Mithra

Vergessene Erinnerungen

Mithras Heiterkeit verflog: Er nahm störende Muster in der augenscheinlich fließenden Menge wahr. Er filterte Strahlen heraus. Die Linien schnitten sich in ihm. Lautlos verwünschte er seine Torheit, einen erhöhten Standort gewählt zu haben. Er stand da wie auf dem Präsentierteller. Zerknirscht schritt er die Stufen hinab und tauchte in die Masse ein. Er hielt auf den nordöstlichen Abschnitt der İstiklâl Caddesi zu. Er wich Entgegenkommenden aus, um Stockungen und Verwirbelungen im Passantenstrom zu vermeiden. Er vermutete, der vorher ins Visier genommene Feind war auf die Straßenmitte eingeschwenkt. Vor seinem geistigen Auge verfolgte er den angenommenen Weg des Jägers. Ihn erfüllte jene Leere, die ein Mensch rief, der berechnet zu töten beabsichtigte. Die Ordenskrieger mussten bluten. Starb einer von ihnen einsam, verschaffte das ihrem Opfer Zeit, da sie einstündige Abschiedsriten vollzogen. So hielten es die zähen Jäger seit Jahrtausenden. Ausnahmslos. Ihr Handeln entbehrte jeder Vernunft, doch das galt in Bezug auf ihr mörderisches Treiben nicht weniger.

Während Mithra sich dem Chronta näherte, rief er fortlaufend Bilder aus der Projektorlinse im linken Auge ab; Mikrokameras übertrugen das außerhalb seines Sichtfelds laufende Geschehen. Er verspürte beileibe kein Verlangen, sich hinterrücks überraschen zu lassen. Wieder einmal hörte er die Todesengel kommen, bevor er sie sah. Lautstarke Verwünschungen angerempelter Touristen verrieten ihm, wo sich die Schurken befanden. Ein Stachel glitt in seine Linke. Er schlüpfte durch eine Lücke in der Menschenwand. Dunkle Augen weiteten sich in einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen. – Als Mithra mit dem Chronta zusammenstieß. Ansatzlos rammte er dem drahtigen Südländer das vergiftete Holz in die Armbeuge und verlor sich im Gedränge. Der Mann wirkte wie festgenagelt. Seine Augen verglasten, gelähmt kippte er um. Sein Herz stand still, ehe er aufs graue Pflaster schlug.

Der Dämon tötet mit dem Teufelsdorn, durchzuckte ihn eine letzte Erkenntnis, bevor ihn saugende Schwärze in ein kaltes, leeres Nichts riss.

Mithra verschwand in einer Seitenstraße der Fußgängerzone. Im Gehen wechselte er sein Hemd, wobei er den Erfassungswinkel einer Überwachungskamera unterlief. Das erregte Aufsehen kümmerte ihn nicht; binnen weniger Lidschläge würde sich niemand mehr an ihn erinnern. Er tauschte seine dunkelblaue Kappe gegen eine hellgraue und kehrte auf die überlaufene İstiklâl Caddesi zurück. Gewöhnlich nutzte er gewonnene Zeit, um sich davonzumachen, diesmal dachte er nicht an Flucht. Aus dem Obergeschoss eines Eckladens beobachtete er ein erwartetes Geschehen: Die Chronta versuchten ihren getöteten Bruder unverfänglich in einen Schlupfwinkel zu schaffen. Er zählte zwölf Mann! Zwölf! Plus den Toten! Ihn überlief ein Frösteln. Zwar lagen die Organisationsstrukturen des unheiligen Ordens im Dunkeln, aber ein Detail hatte er beim Belauschen zechender Jäger erfahren: Üblicherweise stand hinter Feldeinsatzgruppen ein Zweifaches an Spähern, Analysten, Technikern und Logistikern. Gemäß dieser Faustregel hingen neununddreißig Chronta auf seiner Fährte! Abzüglich eines Toten.

