Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Terror, Freiheit, Rauswürfe

Puh! Das dauerte. Satte sieben Sekunden, schätze ich. Genau weiß ich das nicht, da Stress mein Zeitempfinden aus dem Tritt bringt. Zudem stellen sich unter seelischer Anspannung die kuriosesten Gedanken ein. Seit ich nach Österreich übersiedelte – Deutsche sprechen von »umziehen« – fühle ich mich häufiger gestresst als während meiner Münchner Tage. Obwohl Österreicher entspannter leben und besser zu leben verstehen als die meisten Deutschen. Diese Tatsache ließ ich bereits anklingen, beschränkte mich nolens volens jedoch auf eine skizzenhafte Beschreibung bestehender Unterschiede.

Was ich im Vorkapitel unbeabsichtigt unterschlug, ist, dass Erinnerungen an jenes denkwürdige Schnapsen meinen Magen in einen Eisklumpen verwandeln. Immerhin fand ich ein Mittel, das es mir gestattet, einer Vergletscherung benachbarter Organe zu begegnen: Ich gebe mich erwärmenden Gedanken hin. Wahrscheinlich bemühten auch Sie diesen Kniff gelegentlich, schließlich bibberten die meisten von uns des Öfteren in einer wintergefangenen Herberge im nordöstlichen Amerika. Der Winter bricht dort alljährlich völlig überraschend herein. Geschieht das, bricht die Stromversorgung vieler Gegenden zuverlässig zusammen. Ein Grund für dieses sich wiederholende Drama liegt darin, dass letztmals vor Beginn des Zweiten Weltkriegs nennenswert Geld in Ausbau und Erhalt dieser nationalen, in privater Hand befindlichen Infrastrukturen gebuttert wurde. – Kernkraftwerke ausgenommen. Die in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgekommenen Meiler befinden sich in einem ihrer planmäßigen Vernachlässigung entsprechenden Zustand. Sie müssen wissen, dass Amerikas Industrien und Infrastrukturdienstleister üblicherweise den letzten Cent aus einmal getätigten Investitionen pressen. Es wird geflickschustert, bis alles restlos in Scherben fällt. In diesem sonderbaren Land treiben durch unterlassene Instandhaltungsmaßnahmen erzielte Ertragsverbesserungen die Börsenkurse jeweiliger Betreiberunternehmen. Solide Wartungs- und Erneuerungsarbeiten kommen somit einem eigenhändig gesetzten Knieschuss gleich. Doch kehren wir zurück zum Ausgangspunkt.

Was machen Sie, während Sie dem heranpirschenden Kältetod in die gehässig verzerrte Fratze blicken? Genau! Sie denken! Und zwar an Feuer. Darauf wollte ich hinaus. Auf diesen erwärmenden Gedanken. Nun hilft Ihnen ein eingebildetes Feuer allenfalls kurzfristig weiter. Irgendwann beginnen Sie und Ihre froststeif zähneklappernden Zimmernachbarn, erste Möbelstücke zu verbrennen. Dass dieses notgeborene Zündeln im Abfackeln der ganzen Bude münden kann, ist Ihnen verständlicherweise gleichgültig. Das war es einem Bekannten eines mir über einen Bekannten bekannt gewordenen Bekannten die letzten paar Male auch. Er meinte straflos davonzukommen, als die letzte Hütte tatsächlich in Rauch aufging. Dieser mit drei Diplomen dekorierte Spinner glaubte ernstlich, der Winter stünde in den USA unter Terrorismusverdacht. Und deswegen glaubte dieser Einfaltspinsel, dass jede dem Winter Paroli bietende Maßnahme gerechtfertigt, ja als patriotische Pflicht zu erachten sei. – Dabei besitzt dieser Narr einen eidgenössischen Pass!

