Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Längenwahn, tödliche Passivität

Es schüttet wie aus Eimern. Zwischen alten Buchen verkeilte sich ein Traktorenrad. Darunter schob sich eine niedliche Nuckelpinne eines in Mailand ansässigen Herstellers. Übel. Andererseits verstehe ich das Wüten der Elemente als Locke des Kairos. Es ermöglicht mir, Ihnen die Augen weiter zu öffnen als gedacht. Bevor sich der Bursche durch den Kamin davonmacht, werde ich seine Locke ergreifen, um diesen flüchtigen Gesellen am Enteilen zu hindern. Ich sehe davon ab, Ihnen zu erklären, was es mit dem abgesehen von einer wehenden Locke glatzköpfigen Kerlchen auf sich hat, da Sie es nachschlagen dürften. Dank Ihres lobenswerten Eifers mittelbar gewonnene Zeit werde ich darauf verwenden, meine Schilderung jenes denkwürdigen Schnapsens fortzuschreiben, das sich als Ausgangspunkt meiner erschütternde Wahrheiten enthüllenden Aktivitäten erwies.

Vergegenwärtigen wir uns den letzten Berichtsstand: Ich beschrieb die aufrüttelnde Beobachtung, dass sämtliche Kartenbrüder rot-weiß gestreifte Hemden trugen, deren Streifen durchweg dieselbe Breite aufwiesen. Diese Ihnen mitgeteilte Auffälligkeit mündete in unsere fesselnde Diskussion über Individualismus und Gleichheit, die wir nun getrost vergessen können.

Mein Spielgegner gilt, das bemerkte ich bereits, als harter Hund. Da ich mir seines Rufs bewusst war, er nach zwei verlorenen Spielen zudem verstimmt wirkte, versuchte ich, seine ins Unfrohe abdriftende Stimmung aufzuhellen. Deshalb bewarf ich einen Kiebitz mit Schmutz. Keineswegs böswillig, eher neckend. Der Kiebitz hieß Werner. Er wirkte sonderbar klein vor dem langen Kerl, der mit vor der Brust verschränkten Armen hinter ihm stand. Stehen beide nebeneinander, überragt der Lulatsch Werner fast um halbe Haupteslänge. Körperlich beeindruckt er, als geistige Leuchte würde ich ihn nicht bezeichnen. Aber dank seiner Länge kletterte er die Karriereleiter ziemlich weit hinauf. Länge strahlt offenbar etwas aus, dem sich viele Menschen schwer entziehen können.

Der magische Reiz der Länge lässt sich schon im Vorkindergartenalter an ulkigen Verhaltensweisen ablesen. Aufgeweckte Leser dürften erahnen, was ich anspreche, die auffassungsstarke Damenwelt wird wissen, worauf ich abziele. Jedenfalls jene ihrer Angehörigen, die sich früher Kindheitstage erinnern. Da bemerken Mädchen nämlich, dass andere Menschenkinder ein Merkmal aufweisen, das ihnen abgeht: Ein kleines Ding, das jene Knirpse, die es haben, dermaßen fasziniert, dass sie häufig damit spielen. Der obsessiv unterleibsfixierte Freudianer vermutet natürlich eine unbändige, irgendwann mit unabsehbaren Folgen eruptierende Libido hinter diesem reinem Spieltrieb zuzuschreibenden Verhalten.

Mit dem kleinen Ding zu spielen, versuchen viele kleine Mädchen auch. Sie grapschen danach, um zu prüfen, was das sein und wozu es zu nützlich sein könnte. Als geborene Sammlerinnen müssen sie es befummeln, schließlich könnte das an ein gestutztes Hundeschwänzchen erinnernde Teil zu etwas zu gebrauchen sein. Oder zu den vielen unnützen kleinen Gegenständen zählen, die weibliche Wesen, einem übermächtigen Trieb gehorchend, nach Hause tragen müssen.

Ab einem gewissen Alter beginnen Buben, Vergleiche zwischen ihrem Anhängsel und anderen Besitzern anhängenden Gegenstücken anzustellen. Und schwups taucht eine seit Urzeiten die Welt bewegende Frage auf: Wer hat den Längsten? So absurd es wirken mag, so absurd es ist: Diese lächerliche Frage entscheidet über das Selbstwertgefühl der Bevölkerungen ganzer Länder, ja Kontinente.

