Geheimakte Hayden

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Chicago, Illinois, USA, 05. Juli, 4:45 Uhr

Carmen durchfuhr die von geschmiedeten Gittern eingefasste Einfahrt eines Anwesens. Konisch zugeschnittene Nadelbäume und geometrisch überformte Buchsbaumhecken säumten den Weg. Aufgeschreckte Kaninchen entflohen dem Scheinwerferlicht.

Carmen parkte am Ende einer Fahrzeugreihe. Ein FBI-Agent rauchte vor dem historistischen Gebäude. Angewidert nahm Carmen die protzige Eingangshalle wahr. Sie empfand die Ansammlung prunkvoll gerahmter Ölgemälde und schwerer Edelholzmöbel als geschmacklos. Kristallene Lüster und Marmorstatuetten überfrachteten die Repräsentationsbedürfnissen entsprungene Räumlichkeit.

Carmen betrat ein von Stilmöbeln beherrschtes Herrenzimmer. Vier Anwesende erhoben sich, reichten ihr reihum die Hand und sanken zurück in hochlehnige Polsterstühle. Carmen ließ sich nieder, überschlug die Beine und wartete.

Robert Dickson, Leiter einer bundespolizeilichen Sonderabteilung, räusperte sich. »Senator Saint Paul«, stellte er einen stiernackigen Mann vor. Der faltenlose Kongressabgeordnete nickte Carmen zu. »Dr. Louis, Anwalt der Familie Saint Paul«, führte Dickson einen gelfrisierten Mittfünfziger ein, dessen öliges Lächeln Carmen so echt vorkam wie schlechte Dollarblüten. Die vollschlanke Frau zu seiner Rechten hieß Shirley Sheldon. Die mausgrau gekleidete FBI-Beamtin musterte Carmen mit jener fühlbaren Abneigung, die ihr viele Geschlechtsgenossinnen entgegenbrachten. Sie nahm es als eine von vielen Belanglosigkeiten hin. Der Blick, mit dem Dr. Louis ihre Oberweite vermaß, zählten ebenso dazu, wie Dicksons aufdringliches Rasierwasser. Nicht in die Kategorie alltäglicher Nichtigkeiten fielen Saint Pauls gezupfte Brauen, die diamantbesetzte Krawattennadel, ein augenfälliger Siegelring und seine kostbare Armbanduhr sprachen für eine an Oberflächlichkeiten orientierte Eitelkeit.

Carmen bemerkte Saint Pauls Unmut, als ein jüngerer Mann eintrat. Der Ankömmling wirkte aufgedunsen, verkatert, übernächtigt.

»Mein Sohn, Cedric«, stellte Senator Saint Paul seinen unrasierten, von Minzgeruch umwölkten Mitbewohner vor. Eine verächtliche Note schwang in seiner sprachgeschulten Stimme. »Dekorierter Major der Spezialkräfte, ehe er sich dem Privaten verschrieb.«

Robert Dickson wandte sich an Carmen. »Unmittelbar nach der Abfahrt von einer Cocktailbar vernahm der Chauffeur von Mr. Cedric Saint Paul ein alarmierendes Geräusch. Wie eine Sichtprüfung der Limousine ergab, hatte großkalibrige Gewehrkugel die Kofferraumhaube durchschlagen.« Dickson pausierte berechnet. »Beim Öffnen des Kofferraums fanden gerufene Streifenbeamte einen Bogen samt Köcher, den Sozialversicherungsausweis und Kreditkarten des ersten Bogenmörderopfers.«

»Für die Familie Saint Paul unerklärlich«, bemerkte Dr. Louis scharf.

»Gleichwohl Fakt«, stellte Dickson sachlich fest.

»Untergeschoben«, behauptete der hakennasige Anwalt herablassend. »Offensichtlich.«

»Ersteres mag zutreffen«, räumte Dickson ein. »Von offensichtlich zu sprechen, geht fehl. Es fand sich kein Hinweis auf eine unbefugte Öffnung des Kofferraums.«

Senator Saint Paul schnaubte unwillig. »Meinen Sohn mit diesen Irrsinn verratenden Tötungsdelikten in Verbindung bringen zu wollen, ist absurd«, grollte er. »Weder versteht er, einen Bogen zu handhaben noch befindet er sich in einer körperlichen Verfassung, über die Ihr Meisterschütze verfügen muss.«

Innerlich schwankte Carmen, ob Saint Paul stressbedingt ungeschickt argumentierte oder halbseiden taktierte. Seine einleitende Bemerkung wirkte lächerlich. – Weil ein offenkundiger Bezug zwischen den Morden und seinem Sprössling bestand.