Sicherlich, die USA betrachten Terrorismus anscheinend – weit vor Hungertragödien, Umweltvernichtung, moderner Sklaverei und dergleichen – als größtes aller weltweiten Übel. Seit September 2001 gilt er der US-Regierung als Hauptbedrohung der amerikanischen Freiheit. Damals bemerkten die vielen einander regelmäßig in die Quere kommenden Geheimdienste des Landes mit Schrecken, dass hinter den meisten Laternenpfählen und in jedem zweiten Gebüsch Terroristen nisten. Daraufhin stampfte man 2002 eine nahezu eine Viertelmillion Angestellte zählende Superbehörde aus dem Boden: die Homeland Security. Dass es gelingen konnte, dermaßen schnell dermaßen viele Terroristenjäger zu rekrutieren, bestärkt den Verdacht, dass in diesem Land tatsächlich so ziemlich alles möglich ist. Um den laut geistreichen Witzen in zweistündigen Feierabendkursen herangezüchteten Terrorismusbekämpfungsexperten – in CIA- und FBI-Kreisen angeblich als »Pappnasen« bezeichnet – die Arbeit zu erleichtern, verfiel die Regierung auf einen genialen, blitzartig verwirklichten Gedanken: Sie kassiert die meisten Bürgerrechte ein. Sie handelte – man fühlt sich versucht, zu sagen: ausnahmsweise – folgerichtig: Freiheit lässt sich nun einmal bestmöglich schützen, wenn man verfassungsgarantierte Freiheiten radikal zusammenstreicht, also die Angriffsfläche der bedrohten Freiheit minimiert. Die Kurzformel lautet: Freiheit weg, Terrorismus weg. Bösartigen Gerüchten zufolge verfolgen die USA diese Strategie international schon länger. Hier und da wird gemunkelt, die selbstverliebte Supermacht auf Pump würde von Kriegsherrn, Diktatoren und Terroristen terrorisierte Völker mittels Einsatz von Drohnen, Marschflugkörpern, Panzerdivisionen und Schiffsartillerie terrorisieren, um optimale Bedingungen für den Schutz der Freiheit zu schaffen. Dahinter stünde, heißt es hier und da, die Absicht, das freiheitliche Stadium zu überspringen, also unmittelbar ins Ziel zu gehen. Das hört sich bestechend logisch an, da sich die Freiheit in lupenrein inexistenter Form am besten schützen lässt. Im Idealfall muss sie gar nicht erst beziehungsweise nicht länger geschützt werden! Aus diesem Blickwinkel betrachtet setzen sich Terroristen für die Freiheit ein. Viele halten die Fahne der Freiheit sogar ausdrücklich hoch. Das tat zum Beispiel ein Mann, der zahlreiche Bombenanschläge vorbereitete und andere anzettelte, bevor er israelischer Ministerpräsident wurde.

In sogenannten freien Ländern bildet eine Spielart des Terrorismus‘ übrigens den tragenden Pfeiler der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Stichwort: Konsumterror. Der Konsumterrorist terrorisiert nicht etwa den Konsum, sondern Sie und mich. Seine fiese Masche zeichnete sich bereits früheren Kapiteln ab. Dieser nimmermüde Freiheitsapostel springt uns unablässig, an jeder Straßenecke, auf allen TV-und Radiosendern und im Internet an. Munter ruft er uns seine Botschaft zu: »Wirf dein Geld zum Fenster hinaus! Verschulde dich bis zur Halskrause, um Krempel zu kaufen! Du brauchst Krempel, um all den mir verfallenen Idioten, die mit Krempel protzen, zu zeigen, dass du jemand bist! Kaufe mehr! Zeige ihnen, dass du es doppelt und dreifach drauf hast! Reibe den geltungssüchtigen Narren unter die Nase, dass du dir den ganzen überflüssigen Scheiß bis zum Abwinken leisten kannst! Mache dich zum Sklaven der Banken! Bete die Sollbruchstelle an! Unterwirf dich wiederkehrenden Moden! Einzig hemmungsloser Konsum macht frei!

Nüchtern betrachtet mag es erstaunen, dass der im strammen Galopp einer gesengten Sau um den Erdball fegende Konsumprophet mit diesem Schwachsinn massenhaft Anhänger gewann und fortwährend neue Anbeter gewinnt. Der jugendlich forsch auftretende Typ eroberte ein Land nach dem anderen. Er nahm ganze Kontinente für sich ein. Er stürmt weiter, um letzte Erdenwinkel mit seiner frohen Botschaft zu durchdringen. – Wie vor ihm andere Terroristen, die auf jahrhundertelange Verbrechensbilanzen zurückblicken. Ihre und seine Botschaften, ihre und seine Slogans gleichen einander verblüffend. Das wird deutlich, lauschen wir dem uralten Ruf einer auf Legendenbildung, Menschengängelei, Beutelschneiderei, Urkundenfälschung und Vertuschung spezialisierten Vereinigung, die ihre geräumige Zentrale in Mittelitalien unterhält. Wenden wir unser Ohr dem mittelalterlichen Rom zu. Von dort schallt uns ein bis heute allenfalls unwesentlich abgewandelter Ruf entgegen: »Unterwirf dich Gottes Geboten! Unterwerfe dich mir, seinem Stellvertreter auf Erden! Unterwerfe dich meinen vor deiner Haustür schmarotzenden Stellvertretern! Einzig vollkommene Unterwerfung macht dich frei! – Und liefere gefälligst dein Geld bei uns ab! Überschreibe uns deinen Grund und Boden! Am besten sofort, spätestens auf dem Sterbebett!

