Geheimakte Hayden

Hinweise

Mögliche namentliche Übereinstimmungen zwischen Romanfiguren und lebenden oder verstorbenen Personen sind zufälliger Natur; das betrifft auch genannte Sekten sowie diverse Organisationen. Erwähnte Polizeibehörden und Geheimdienste gibt es. Angegebene Uhrzeiten spiegeln Ortszeiten wider.

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Chicago, Illinois, USA, 04. Juli, 11:55 Uhr

Fahles Mondlicht erhellte verfallene Lagerschuppen. Eisgraue Augen spähten in die Tiefe. Fließend spannte der Beobachter seinen Bogen. Der Pfeil sirrte davon, schlug ein, tötete. Männer warfen sich hinter Ölfässern in Deckung. Stille zirpte in der Nacht.

Chicago, Illinois, USA, 05. Juli, 3:40 Uhr

Carmen Cabreira nickte dem vor einem Metalltor postierten Polizisten zu und zückte ihren Dienstausweis. Er verglich das Foto mit ihrer atemraubenden Erscheinung: Sie besaß meerblaue Augen, fein geschnittene, von schwarzen Locken gerahmte Züge und – das offenbarte das Bild nicht – eine Traumfigur. Der Beamte sah ihr nach, bis sie in einem nach Fäulnis und Fäkalien stinkenden Korridor verschwand.

Carmens Schritt klang dumpf auf dem vermüllten Betonboden. Sie verwünschte ihre Schuhwahl: Gummistiefel eigneten sich besser für Tatortbegehungen als Hochhacker. Sie kleidete sich stets elegant. So erschien sie zum Dienst, so hielt sie es während ihrer Freizeit. Ihre stilvolle Aufmachung paarte sich mit kühler Distanziertheit. Unter FBI-Kollegen genoss sie Respekt, keine Zuneigung. Sie galt als Eiszapfen.

Carmen verscheuchte müßige Gedanken. Ein grell erleuchteter Hof empfing sie. Ihr Blick glitt über von Bauschutt, Gerümpel und Schrott übersäte Asphaltflächen. Unfertige Hochhäuser fassten das Areal ein. Spekulanten hatten sie zu Boomzeiten hochgezogen. Ein Einbruch des überhitzten Marktes hatte ihren Träume vom großen Geld zerstäubt. Seither zählte die trostlose Gegend zu Chicagos gemiedenen Gebieten.

Dan Duncan sah Carmen entgegen. Der zumeist bärbeißig dreinschauende Agent zeigte sich gewöhnlich reserviert, wie sie es war. Unerfindlicherweise schien er ihr gegenüber aufzutauen. Carmen schätzte den gebürtigen Texaner, obwohl sie erstmals zusammenarbeiteten. Die Szenerie beherrschten Mitarbeiter der Spurensicherung und ein noch handwarmer Toter. Das Verbrechen trug die Handschrift des unheimlichen Serienkillers: Ein blaugrün befiederter Pfeilschaft ragte aus der Stirn der Leiche. Der verlebt aussehende Ermordete war das dritte Opfer. Das erste hatten bestellte Kammerjäger in einem noblen Vorort der Metropole gefunden. Über das zweite waren Müllmänner in einem New Yorker Scherbenviertel gestolpert.

Carmen betrachtete den mit Jeans und Bomberjacke bekleideten Toten. Leere Augen starrten in eine unbestimmte Ferne, sein vorspringender Kiefer wirkte trotzig gereckt. Der Leichnam stank nach Urin, Kot und Fusel.

Das tödliche Geschoss hatte den auf einer Verpackungskiste sitzenden Enddreißiger an einen verdorrten Ahorn genagelt. Carmen verblüffte die Durchschlagskraft des Bogens. Vor allem die Verrücktheit, im Großstadtdschungel auf eine derartige Waffe zu setzen. Ihr Blick verlängerte den bläulich schimmernden Pfeilschaft, wanderte hinauf in den dritten Stock eines zerbröckelnden Stahlbetongerippes. Sie fröstelte, als ihr die Entfernung bewusst wurde. – Neunzig, vielleicht hundert Yards.

»Bei Nacht und böigem Wind«, bemerkte Dan Duncan.

»Besaß auch dieser Ermordete einen militärischen Hintergrund?«, fragte sie über die Schulter.

»Das wissen wir noch nicht.«

»Es gab zwei schwergewichtige Augenzeugen«, stellte Carmen mit Blick auf markierte Spuren fest. »Sie machten sich durchdacht davon. In verschiedene Richtungen.«

Ihre Wahrnehmungsgabe entrang Duncan ein schräges Lächeln. Weiterbringen würde sie ihre in FBI-Kreisen sprichwörtliche Fähigkeit diesmal nicht: Der Schütze hatte keinerlei verwertbare Spuren hinterlassen. Hier so wenig, wie an den anderen Tatorten. Nichts außer handelsüblichen, von zahllosen Sportschützen verwendete Pfeile. Dan beneidete die schöne Cabreira nicht um ihre Ermittlungsverantwortung: Die mysteriöse Mordserie drohte ihr die einzigartige Erfolgsbilanz zu verhageln.

Carmens Mobiltelefon sprang mit einer Sequenz aus My Fair Lady an. Sie nahm den Ruf an. Duncan bemerkte die Saphire in ihrem silbernen Ohrring. Sie harmonierten perfekt mit ihrem Armreif und dem gediegenen Kostüm. Die bis ins Detail gehende Abstimmung von Kleidung und Accessoires unterstrich die damenhafte Ausstrahlung der Agentin.

Carmen meldete sich mit ihrem klangvollen Alt. Sie hörte dem Anrufer zu, bedankte sich und ließ das Handy in ihrem modischen Täschchen verschwinden. Sie nickte Dan zu und verließ den schaurigen Ort. Ohne den verstörten Obdachlosen zu befragen, der in einen Streifenwagen gelaufen war, als er vor dem Schrecken floh. Der Nachhall ihrer Stöckelschuhe verlor sich.

Dan löste sich aus Gedanken, verabschiedete sich von dem von Juckflechte und Furunkeln geplagten Stadtstreicher, dann ging auch er. Ahnend, sehr bald über einem vierten Opfer zu stehen. Kurz stieg die Frage in ihm auf, wer die Cabreira zu nachtschlafener Zeit angerufen hatte.