Was spricht der verfolgte, unter erstickendem Zeitdruck stehende Bursche diesmal an, mögen Sie unter himmelwärts gesandten Seufzern und mit verdrehten Augen fragen. Wie Ihnen ein rascher Blick auf die Liste olympischer Sportarten offenbart haben dürfte, gibt es keine Disziplin, die sich um die Länge als solche dreht. Auch im Katalog nicht-olympischer Selbstquälungsarten werden Sie vergeblich nach einem entsprechenden Eintrag forschen. Sie gerieten in eine Sackgasse, in die Sie nie geraten wären, hätten Sie in Werken über zeitgenössische Architektur geblättert. Oder in bebilderten Stadtführern von Mekka, New York, Chicago, Singapur, Shanghai, Hongkong oder Dubai. – Was sieht man in derlei Büchern? Gut, sie halten es mit Online-Quellen. – Welche Bauten recken sich ihnen hier wie dort in Luftbildern oder Satelittenaufnahmen entgegen? – Richtig: Wolkenkratzer. Vermutlich sprechen Sie in Bezug auf diese Bauten von Höhe, nicht von Länge. Aber: Im bizarren Wettlauf um das weltweit höchste Gebäude verkörpert sich nicht mehr und nicht weniger als die Wer-hat-den-Längsten-Frage pubertierender Jünglinge, zudem – damit haben Sie recht – der uräffische Trieb, über anderen auf dem Hügel thronen oder im Geäst hängen zu wollen. Dieser Wahrheit können sich selbst Köpfe nicht verschließen, die Psychologen bemitleiden, die in alles eine sexuelle Symbolik hineindeuten. In unserem gemeinsamen Interesse beschäftigte ich mich während der letzten Minuten eingehend mit dieser Materie. Auf ein rationales Argument, das für den Bau Hunderte Meter aufragender Wolkenkratzer sprechen könnte, stieß ich nirgends. Worauf ich während meiner Beschäftigung mit diesen Meisterwerken der Bauingenieurskunst hingegen stieß, ist die Kleinlichkeit des menschlichen Geistes. Leider steht mein beängstigend rasch abschmelzendes Zeitpolster einer vertiefenden Diskussion entgegen. Kurz: Ich komme nicht umhin, mich darauf zu beschränken, Ihnen wesentliche Einsichten in Form von Beispielen und zugerufenen Schlagwörtern zu vermitteln.

Chicago schmückt sich mit dem Titel »Wiege des Wolkenkratzers«. Stolz spricht aus dieser vollmundig ausposaunten Vorreiterrolle. Dabei regierten die Chicagoer gänzlich andere Gefühle, als sie himmelwärts zu streben begannen. Das behauptet Helmut Jahn, ein Hochhausplaner. Ihm zufolge baute man aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus hoch, weil niemand die in Illinois gelegene Stadt vor dem Hintergrund umgebender Prärien und des Michigansees wahrnahm. Jahn stellt fest: »Sie haben ... in die Höhe gebaut, damit die Reisenden wussten, wo sie waren.« Das ist allenfalls die halbe Wahrheit: Die Chicagoer stapelten Stockwerke aufeinander, um zu zeigen, dass sie jemand waren!

Norman Foster, ein anderer Hochhausarchitekt, deutet Höhenverliebtheit grundsätzlich als »tief verwurzeltes Urbedürfnis von uns Menschen, das wohl nie rational erklärt werden kann.« In diesem Befund schwingt eine Ableitung mit: Der kluge Kopf hält den Bau von Wolkenkratzern für irrational und Menschen, die ihren Bau beauftragen, für unvernünftig.

Ungeachtet dieser Vernunftwidrigkeit zählt ausgetobtes Höhenstreben zu den Konstanten der menschlichen Geschichte. Der Höhenwahn drückte sich früher vor allem in Zusammenhang mit einem an Irrationalität kaum zu überbietenden Lebensbereich aus: der Religion. Dabei erfolgte die Höhentreiberei im hier stellvertretend angeführten Kirchenbau weniger zu Ehren eines Gottes, dessen Existenz logisch widerlegbar ist. Nein, sie erfolgte zuvorderst, um Macht und Reichtum jeweiliger Bauherren herauszukehren. Kurz: In vielen Kirchengebäuden spiegelt sich ein höchst profanes Protzgehabe.

