Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Schnüffleridiotie

Wo waren wir stehengeblieben? – Ach ja. Der beim Schnapsen hinter Werner stehende Kerl erklomm die Karriereleiter dank seiner eindrucksvollen Erscheinung flink. Nach meiner Kenntnis leitete er zeitweilig ein zweiköpfiges Team in der Bilanzfälschungsabteilung einer Landesbank. Natürlich ließe sich zum stets und ständig bemühten Teambegriff allerhand sagen. Beispielsweise, dass so gut wie keine große Erfindung oder Entdeckung von einem Team gemacht, geschweige ein nennenswertes Kunstwerk von einem geschaffen wurde. In den Gefilden der Genialität regiert das Einzelkämpfertum. Arbeitsgruppen gibt es freilich zuhauf; in ihnen hat immer einer den Hut auf. Aber lassen wir es gut sein.

Heute arbeitet der damals hinter Werner stehende Goliath in herausgehobener Position – meines Wissens im Führerstand eines Baggers – in einer Tiefbaufirma. Wie auch immer: Ich fühlte mich von Werner und dem Hünen belauert. Das Gefühl, beobachtet zu werden, kennen Sie vielleicht aus eigener Erfahrung. Ich empfinde es als unangenehm, angeglotzt, belauscht und belauert zu werden. Dies auch, weil das Angestarrtwerden Schuldgefühle weckt, weil man sich zum Eintauchen in die eigene Vergangenheit genötigt fühlt, um herauszufiltern, was man im Laufe der Jahre so alles verbrochen hat. Das Herauspicken Einzelner halte ich für schlechten Stil, für ungehörig. Da lobe ich mir die amerikanische NSA, die uns alle abhört und jeden bespitzelt. Auch Britanniens Secret Intelligence Service, kurz SIS, bekannter unter dem Kürzel MI6 verdient sich durch flächendeckendes Belauschen der Deutschen, vor allem der deutschen Industrie, eine gewisse Sympathie. »Intelligence« steht bei SIS und CIA übrigens nicht für »Intelligenz« sondern für »Geheimdienst« beziehungsweise »Spionage«. In Bezug auf die bodenlos unfähige, von Pleiten, Pech und Pannen verfolgte CIA würde auch kaum ein Mensch auf den Gedanken verfallen, das Wort »Intelligenz« in den Mund zu nehmen. Dass sich die Agency unverdrossen am Lügen versucht, belegt ihre mangelnde Lernfähigkeit: Wasserdicht zu schwindeln, fällt selbst mit Grips gesegneten Einzelnen und Kleingruppen schwer, ein Riesenkrake läuft diesbezüglich unausweichlich auf. Hinzu kommt, dass die CIA eine von anderen US-Geheimdiensten unterwanderte, von inneren Rivalitäten geprägte Großorganisation darstellt.

Die zur Familie der Wanzenartigen zählende NSA ist augenscheinlich wenig gescheiter. Laut New York Times fotografierte dieses aufgeblähte Bespitzelungsmonster im Jahr 2012 gut 160 Milliarden vom staatlichen Postdienst beförderte Sendungen ab. In Zahlen ausgeschrieben: 160.000.000.000. Umgerechnet auf die US-Bevölkerung entsprach das gut 500 Sendungen pro Kopf. In den USA! – Wer schreibt dort Briefe? Wie viele Leute tun das dort? Wer, der Arges im Schilde führt? Und wer, der Arges im Schilde führt, verschickt seine höchst wahrscheinlich ungeschriebenen Briefe mit der staatlichen Post? Amerikaner trauten ihrem Staatsapparat – wie sich traurig erwies, berechtigt – nie über den Weg. Um diese nebensächliche Diskussion abzukürzen: Die NSA scheint sämtliche Werbesendungen abgelichtet zu haben! Prospekte von Handelsketten, Pizza-Bringdiensten, Bingo-Hallen und dergleichen. Dieser Geheimdienst folgt offenbar einer Generalverdachtslinie, die ihm einen Schrotflintenansatz abnötigt. Aus diesem grundsätzlichen Jeder-hat-Dreck-am-Stecken-Blickwinkel heraus dürften dieser unappetitlichen, einzig in ihrer Selbstaufblähung erfolgreichen Institution alle Großhändler des Waffen- und Drogenschmuggels verdächtig sein, alle Einzelhändler der Hehlerei und Dealerei, sämtliche Pizzabäcker einer im vorgeburtlichen Stadium beschlossenen Mafia-Zugehörigkeit, alle Bingo-Veranstalter der Geldwäsche und das Gros ausländischer Industrien uneinholbarer Technologie- und Wettbewerbsvorsprünge.

Wie es um die Menge seitens der NSA beschnüffelter elektronischer Nachrichten steht, lässt sich unschwer erahnen: Allwöchentlich verschicken Erdenbürger Billionen eMails und SMS! Und das in Hunderten Sprachen! Vor diesem Hintergrund kann einem die NSA nur leidtun. Glücklicherweise überträgt sich Dummheit nicht in Kopfschmerzen! Bezogen aufs Kartenspielen gilt dasselbe, sofern man das am Folgetag beim mittäglichen Erwachen gelegentlich feststellbare Schädeldröhnen ausblendet beziehungsweise nicht unter den Schmerzbegriff fasst. Gewiss, beim Schnapsen stellen sich gelegentlich Erregungszustände ein, in deren Gefolge sich mitunter das Phänomen fliegender Fäuste beobachten lässt, das Kopfschmerzen nach sich ziehen kann. Alte Hasen jener Runde, von der ich erzähle, erinnern sich einiger Meinungsverschiedenheiten, die durch gegen Personen gerichtete Kraftentladungen beigelegt worden waren.

Wie in einem vorangegangenen Kapitel dieses Enthüllungsdokuments berichtet, hatte ich den schnapsenden Stahlkocher im Ruhestand am Wickel, weshalb ich Werner neckte, um den Stahlwerker a. D. von seiner nahezu besiegelten Niederlage abzulenken. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam. Irgendein Satz, ein Wort, eine Geste muss der Auslöser gewesen sein. Vermutlich Werners strenger Gesichtsausdruck. Ich grinste ihn jedenfalls unverschämt an und sagte: »Werner, Will-eisern-regieren-nicht-ermüdend-rackern.« Ich fand das spaßig, obendrein passend angesichts seiner Miene. Ich legte nach und sagte, nachdem ich mich rückversichert hatte, dass keine Elsa in der Gemeinde registriert war: »Elsa, Ein-Luder-sucht-Anschluss.« Und da geschah es! Schlagartig! Werners Augen verengten sich zu Schlitzen, die des Leuchtturms hinter ihm zu noch schmaleren Spalten. Die meines Gegenübers weiteten sich hingegen. Und dann sprach Werner erst den Herkules hinter sich, dann mein Gegenüber an. Erst antwortete der eine, dann der andere. Kurz. Knurrend. Hart. Bedenklich genug. Wahrlich bedenklich wirkte ein anderer Fakt: Ich verstand kein Wort! Schockiert starrte ich Werner an. Zur Salzsäule erstarrt.

Ich bitte um Nachsicht, mich für sammeln zu müssen: Aufsteigende Erinnerungen jagen mir eisige Schauer durch Mark und Bein. Ich werde Sie umgehend von einer Gemütsberuhigung unterrichten, die als Vorbedingung einer fortgesetzten Schilderung jener denkwürdigen Begebenheit zu erachten ist.