Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Krake, Spione, alte Jungfern

Zum wahren Verständnis dessen, was hier gegenwärtig geschieht beziehungsweise in Kürze geschehen dürfte, müssen Sie etwas erfahren, das Ihnen möglicherweise nie bewusst wurde. Falls dem so sein sollte, trage ich daran eine gewisse Mitschuld. Unbeabsichtigt könnte ich den Eindruck erweckt haben, bei erwähnten Dunkelmännern und Strippenziehern handele es sich um ein und denselben Personenkreis. Nun, das stimmt und stimmt nicht, um mit dem durch längeres Schweigen auffälligen Volksmund zu sprechen. Gefährlich sind beide. Die einen mehr als die anderen. Gefährlicher waren, sind und bleiben die Dunkelmänner. Weit gefährlicher. Die Strippenzieher tragen erheblich weniger und deutlich kleinere Flecken auf ihrer in der Öffentlichkeit zur Schau getragenen weißen Weste. Bitte beachten Sie, dass weiße Weste nicht unbedingt buchstäblich zu verstehen ist. Der eine oder andere von uns tritt vielleicht im fleckigen Parka unter die Augen der Öffentlichkeit. Ja, stattgegeben, an sich müsste ich sagen: im makellos reinen, in modischer Hinsicht zwischen nacktem Grauen und umwerfendem Chic angesiedelten Anorak mit Kapuze. Einzelheiten über dieses von Inuit entwickelte, ursprünglich aus Robbenhaut, heute zumeist aus Popeline gefertigte Oberbekleidungsstück, das zur Familie der Mantelartigen zählt, muss ich Ihnen, so spannend sich eine nähere Betrachtung auch darstellen würde, angesichts akuter Zeitknappheit schuldig bleiben.

Um ein einheitliches Verständnis zu gewährleisten, ist es – Zeitdruck hin oder her – wichtig, die den Begriff der früher eingeflossenen Öffentlichkeit zu erhellen. Er weckt verbreitet unzutreffende Vorstellungen. Fällt er, denken Kinder und Jugendliche, vermehrt auch jüngere, ältere und uralte Erwachsene zumeist an Castingshows, die TV-Strategen in tausenderlei Spielarten nach ein und demselben Strickmuster produzieren. Promis beziehungsweise Stars der Kategorien T – Z sehen sich eher in kameragerecht ausgeleuchtete Urwälder versetzt, in denen sie sich vor voyeuristische Neigungen offenbarenden Zuschauern zum Affen machen beziehungsweise zur Schnecke machen lassen. It-Girls, deren aufgeschnappte Äußerungen mich auf eine mit der Gehirnleistung toter Frösche vergleichbare neuronale Aktivität im Oberstübchen schließen lassen, denken vermutlich an jede beliebige Kameralinse. Das sagt allerhand über ihren Charakter und noch mehr über ein Publikum aus, das ihnen eine Bühne bietet. Aber vergessen wir das.

Tatsächlich ist unter Öffentlichkeit ein Raum zu verstehen, der nicht dem Privaten zuzuordnen ist, also keiner rein individuellen Kontrolle beziehungsweise Herrschaft nicht-gewerblicher Natur unterliegt. In diesem Sinn verstanden, bewegen wir uns nirgends mehr in privaten Gefilden. – Weil die Geheimdienste dieser Welt jedes noch so unscheinbare Refugium der Privatheit abhören und aus dem Orbit ausspähen. Und ein im kalifornischen Mountain View ansässiger Datensammler, der sich hinter einer Suchmaschinenmaske tarnt, jedes noch so zart im privaten Garten sprießende Pflänzchen fotografiert. Ja, die Rede ist von Google. Ich will aber nicht auf Google herumhacken. Betrachten Sie diesen überaus intelligenten Kraken bitte als bloßes Beispiel, sozusagen als gedanklichen Prototypen. Andere Unternehmen täten dasselbe, wenn sie ebenso fähig wären. Da sie das nicht sind, fehlen ihnen schlicht die Penunzen, um höhere Sprossen der Datenhimmelsleiter erklimmen zu können.