Zwischen Kirchtürmen und Wolkenkratzern besteht ein engerer Bezug, als Sie wahrscheinlich vermuten. Nicht von ungefähr bezeichnete ein Geistlicher Cass Gilberts im neogotischen Stil hochgezogenes Woolworth Building als Cathedral of Commerce, als dem Mammon geweihte Anbetungsstätte. Und nicht von ungefähr begann der Siegeszug des Wolkenkratzers in den ihren Dollar bis zum Erbrechen vergötternden USA.

Während ich ein Sekündchen lang versonnen in die stockdunkle Nacht hinausguckte, stellte sich die beklemmende Frage ein, ob ich womöglich vorschnell urteilte. Vielleicht gibt es doch einen vernünftigen Grund für den Bau immer höherer Wolkenkratzer. Mir kam nämlich eine Beobachtung in den Sinn: Nachdem Chicagos Stadtväter zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bauhöhenbeschränkungen erlassen hatten, fiel der Büroflächenausstoß gemessen an New York ins Bodenlose. Wenngleich Big Apple geostrategisch günstiger liegt und hier stärker vertretene Wirtschaftszweige Auftrieb erhielten, drängen sich Fragen auf: Fiel Chicago zurück, weil man die Angeberei mit der Höhe bzw. Länge beschnitt? Verschaffte das New York Wettbewerbsvorteile? – Weil Wolkenkratzer damals mehr denn je Macht, Reichtum und wirtschaftliche Potenz symbolisierten? Bewies sich die Kraft visionär getragener Symbolik? Sind diese Fragen zu bejahen, bedeutet das, es kann vorteilhaft sein, das Irrationale auszuleben. Mehr noch: Sich der Irrationalität zu verschreiben, kann als rationales Prinzip, als vernünftig aufgefasst werden. Tatsächlich machte sich die Menschheit diese Sichtweise zu eigen, schließlich klang das Zeitalter der Vernunft – auch Zeitalter der Aufklärung genannt – im 18. Jahrhundert aus. Aber nein: Ich gehöre nicht jenem Lager an, das die verallgemeinerte Auffassung vertritt, Vernunft ließe sich heutzutage nur noch in homöopathischen Dosen feststellen. Ich merke das an, weil das finanzwirtschaftliche Gezocke und Gestümper oder irrwitzige Militärausgaben darauf hinweist, dass in manchen Bereichen keine in homöopathischer Dosis vorhandene Vernunft unterstellt werden kann.

Um nochmals den Längenaspekt aufzugreifen: Unten allen irdischen Wolkenkratzern besitzt Dubai mit dem Burj Khalifa weltweit längsten, aber auch so ziemlich den dünnsten. Die Symbolik dieses Riesen mit dem kümmerlichen Durchmesser steht somit in ausgeprägtem Gegensatz zu gewissen Fantasien, die um weiblichen Spaß im Bett kreisen. Der Spargel erweist sich im Rahmen dieser und anderer Fantasien schlicht und wenig ergreifend als reizloses Gemüse. Welchen Lustgewinn es mit sich bringen kann, das mit Abstand sinnloseste Bauwerk auf Erden zu besitzen, weiß der Himmel. Üblerweise trug der Bauwahn in diesem sandreichen Wüstenstaat zu verhängnisvollen Entwicklungen in Indonesien bei. Ich mutmaße mal ins Blaue hinein, Sie befürchten, der belagerte Bursche mit dem geplünderten Zeitkonto litte unter Wahnvorstellungen. – Das ist so nicht. Zumindest nicht in Bezug auf dieses von Größenverliebtheit und Längenbesessenheit gebeutelte Emirat am Persischen Golf. Dessen heimischer Sand eignet sich nämlich nicht zur Herstellung des in rauen Mengen verbauten Betons. Der benötigte Baustoff, dieser Sand, wurde unter anderem vom indonesischen Meeresgrund abgesaugt. Nun rutscht Sand bekanntlich nach, buddelt man sich in ihn hinein. Und in Indonesien rutschte er so gründlich nach, dass Dutzende Inseln von den Seekarten verschwanden. Damit verloren viele Menschen ihr Zuhause und zahllose Fischerfamilien ihre Lebensgrundlage.

