Mithra

Vergessene Erinnerungen

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Istanbul, Türkei. Mithra zählte zu den Unsichtbaren. Er war ein Mann, den Menschen rasch vergaßen. Wenige Herzschläge nach einer Begegnung begann sein Bild in ihrem Gedächtnis zu verblassen. Dabei besaß er auffällige Merkmale: Seine Statur glich verklärenden Darstellungen früher Krieger, sein Gesicht wirkte überirdisch schön, er sprach melodiös und bewegte sich geschmeidig. Worauf sein Vergessenwerden beruhte, entzog sich Mithras wahrem Verständnis. Dasselbe galt hinsichtlich einer außergewöhnlichen Fähigkeit: Er konnte sich in eine Frau verwandeln. Er musste sich nur konzentrieren, um die Metamorphose auszulösen. Sie verlief schmerzfrei, bedurfte allerdings einer kräftezehrenden Stunde. Ihm widerstrebten derartige Geschlechtswechsel, doch bisweilen erwies sich seine Verweiblichung als kluger Zug, um seinen Todfeinden zu entrinnen. Sie, die Chronta, ahnten nichts von seiner zweiten Identität, obwohl sie ihn seit undenklicher Zeit verfolgten. In seiner weiblichen Larve konnten ihn die hartnäckigen Bluthunde weder aus der Ferne aufspüren noch aus der Nähe erkennen. Vor diesem Hintergrund wirkte es vernünftig, dauerhaft als Frau zu leben, aber das wäre einer Selbstaufgabe gleichgekommen.

Mithras frauliches Ich nannte sich Mira. Sie war eine halbe Handspanne kleiner als er und deutlich leichter. Darüber, wohin überschüssige Pfunde während einer Verwandlung verschwanden, rätselte er vergebens. Die Schönheit fiel auf wie ein farbenprächtiger Regenbogen im sommerlichen Himmelsblau; kaum jemand vergaß sie je. Miras von schwarzen Locken gerahmte Züge strahlten jene Art kühler Unnahbarkeit aus, die Männer unwiderstehlich anzog. Schon deshalb scheute Mithra davor zurück, als Mira aufzutreten. Sein Hauptproblem mit der kurvenreichen Augenweide bestand darin, ihren Leib als wesensfremde Hülle zu empfinden. Nach jeder Verwandlung musste er sich zeitweilig zwingen, sich weiblich zu verhalten. Zwar gab Miras Körperbau geschlechtstypische Bewegungsabläufe vor, doch griffen ihre Instinkte verzögert. Der schleichende Übergang verband sich mit geistigen und gefühlsmäßigen Umpolungen: Mithra nahm die Welt mit anderen Augen wahr, er dachte anders als gewohnt. Er bemerkte seit langem, dass sich dieser Bewusstseinswandel verstärkte. Mira pochte auf ein Eigenleben. In wiederkehrenden Albträumen sah er seine notgeborene Weiblichkeit unumkehrbar festgeschrieben.

Mithra betrat sein Hotel, durchquerte das mit Nippes überfrachtete Foyer und nahm die Treppe in den ersten Stock. Er prüfte das Schloss der Zimmertür, ehe er eintrat. Er duschte, schlüpfte in frische Kleidung und verstaute seine Habseligkeiten in einem handlichen Rucksack. Bei einem beiläufigen Blick in den Wandspiegel schüttelte er unwillig den Kopf: Seine am Vortag braun gefärbten Haare schimmerten in ihrem natürlichen Blond. Er fragte sich einmal mehr, weshalb er die vergeblichen Mühen äußerlicher Veränderungen noch auf sich nahm. Das Erscheinungsbild von Unsichtbaren änderten selbst umfassende Gesichtsoperationen nicht über den Wundheilungsprozess hinaus.

Mithra setze eine Kappe auf und schulterte sein Gepäck. Er beglich seine Rechnung bei einem Angestellten, der ihn vergessen hatte und neuerlich vergessen würde. Er hätte sich jahrelang einmieten können, es wäre tagtäglich dasselbe peinliche Spiel gewesen. Angesichts seines Fluchs verschwendete er keinen Gedanken an eine feste Beziehung: Eine Gefährtin, die nach jedem Toilettengang einen Fremden in ihm erblickte und sich an kein Vortagsgespräch erinnerte, verdiente diesen Namen nicht. Zwar überdauerten ihm entgegengebrachte Gefühle lange Zeiten des Vergessens, doch lief jedes Miteinander auf eine fortwährende Begrüßung hinaus. Außerdem verdammte ihn sein Dasein als ewig Gejagter zu unaufhörlichen, häufig blitzartigen Ortswechseln. In seiner Nähe lebte es sich brandgefährlich.