Worauf meine ständig zerfasernden Gedanken hinauslaufen, ist Folgendes: Im Grunde drängt sich ein gescheiter Krake als Übernahmekandidat für die NSA und andere im Spionagegeschäft herumstümpernde Haufen auf. Der Krake bringt ideale Voraussetzungen mit: Er ist straff organisiert. Er durchsetzt sämtliche Lebensbereiche. Er weiß, was er tut, und weshalb er etwas tut. Er beweist herausragende Fähigkeiten im Bereich der Datenerfassung und Datenverknüpfung. Was er treibt, billigen – zumindest indirekt – unvorstellbar viele jener Leute, für deren Profil er sich interessiert. Er kennt viele Zeitgenossen besser als die sich selbst. Er begeistert Menschen für seine Software und technischen Geräte, die sich wunderbar für die Bespitzelung ihrer Nutzer eignen. Über Kritik setzt er sich unbeeindruckt hinweg. Das Schönste daran: Der Krake verdient sich dumm und dusslig. Dank ausgefeilter Analysetechniken besitzt er obendrein klare Vorstellungen, was die Mitarbeiter der siebzehn offiziellen US-Geheimdienste tun und lassen. – Der gegenwärtigen Quellenlage wie meinem Eindruck zufolge kann die NSA nichts von alledem für sich reklamieren. Eine Übernahme ergäbe somit unzweifelhaft Sinn.

Diesbezüglich stellte ein ehemals in Pullach bei München beschäftigter Freizeitclown eine auf unmittelbare Folgewirkungen eingegrenzte Kosten-Nutzen-Analyse an. Das Ergebnis: Ungeachtet horrender Einstiegskosten wäre eine entsprechende Lösung langfristig lukrativ. – Vorbehaltlich der Umsetzung flankierender Maßnahmen. So müssten die gewucherten Apparate von NSA, SCS, CIA und anderen Geheimdiensten, die objektiv betrachtet zu nichts zu gebrauchen sind, das der Menschheit weiterhelfen könnte, aufgelöst werden. Die monetären Einsparungspotenziale wären enorm. Denn: Alleine die NSA beschäftigt laut umgehenden Schätzungen 40.000 Mitarbeiter; die wahre Zahl ist geheim, liegt mutmaßlich jedoch näher am Zweifachen als einen Tausender darunter. Diese dem Hörensagen nach ausschließlich sich selbst sympathische Truppe verschlingt jährlich geschätzte 11, vielleicht 12 oder auch 13 Milliarden US-Dollar. Ihr anscheinend aus grauen Kassen gespeister Etat ist, wie so vieles in diesem merkwürdig widersprüchlichen Land, Geheimsache. Müßig zu betonen, dass geheim zu sein scheint, wen dieser geheimnisumwitterte Verein bespitzeln darf oder soll. – Der 2014 amtierende US-Präsident sah sich diesbezüglich anscheinend oder scheinbar auf Mutmaßungen angewiesen. Sein gerüchtehalber halbseidener, selbst nach amerikanischen Politbegriffen halbintelligenter, unterirdisch gebildeter Nachfolger, Mr. Trump, dürfte Hinweise auf US-Bürger ausspionierende US-Instanzen ohnehin als Fake News abtun.

Nun mögen Sie einwenden, dass 11 Milliarden Dollar eine vergleichsweise geringfügige Geldverschwendung bedeuten. Tatsächlich ist etwas dran an Ihrem Einwand: Alleine der Bau der 1994 beziehungsweise 2001 vom Stapel gelaufenen Flugzeugträger Reagan und Bush kostete dasselbe; nach heutigem Stand wäre das über den Daumen gepeilt mehr als ein Anderthalbfaches. Das ist viel Geld, doch nur ein Spottpreis gemessen an Trägern der Ford-Klasse. Die Betriebskosten dieser militärisch überholten, zu Großzielscheiben verkommenden Ungetüme bedürfen keiner Erwähnung, um einen Fakt zu verdeutlichen: Bei diesen mit überfetten Enten vergleichbaren Pötten geht es um Geldverschwendung ganz großen Stils. – Kein Wunder, dass die heiß gelaufene Notenpresse kaum hinterherkommt.