Das begriff Dickson auch, sah jedoch davon ab, dem bekanntermaßen streitlustigen Senator zu widersprechen. Nebensächlichkeiten aufzubauschen, führte zu nichts. Erwartungsgemäß zog er sich auf einen Allgemeinplatz zurück. »Wir werden relevante Aspekte mit gebührender Sorgfalt untersuchen«, versicherte er. »So diskret, wie möglich.«

»Sie sollten diesen geistesgestörten Attentäter fassen, der Herrn Saint Paul Junior ins Fadenkreuz nahm«, säuerte Dr. Louis vorwurfsvoll. »Darin liegt Ihr Auftrag. Darin, rechtschaffene Bürger vor hierzulande ausufernden Untaten krimineller Elemente zu schützen.«

»Wir sind uns unseres Auftrags vollumfänglich bewusst«, belehrte ihn Dickson kühl.

Der Anwalt nickte begütigend. »Natürlich, gewiss. Ich wollte lediglich verdeutlichen, dass Cedric Opfer, nicht Täter ist. Er wurde Ziel eines hinterhältigen Mordanschlags.«

Carmen bezweifelte das. Jeder tötungswillige Attentäter hätte gefeuert, solange sich Saint Paul im Freien befand. Zudem wählten sie Positionen, die freie Sicht auf ihr Opfer boten und mindestens zwei gezielte Schüsse zuließen. Laut Dicksons telefonischer Vorabinformation lauerte der Heckenschütze hingegen an einer Stelle, die keine uneingeschränkte Beobachtung des Barausgangs gestattete, wohl aber ein ideales Schussfeld auf abfahrende Pkw eröffnete. Nach Carmens vorläufigem Urteil unterlegte die merkwürdige Tat die Absicht, einen aktenkundigen Zusammenhang zwischen den Morden und Cedric Saint Paul herzustellen. Der Schütze hatte ihn gleichsam markiert, ihn gebrandmarkt. – Aber auch den wahren Mörder? Carmen hielt das für unwahrscheinlich. Der unbeteiligt in einem Sessel lümmelnde Senatorensohn erweckte – darin gab sie den schönfärbenden Worten seines Vaters recht – den Eindruck eines körperlichen Wracks. Selbstredend belasteten gefundene Gegenstände nicht notwendig ihn. Auch der Senator, der Fahrer, einige Bedienstete mehr, zählten zum Verdächtigenkreis. Besaßen sie Alibis für jeweilige Mordzeitpunkte, waren sie aus dem Schneider. Gegebenenfalls spielte der Schütze ein dümmliches, weil für ihn riskantes Spiel. Verhielt es sich gegenteilig, offenbarte sein Handeln diabolische Qualitäten. Genau das glaubte Carmen, schob müßige Überlegungen jedoch beiseite. Ohne belastbare Resultate der Spurensicherung, ohne Befragungsergebnisse bewegte sie sich im Reich haltloser Spekulationen. Klar war, dass erschwerte Ermittlungen bevorstanden. Saint Pauls galt als gesellschaftliche Größe und die USA waren entgegen ihrer Selbstbeweihräucherung alles andere als ein Land der Gleichen. Im Gegenteil: Die Vereinigten Staaten zählten zu den ethnisch-sozial am stärksten gespaltenen Ländern weltweit. Gleichauf mit Brasilien und Südafrika. Carmen konnte ein Lied davon singen: Ihre hispanische Abkunft trug ihr häufig Vorbehalte ein. Auch lagen hinter ihr hinreichend Fälle, in die reiche Bürger verstrickt gewesen waren, um sich einer Tatsache bewusst zu sein: Kein Richter würde eine gegen Cedric Saint Paul beantragte Untersuchungshaft genehmigen. Dickson wusste das so gut wie sie. Wie zumeist überließ er es ihr, das weitere Vorgehen zu bestimmen. Senator Saint Paul beugte sich ihrem aus dem Stegreif geborenen Ablaufplan zähneknirschend.