Mithra nagte auf der Unterlippe. Anzahl und Stärke feindlicher Einheiten erhöhten sich alljährlich. Entweder rekrutierte der Orden verstärkt oder bekam Kräfte infolge gehäuften Abschlachtens anderer Unsichtbarer frei. Ihm kam eine dritte Erklärung in den Sinn: Die feindliche Führung maß seiner Beseitigung neuerdings gesteigerte Bedeutung bei. Traf das zu, fragte sich, warum. Er fluchte lautlos: Was Triebfedern und Stoßrichtung des uralten Geheimbundes anbelangte, stand er vor einer Wand flimmernder Fragezeichen. Aus dem Verkehr gezogene Chronta erwiesen sich als halsstarrige Schweiger. Niederträchtige Geistesgestörte unter den Unsichtbaren folterten Gefangene erbarmungslos, um ihnen Informationen zu entlocken, doch die grausam verstümmelten Menschen nahmen ihr Wissen mit in den Tod. Vergegenwärtigte sich Mithra die Abartigkeit mancher Artgenossen, erschien die Jagd der Chronta ausschnitthaft gerechtfertigt. Allerdings billigte er dem Orden kein Quäntchen Menschenfreundlichkeit zu. Indizien brachten ihn mit dem Aufstieg widerwärtiger Naturen wie Leopold II. von Belgien, Hitler, Stalin, Idi Amin Dada oder Pol Pot in Verbindung. Die politische Gesinnung jeweiliger Despoten schien der Ordensspitze gleichgültig zu sein, Hauptsache, es floss Blut. Hier und jetzt halfen derlei Betrachtungen nicht weiter. Er stand vor einem ernsten Problem: Je mehr Killer ihm die Gegenseite auf den Hals hetzte, desto wahrscheinlicher wurde sein unfreiwilliger Abgang. Angesichts eines mutmaßlich rund vierzigköpfigen Jagdrudels färbte das Wort brenzlig seine Lage schön, zumal weitere Chronta Bahnhöfe, Flughäfen und Fährstationen überwachten. Das stand fest. Er spielte mit dem Gedanken, einen halbwegs sicheren Ort aufzusuchen und sich in Mira zu verwandeln. Sie konnte durch die Maschen schlüpfen. Ihre Stärken auszuspielen, verlockte ihn, doch verwarf er die Idee. Erstmals seit langer Zeit brodelte unbändige Wut in ihm auf. Er hatte die Nase voll davon, andauernd wegzurennen und bei jedem unerwarteten Geräusch zusammenzuzucken. Als er letztmals in eine vergleichbare Stimmung geschlittert war, starben zwölf Kavalleristen einer über arglose Cheyenne herfallenden US-Schwadron. Er bereute nie, die johlenden Schlächter aus den Sätteln geschossen zu haben. Die herbstliche Sonne warf Funken in seine Augen, als er sich an die Fersen der Chronta heftete. Seiner Hand entschwirrten hornissengroße Drohnen. Sie übertrugen gestochen scharfe Bilder. Die gescheiterten Mörder erwiesen sich als berechenbar: Sie steuerten ein vergleichsweise ruhiges Gebiet an. Wie üblich ließen sich Männer hinter den Trupp zurückfallen, in einer verschlafenen Gasse spalteten sich zwei dieser vier als Sicherungsposten ab. Mithra wählte einen Umweg, um das in einem Durchgang verschwundene Gespann ins Jenseits zu befördern. Er tötete schnell und mitleidlos.

Mithra wusste, dass die übrigen Mitglieder der Nachhut umkehren würden, sobald Meldungen ihrer Kameraden ausblieben. Er entwand den Toten ihre Berettas, prüfte die Magazine und versicherte sich, dass beide Pistolen durchgeladen waren. Bedächtig schraubte er die Schalldämpfer ab, steckte sie den Leichen in die Münder und Reservemagazine ein. Er nahm die Handys seiner Opfer an sich und deinstallierte eingespielte Ortungs-Apps. Mit gesenktem Kopf ging er das Sträßchen hinab, rief seine Drohnen zurück. Im erstbesten Imbiss bestellte er Kaffee und setzte sich an einen schattigen Tisch vor dem Lokal. Wiederholte Rufmeldungen des einem Toten abgenommenen Mobiltelefons missachtete er. Natürlich nahten Chronta. Und zweifellos näherten sie sich dem Standort ihrer schweigenden Kämpfer getrennt, da sie stets mehrseitig vorstießen. Aber der Herweg zurückkehrender Aufklärer interessierte Mithra nicht. Er wettete sein letztes Hemd, dass in Kürze über den Leichenfund unterrichtete Spießgesellen seiner Position entgegenfahren würden. Sie konnten ihre Toten einzig mittels eines Autos fortschaffen, die Gasse unterlag einer Einbahnregelung. Angesichts des von Baustellen zusätzlich verlangsamten Stadtverkehrs musste es dauern, einen fahrbaren Untersatz heranzuführen. Also stellte er sich auf ereignisloses Warten ein.

Nach einer Dreiviertelstunde rumpelte ein mit vier Anzugträgern besetzter Kleinbus die Gasse herauf. Die Gesichter hinter der Windschutzscheibe erkannte Mithra wieder. Er stand auf, passte den rechten Augenblick ab. Seine Arme flogen hoch, Berettas spien Tod und Verderben. Der Motor heulte auf, der reflexhaft beschleunigte Wagen krachte ins Heck einer verbeulten Rostlaube. Mit einer Waffe feuernd, klinkte Mithra das geleerte Magazin der anderen aus und lud fließend nach. Sichernd ging er auf den Wagen zu, unbewegt schoss er dem augenscheinlich toten Fahrer eine Kugel in die Schläfe, dann dem Sterbenden auf der Rückbank. Und wie ihn richtete er den Beifahrer und den verröchelnden Milchbart hinter dem Goliath hin. Rasch tastete er die Sakkotaschen einer Leiche ab. Er fand die gesuchte Schlüsselkarte: Die Unterkunft der Männer lag südlich des Goldenen Horns, in Istanbuls Altstadt.