Auf dem Einsparungsthema auf dem Rücken augenscheinlich unkontrollierter Geheimdienste herumzureiten, ist – damit haben Sie recht – albern. Ja, das ist wahr. Und nein, der verfolgte, festgenagelte, unter Stress und Zeitdruck stehende Bursche legt es keineswegs darauf an, Ihrem von erschütternden Enthüllungen längst zerrütteten Weltbild den Rest geben.

Weltbild ist – das erkenne ich soeben – ein gutes Stichwort, das inhaltlich – das geht mir soeben auf – untrennbar mit Selbstbild verbunden ist. Nun wäre es vermessen, Ihnen das Selbstbildnis der von Verfolgungswahn gebeutelten USA nahebringen zu wollen. Sie kennen die wesentlichen Züge: Licht der Welt, frei, tapfer, Neues Jerusalem, Schmelztiegel und so weiter. Wären Sie ein pingeliger Kleingeist, könnten Sie scharenweise in Wohnfestungen flüchtende Amerikaner, die sich tausendseitigen Verhaltensordnungen unterwerfen, um sich bürgerkriegsähnlichen Zuständen zu entziehen, am Wirklichkeitsgehalt dieses Porträts zweifeln lassen. Aber Sie denken nicht kleinlich. Sie ziehen keine falschen Schlüsse aus Gerüchten, wonach sich die USA rasant in Richtung eines Entwicklungslandes mit eingestreuten Hochtechnologieinseln entwickeln. Aber, ob Sie es glauben oder nicht: Vor diesem Hintergrund ergeben die beispielhaft an oben erwähnten Flugzeugträgern festgemachten Ausgaben für die Streitkräfte Sinn. Mehr noch: Es zeigt sich, dass einschneidende Kürzungen im militärischen Bereich Folgekosten unvorstellbarer Größenordnung nach sich ziehen würden. – Wieso? Um diese Frage nachvollziehbar zu beantworten, empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen. – Überlegen Sie, ob Sie folgende Aussagen für zutreffend halten:

Wo liegt der Bezug dieses Fragenkatalogs zu den horrenden Militärausgaben beziehungsweise den Folgekosten nennenswerter Kürzungen in diesem Bereich? Nun, das ist offensichtlich: Das Militär bietet anderweitig chancenlosen Amerikanern Möglichkeiten, ein geregeltes Einkommen zu erzielen; es tritt gleichsam an die Stelle eines Sozialsystems, das diesen Namen verdient. Je größer der Militärkomplex, desto mehr Leute kommen darin unter. Viele dieser Leute würden, kämen sie nicht bei Uncle Sam unter, aus reiner Not oder Gruppenzwang heraus kriminelle Handlungen begehen, die sich mit Gewalt verbinden. Sie würden sich bewaffnen, letzte unbewaffnete Bürger würden sich bewaffnen, bereits bewaffnete Bürger sich bis an die Zähne bewaffnen, überrüstete Bürger sich mit Mörsern und Raketen eindecken. Na, klingelt es? – Genau! Zunehmender Waffenbesitz überträgt sich in zunehmende Gewalt. Die Waffenlobby um die National Rifle Association behauptet zwar, all die von Amokläufern und geplant mordenden Psychopathen erschossenen Menschen würden nur deshalb erschossen werden, weil sie keine Kanonen am Leib trügen. Nur, lieber Leser oder geschätzte Leserin, das glauben diese Armleuchter selber nicht. Aber vergessen wir auch das, knüpfen wir an den Vorpunkt an: Mehr Waffen, mehr Gewalt. Mehr Gewaltakte bedeuten mehr Inhaftierte. Folglich würden die Haftkosten zusehends schneller explodieren. Dem beugt der Unterhalt riesiger Kriegsmaschinerien vor.

