abgezogene Suchmannschaften eine Sonde hinterlassen hatten.

»Willst du abwarten, bis das verdammte Ding blitzgetroffen ausfällt?«, erregte sich eine Frau.

»Schwebt dort draußen ein Spion, werden wir ihn ausschalten«, versicherte Alor unbeirrt und ging.