Ich bemerke soeben, dass mein Zigarettchen unbeachtet vor sich hin qualmt. Angesichts der hier in Österreich gerade allgegenwärtig für Schlagzeilen sorgenden Schadenswirkung passiven Rauchens – ein wahrlich drolliger Ausdruck – stimmt diese Beobachtung unruhig. Ich ziehe vorsorglich an meinem mickrigen Tabakröllchen, bevor ich mich unberechenbaren Risiken aussetze. Apropos: Ein an Schwiegermutters Liebling erinnernder Parteisoldat wusste zu berichten, dass diese ganz sicher unberechenbaren Risiken Jahr für Jahr ganz sicher eintausend Alpenrepublikaner das Leben kosten. Wie viele der vielen in Österreich lebenden Ausländer es alljährlich erwischt, verriet der seine Meinung stets sorgsam instruiert äußernde Sympathieträger vierter Ordnung nicht. Ich vermute, er weiß beziehungsweise wusste, dass Zuwanderer allesamt Aktivraucher sind. Vor allem die aus Rumänien, Bulgarien und Albanien.

Wie es um schädigende Wirkungen des Passivtrinkens steht, wusste der geschniegelte Herr Abgeordnete nicht. Ich schrieb ihn diesbezüglich an. Schade für das Porto, Ausfall total: Der Mann bewies ein fassungslos stimmendes Desinteresse an den Folgen von verdunstendem Bier, Wein, Likör und hochprozentigen Schwarzbränden. Was dieses Zeug in gasförmigem Zustand anrichten kann, konnte mir aber selbst ein superkluger Hofrat nicht mit letzter Sicherheit mitteilen. Den Ärmsten traf das Schicksal übrigens hart: Aufgrund am Schreibtisch eingehandelter Knochen-, Muskel- und Haltungsprobleme musste er sich mit einundfünfzig Jahren in den Ruhestand veretzen lassen. Gottlob kann der im Staatsdienst erbarmungslos aufgeriebene Kärntner wenigstens noch seine Hobbys ausüben. Ohne Skifahren, Bergsteigen und Mountainbiken wäre das arme Schwein ein Fall für den Psychiater. Wie auch immer: In Alkoholsachen kennt sich dieser durch die Hölle des Beamtenalltags gegangene Hofrat a. D. besser aus als dieser erwähnte Typ, der ein ernstes Problem mit uneinsichtigen Passivrauchern zu erkennen gab. Der Herr Hofrat a. D. meint, es sei allemal klüger, das ganze alkoholhaltige Gelump zu trinken, als stark anzunehmende Spätfolgen unbeabsichtigten Inhalierens verflüchtigter Bestandteile in Kauf zu nehmen. Vor allem verdunstender Obstler birgt nach seiner Meinung enorme Gefahrenpotenziale. Vor diesem zu höchster Vorsicht gemahnenden Hintergrund beschloss ich, mein Schnapsgläschen schleunigst zu leeren und mein Bierglas hurtig auszutrinken. Ich fällte diese Entscheidung auch deshalb, weil Gerstengebräu die unangenehme Eigenschaft besitzt, abzustehen, wenn man es sich zu langsam einverleibt. – Ahhhh! Glück gehabt! Das ging gerade noch gut. Mir geht es selbstredend nicht gut. Ich fürchte, Entwicklungsstufe zwei meines früher angesprochenen Schuldkomplexes entgegenzugehen. Unterlasse ich es, meinen Bericht über das Schnapsen voranzutreiben, wächst sich diese selbst verschuldete seelische Belastung unweigerlich und mit verhängnisvollen Folgen für die Allgemeinheit zum ernsten individuellen Problem aus. Sie können sich unschwer ausrechnen, was ein hochschnellender Sozialkassenbelastungskoeffizienten in monetären Größen ausgedrückt bedeutet. Ja, ich gebe Ihnen recht: Angesichts meiner ausweglosen Lage wirken derartige Aussagen wie eine von Ohnmacht gezeugte Verdrängung. Ob das so ist oder nicht, kann Ihnen allerdings gleichgültig sein, weil aus Ihrer Sicht nur eines wichtig ist: die niederschmetternden Fakten zu erfahren, die dieses Dokument enthüllt.

Beim Blick auf den Vorsatz im Sinne des vorangegangenen Satzes dämmerte mir gerade noch rechtzeitig, Ihnen ein in Untiefen österreichischer Alltäglichkeiten führenden Kanal öffenen zu müssen. Danach wenden wir uns dem Schnapsen zu. Zunächst muss ich zwei Sandsacklagen vor der Eingangstür aufsatteln. Regnet es so weiter, steht ein Umzug auf den Dachboden an.