Unbewegt hob Mithra eine Pistole und holte einen aus Richtung der niedergemachten Nachhut heranstürmenden Chronta von den Beinen. Er schoss dem Fleischberg in den Bauch, weil er in befragen wollte, auch wenn er keine Antworten erwartete. Kurze Salven rissen die beiden anderen, unablässig feuernden Feinde in den Tod. Den Streifschuss am rechten Oberarm bemerkte Mithra kaum. Um die verschreckte Anwohnerschaft zu beruhigen, rief er den Sieg des Gesetzes über eine schießwütige Drogenbande aus. Er verkündete seine Botschaft in fließendem Türkisch. Er schaltete auf eine Altsprache um, als er neben dem wimmernden Überlebenden mit der zerfetzten Bauchdecke in die Hocke ging.

»Warum, zum Henker, jagt ihr uns?«, fragte er hart. Der Ordenskrieger starrte ihn hasserfüllt an.

»Ihr Dämonen seid eine Pest«, krächzte er, »Eine elende Brut, die es auszurotten gilt.«

»Du hältst mich allen Ernstes für einen Dämon?«, fragte Mithra vorgeblich staunend.

»Du bist der schlimmste von allen«, presste der verblutende Jäger stoßweise hervor. »Du hast unzählige Leichtgläubige irregeleitet. Du hast ihnen dermaßen die Sinne vernebelt, dass sie dich als Beherrscher des Universums anbeteten.«

»Was hätte ich davon gehabt?«

»Du hast es getan«, flüsterte der Chronta. »Der Herr wird dich auf immer für deine Vermessenheit brennen lassen.«

Mithra schnaubte leise. »Warum beschmutzt ihr euch die Hände, wenn es euer Meister letztlich richten wird?«

»Weil eure Macht die Kreise des einzig wahren Gottes stört.«

»Dann dürfte dein angehimmelter Götze ein Schwächling sein«, befand Mithra. »Oder heillos unfähig. Oder beides zugleich.«

»Er ist allmächtig und allwissend«, hauchte der Chronta.

»Das eine schließt das andere aus. Vielleicht würdest du das eines Tages begreifen, doch ermangelt es dir an Zeit, höhere Sprossen der Logikleiter zu erklimmen. Und noch etwas sei dir mitgegeben: Dein Gott muss ein boshafter Fiesling sein, wenn er euch Dämonen auf den Hals hetzt, die er eurer Überzeugung nach gewiss eigenhändig schuf. – Wann offenbarte er sich eigentlich?«

»Vor weit über zwölftausend Jahren«, keuchte der Chronta.

»Anscheinend ließ er sich Zeit mit seinem Outing«, urteilte Mithra. »Oder schlüpfte er erst damals aus dem Ei?«

»Er ist ewig«, seufzte der Sterbende. »Wie ihr bösen Geister ewig seid.«

»Ich erinnere mich gerade einmal an dreizehntausend Jahre. Das ist wenig gemessen an einer Unendlichkeit, meinst du nicht? Dein Glaube wirkt windig, mein Freund.«

Der Chronta lachte lautlos auf. »Du bist und bleibst ein Ketzer, Verführer und geistiger Brandstifter.«

»Wie Prometheus und Luzifer, die einer unterdrückten Menschheit das Licht und die Erkenntnis brachten?«

Der Mund des Chronta verzog sich angewidert. »Fahr’ zur Hölle!«, giftete er. »Dort gehörst du hin!«

»Womöglich«, gestand ihm Mithra zu. »Danke übrigens, dass du mit mir sprachst.« Er federte in den Stand. »Soll ich dich erlösen?«

»Ich ziehe es vor, mein Ende meinem Schöpfer zu überlassen.«

»Dieses erbärmliche Ungeheuer schert sich einen Kehricht um dich, andernfalls lägst du nicht verreckend hier.« Übergangslos jagte er dem leidenden Todgeweihten eine Kugel in die Stirn. »Heute wird morgen der Tag sein, an dem mein Krieg gegen den Orden begann«, murmelte er, warf beide Waffen weg und verließ den schaurigen Ort. Mithra hinterließ keine biologischen Spuren. Als alarmierte Polizeikräfte Aussagen aufzunehmen begannen, erinnerte sich kein Augenzeuge mehr an ihn. Auch gab es keine verwertbaren Handyaufnahmen. Es wirkte, als hätte ein Geist gewütet. – Ein Gespenst, dessen Handschrift einen erfahrenen, auf Nummer sicher gehenden Killer verriet.