Weiterhin bietet die Rüstungsindustrie zahlreiche gut bezahlte Jobs, wodurch weniger Menschen der Armut ausgeliefert sind, der Konsum befeuert und das BIP hochgehalten wird. Zudem zählen die Waffenschmieden sowie einige von ihnen abhängige Zulieferbranchen zu den wenigen amerikanischen Industriezweigen, die noch in der ersten globalen Liga spielen und über Exporte Geld ins Land spülen. Darüber hinaus führen logistische Anforderungen der Rüstungsgiganten dazu, dass in dem von maroden Infrastrukturen gekennzeichneten Land zumindest hier und da Geld in den Neubau und Erhalt von Straßen, Schienenwegen und Häfen fließt. In diesen Bereichen sind zahlreiche Arbeiter beschäftigt, die ihr Auskommen verlieren würden, kämen die Rüstungswerke in die Bredouille. Die Kriminalitätsrate würde steigen, die Zahl Inhaftierter zunehmen, der Haftkostenblock ins Unermessliche anwachsen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich behaupte keineswegs, die Kriminalitätsneigung wäre unter armen, chancenlosen Menschen stärker ausgeprägt als unter begüterten oder stinkreichen Bürgern. Nein, vermutlich verhält es sich umgekehrt.

Die vorgestellte, durch und durch logische Argumentation beweist schlagend, dass Amerika zwingend Unsummen in den militärisch-industriellen Komplex stecken muss. Ich unterstelle selbstverständlich, dass sie eine schnell rotierende Festplatte besitzen. Da diesbezüglich keine letzte Sicherheit besteht, bringe ich diskutierte Zusammenhänge nochmals auf den Punkt: Amerikas hohe Kriminalitätsrate verlangt nach einem großen Militär, das als Ersatz für ein Sozialsystem herhält. Vom Militär leben Rüstungsindustrien. Genau besehen leben diese Industrien also maßgeblich von der Kriminalität. Da Amerika in erheblichem Maß von seinen Rüstungsindustrien lebt, ist Kriminalität eine wesentliche Säule des Systems.

Diese Kausalität erinnert übrigens ein bisschen an die alte britische Jungfer des 16. bis 19. Jahrhunderts. – Das klingt interessant finden Sie? Das war es auch. Im Zuge grässlicher Seeschlachten verlor die englische Flotte viele Schiffe, viele Matrosen und Soldaten. Viele Frauen wurden Witwen, viele Frauen fanden keinen Mann, viele wurden alte Jungfern. Um sich über ihr Elend hinwegzutrösten, hielten viele dieser alten Jungfern Katzen. Katzen fressen Ratten und Mäuse. Ratten und Mäuse fressen Getreide, Kartoffeln und Gemüse. Weniger Nager fressen weniger Getreide, Kartoffeln und Gemüse. Ein Mehr an Getreide, Kartoffeln und Gemüse ermöglicht es, mehr Kinder großzuziehen. Mehr Nachwuchs bedeutet, dass es mehr Buben gibt. Folglich konnte Englands Flotte mehr Matrosen und Soldaten zum Dienst pressen und somit mehr Kriege führen. Im Zuge vermehrter Kriege verlor die Flotte mehr Matrosen und Soldaten. Mehr Frauen wurden Witwen, mehr Frauen fanden keinen Mann, mehr Frauen wurden alte Jungfern. Um sich über ihr Elend hinwegzutrösten, hielten viele dieser alten Jungfern Katzen . . .

Sie bemerken: Mit der Geschichte vertraut zu sein, erleichtert es erheblich, die Gegenwart zu verstehen.

Wie ich soeben feststelle, hörte es zu regnen auf. Das silbrige Licht, das sich durch die dunkle Wolkendecke tastet, lässt erahnen, dass der Mond durchbrechen wird. Ja, danach sieht es aus. Er ist früh dran, der Mond. Er spielt den Typen, die hinter meinem Fell her sind, in die Hände.