Mithra hielt auf dem Treppenkopf inne und sah auf in Istanbuls wolkenlosen Himmel. Zerfasernde Kondensstreifen mahnten zur baldigen Abreise. Wohin es ging, würde sich weisen. Er kannte die meisten Erdenwinkel über viele Zeitalter hinweg, da seine ungetrübte Erinnerung dreizehn Jahrtausende zurückreichte. Tauchte er tiefer in die Vergangenheit ein, verschwammen Szenen und Bilder mehr und mehr, bis sie sich in silbernen Nebeln verloren. Es existierten andere, ähnlich alte Unsichtbare, das wusste er. Sie erkannten einander. Einzig Mira unterlief die Wahrnehmung seiner Schicksalsgenossen, in ihr erfühlte keiner seinesgleichen. Umgekehrt funktionierte der rätselhafte Erkennungsmechanismus. Darüber, wie es seinen durchweg männlichen Bekannten ergangen war, wusste Mithra wenig, da er seit Ewigkeiten einsame Wege beschritt. Die meisten Unsichtbaren hielten es so. Ein normalmenschliches Sozialverhalten ließen sie mehrheitlich vermissen. Viele scherten sich wenig um Befindlichkeiten Dritter; sie handelten im Bewusstsein, vergessen zu werden, gleich ob sie liebenswürdig oder bösartig auftraten. Die verbreitete Gleichgültigkeit anderen Menschen gegenüber entsprang alltäglich erfahrener Vereinsamung und gefühlter Vergeblichkeit. Wenig verwunderlich, spielten viele Unsichtbare öfter mit dem Gedanken, sich umzubringen. Auch Mithra befiel gelegentlich tiefer Lebensüberdruss. In derartigen Gemütslagen verkroch er sich und soff. Der Griff zur Flasche diente einzig dazu, sich in den nächsten Tag zu retten. Im Widerspruch zu ab und zu aufkommenden Todessehnsüchten beugte er der Gefahr vor, wehrlos überrumpelt zu werden: Er ließ sich in Miras Gestalt volllaufen. Seine weibliche Hälfte vertrug geringere Alkoholmengen. Damit verkürzte er den Weg in die Volltrunkenheit beträchtlich. Zugleich milderte er den unausweichlichen Kater ab, da er sich beim Erwachen in einen Mann zurückverwandelte, dem Miras minderes Fassungsvermögen zustattenkam.

Mithra ließ seinen Blick schweifen. Ihm behagte das Gewimmel in Istanbuls Haupteinkaufsmeile. Er hielt sich bevorzugt an belebten Orten auf. Sich vor den Chronta zu verbergen, gelang am besten inmitten bewegter Menschenmassen. Die Kehrseite der Medaille war, dass sich Mordgesellen in solchen Umfeldern bisweilen unbemerkt nähern konnten. Einer dieser Vorfälle hatte sich 1590 im Basar von Lahore ereignet. Seinerzeit griffen ihn als Soldaten von Großmogul Akbar getarnte Chronta an. Nach dem unvermeidlichen Gemetzel fühlten sich acht Söldner versucht, ihm den Garaus zu machen. Dass ihnen Erfolg beschieden gewesen wäre, bezweifelte er: Vielfach hatte er weit größere Haufen geschlagen, ohne sich ansatzweise zu verausgaben. Glücklicherweise war ihm ein Kampf erspart geblieben: Salim höchstselbst – der spätere Kaiser Jahangir – hatte die Meute zurückgepfiffen und ihn zu einem Gelage eingeladen. Tags darauf erinnerte sich kein Mensch mehr an ihn, weder im Palast noch auf der Straße.

Trotz aller Flüchtigkeit hatte Mithra Spuren in Aufzeichnungen hinterlassen, die Gesetzgebung beeinflusst, mitunter Entscheidungen über Krieg oder Frieden. Die Auswirkungen seines Tuns reichten freilich weiter. So verehrten ihn sinnsuchende Geister in Persien, Indien und Kleinasien einst als Gott des Rechts und Vertrags. Auch im alten Rom galt er Anhängern einer Mysterienreligion als Himmlischer; die Gläubigen nannten ihn Sol invictus – unbesiegter Sonnengott. Dass aus seinen während Fürstenempfängen, Tempelfesten und Gelehrtengesprächen umrissenen Ansichten Kulte hervorgegangen waren, verbitterte ihn bis heute. Wie man seine Worte verbogen, welche Legenden man um ihn gerankt hatte, missfiel ihm kaum weniger. Ein Fakt belustigte ihn hingegen: Frühe Perser kannten ihn auch als Naturgöttin, als Mitra, die erste und höchste Mutter. Er hegte keinerlei Zweifel, dass hinter etlichen Göttern und Propheten der Menschheit Unsichtbare standen. Zwar erinnerte sich niemand an deren Aussehen, doch hallten ihre Worte und Namen nach. Gerade auf diese Namen stützte sich seine Überzeugung. Er kannte Unsichtbare, die Zeus, Odin, Osiris, Jahwe, Shiva, Atalangana oder Awqakuq hießen. Es handelte sich um Männer, die auf ein langes Leben zurückblickten, ehe entsprechende Kulte aufgekommen waren. Die angebeteten Götter wiesen frappierende Übereinstimmungen mit gleichnamigen Unsichtbaren auf, zudem lagen die Geburtsstätten der Religionen in deren jeweils bevorzugten Aufenthaltsgebieten. Dass manche Gottheiten sowohl ein männliches als auch ein weibliches Gesicht besaßen, deutete Mithra als Hinweis auf die Existenz anderer Gestaltwandler. Das verbreitet ausgewogene Geschlechterverhältnis zwischen verehrten Göttern erklärte dieser gedankliche Ansatz nicht. Er führte zurück zu einer bemerkenswerten Tatsache: Anscheinend gab es keine weiblichen Unsichtbaren.

Mithra belächelte sich selbst: Wieder verstrickte er sich in oft vorher durchgespielte Überlegungen.