Naheliegenderweise liegen der Konsumterrorist und dieser Glaubensterrorist miteinander im Clinch. Der werbetechnisch haushoch überlegene Verschwendungsapostel untergräbt die Macht der Kirche, höhlt deren Einkommensbasis aus. Umgekehrt macht ihm die von einer in prunkenden Gewändern einherstolzierenden Altherrenriege regierte Kirche mittel- wie unmittelbar beträchtliche Verschwendungspotenziale streitig. In Deutschland vereinnahmt sie Kirchensteuern, in Österreich Kirchenbeiträge. In Deutschland bezahlt der Staat seit reichlich zweihundert Jahren die bischöflichen und erzbischöflichen Gehälter – teils über 12.000 € pro Kopf und Monat. Allerorten erbetteln Kirchenleute Geld, keine Dienstleistung ist umsonst. Der Konsumterrorist sieht jeder im Mantel der Kirche verschwindenden Münze, jeder von ihr eingesackten Note grollend hinterher. Er kann Kirchenmanager nicht leiden, weil sie dazu neigen, zusammengeraffte Vermögenswerte zu horten, statt ihren Schotter für Krimskrams auszugeben. Ja, stattgegeben: Bischöfe und Kardinäle lassen allerhand Geld für Klamotten springen, die mir auf Teufel komm heraus vom Heiligen Geist vorschwärmende Nonnen kichernd als »Fummel« bezeichneten. Aber dieser Hang zu zeitlos-modischem Chic verbindet sich angesichts jahrzehntelanger Tragedauer all der Käppchen, Schärpen und Gewänder mit unerheblichen jahresdurchschnittlichen Kosten. Selbst katholische Kleriker, die sich fleischlich heftig versucht sehen, scheinen sich einem eisernen Sparkurs verpflichtet zu fühlen. Es heißt, die Herrn Prediger sähen mehrheitlich von einer Inanspruchnahme käuflicher Liebesdienste ab, da ihre mehr oder minder knusprigen Haushälterinnen bereitwillig Hand anlegen, teils sogar dem zeitweiligen Spreizen unterer Extremitäten zuneigen würden. – Glauben Sie das? Mal im Ernst! Halten Sie etwa auch Nachreden für glaubwürdig, wonach geweihte Diener Roms ihre Befriedigung daraus beziehen, Buben die alberne Geschichte mit der Biene nahezubringen? Auf die Gefahr hin, es mir endgültig mit Ihnen zu verderben: Ich sehe eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit, dass des Kindesmissbrauchs beschuldigte Priester, Bischöfe und Erzbischöfe die Wahrheit sagen, wenn sie feststellen: »Das geschah nicht ein Mal!« Ich halte diese Aussage wirklich für glaubwürdig. – Die wenigsten Triebtäter vergreifen sich einmalig an einem Kind. Die meisten vergehen sich mehrfach an einem Opfer oder an mehreren nacheinander. Davon abgesehen geschieht keine Kinderschändung, sondern wird begangen.

Bemerkenswerterweise nahm sich ein katholisches Urgestein des ewiglich vertuschten Problems an: Joseph Aloisius Ratzinger alias Benedikt XVI entließ 2008 / 2009 sowie 2011 / 2012 insgesamt 555 des Kindesmissbrauchs beschuldigte beziehungsweise überführte Kleriker. Diese Rauswürfe entsprachen im Jahresmittel weniger als einem Dreitausendstel der weltweit 420.000 Bischöfe, Kardinäle und Priester, die sich allesamt einem widernatürlichen Umgang mit der Sexualität verschrieben. In diesem nach vatikanischen Maßstäben erstaunlichen Tempo, das J. A. vorlegte, müsste die unheilige römische Kirche dreißig Jahre lang heute lebende Priester aussieben, um eine Entlassungsquote zu erreichen, die dem auf ein Prozent geschätzten Pädophilenanteil unter Männern entspricht. Daraus offensichtliche Schlussfolgerungen zu ziehen, überlasse ich Ihnen, da mir die Zeit davonläuft. Ich will nur noch rasch eine das Terrorthema abrundende Beobachtung anschneiden.

Seit längerem neigt sich die Waagschale im Kräftemessen zwischen Konsum- und Glaubensterrorist zugunsten des Konsumheiligers. Er ist der anziehendere Marktschreier. Schon deshalb, weil er ein Star zum Anfassen ist, weil sich seine Erlösungslehre in unzähligen sichtbaren, fühlbaren, buchstäblich begreifbaren Dingen verkörpert. Er kann vieles von alledem vorweisen, das er verspricht und wovon er spricht. Gegensätzlich stellt sich das Angebot des Glaubensvertreters dar: Es beschränkt sich auf unglaubwürdige Erzählungen, an den Haaren herbeigezogene Behauptungen, ärgerliche Vorschriften und eine widerwärtige Geschichte von Betrug, Ausbeutung, seelisch-geistiger Verstümmelung und körperlicher Gewalt. Der Konsumfritze hat nicht zuletzt deshalb die Nase vorn, weil eine dritte Kraft, eine uralte Größe, mit diesem Spitzbuben kollaboriert. Eigentlich wollte dieses ursprünglich von angenehmen Gerüchen umwehte Kerlchen das nicht tun. Aber dann sprach der westliche Mensch beschwörende Zauberformeln. Er verwandelte das liebenswürdige Geschöpf in ein geiferndes Ungetüm. Er behauptet, er habe es entfesselt. Nun, vielleicht war dem so. Heute läuft die geweckte oder erschaffene Bestie von einem Amok in den nächsten. Aber: Das Thema breitzutreten, ginge Ihnen womöglich zu weit. Da ich vermeiden will, Sie zu langweilen, werde ich sorgsam wägen, ob es Sie langweilen könnte, dieses spannende Thema näher zu beleuchten.