Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Kollektivindividualismus

Entschuldigung. Ich muss mal eben für Königstiger. Eigentlich ein ulkiges Wortbild. Erstaunlicherweise promovierte niemand über seine Herkunft. Die Literatur, Lexika eingeschlossen, schweigt sich aus. In mir keimte freilich ein Verdacht: Die Wendung dürfte im II. Weltkrieg unter deutschen Panzertruppen aufgekommen zu sein. In Einheiten mit Königstigern. Veteranen nutzten sie auffallend häufig. Ich vermute, dahinter verbarg sich ein Aufbegehren gegen das Naziregime: Pinkeln hundert Mann in einen Tigertank, kann das den Motor gewiss ins Stottern bringen.

So, bin wieder da. Ich entschuldige mich nochmals. Nicht für die abgestellte Wasserstange. Nein, mir ist peinlich, mich wie Facebook-Knalltüten zu verhalten, die ausposaunen, wenn sie mal wohin müssen. Und waren sie wo, melden sie sich zurück. Als würden ihre Tausenden ihnen persönlich unbekannten Freunden zugehenden Ergüsse das nicht verraten. Andererseits soll es vollautomatische Ergussgeneratoren geben. Ich entfernte mich übrigens zuvorderst vom Schreibtisch, um Tabak zu holen und ein kühles Blondes. Jetzt drehe ich mir ein Filterzigarettchen. Ich rauche selten. Beim Schnapsen qualmte ich aber ordentlich, aus vorgegaukelter Solidarität mit diesen Typen sozusagen. Ich schätze, drei, vier Sargnägel kamen während dieser sechs, sieben Stunden locker zusammen. Als mein Partner – genau genommen mein Gegner – und ich endlich die Spielfreigabe erhielten, steckte ich einen Glimmstängel an: Ich wollte diesen als harter Hund verrufenen Typen einlullen, in Sicherheit wiegen, so tun, als wären wir beste Kumpel. Der ehemalige Stahlkocher raucht nämlich wie ein Schlot. Als ich meine elegante Selbstgedrehte entzündete, stach mir ein in zweifacher Hinsicht nachdenklich stimmendes Detail ins Auge: Der harte Hund trug ein rot-weiß gestreiftes Hemd. Diese österreichischen Nationalfarben verstörten mich ein wenig, da sich die Steiermark – das Schapsen fand dort statt – in Weiß und Grün kleidet. Was mir entschieden mehr zu denken gab als dieses Rot-Weiß als solches, war der Fakt, dass alle Kartenbrüder Rot-Weiß trugen. Ihre Hemden wiesen sogar dieselbe Streifenbreite auf. Komisch, nicht wahr? Schließlich feilen wir Westler unablässig an unserer individualistischen Erscheinung. Wir verachten Gleichmacherei, jede auch nur angehauchte Vermassung. Wir verkörpern eine lupenrein individualistische Lebensauffassung. Was sage ich? Eine Lebenshaltung? Unsinn! Jeder von uns pflegt seine eigene, einzigartige Auffassung. – China liegt übrigens westlich von Japan, diesem faszinierend individualistisch geprägten Vielinselstaat. Das bemerkte die chinesische Staatsführung irgendwann. Sie erkannte Vorteile darin, sich der westlichen Wertegemeinschaft anzuschließen. Die unterdrückungsflexible Seniorenriege zog Konsequenzen: Die vormals vom Großen Vorsitzenden eingespurten Greise verwandelten sich blitzartig von pseudo-kommunistischen in brutalkapitalistische Ungeheuer. Die verordnete Einheitskluft des Volkes verschwand aus dem Straßenbild. Heute schuften sich die Massen in total unterschiedlichen Jeans krumm. Doch zurück zum Punkt. Wir Westler versagen uns der Gleichmacherei; wir verabscheuen sie leidenschaftlich, aus tiefstem Herzen. Verwirrenderweise sind es jedoch wir, die lauthals die auf Gleichheit beruhende Demokratie als einzig wahren Weg zur Erlösung predigen. Sonderbar, irgendwie spaßig. Aber natürlich riss ich einen Witz auf Ihre Kosten: Die Gleichheit der Bürger unserer Demokratien beschränkt sich auf das Kreuzchenmachen an Wahltagen. – Wirklich? Sind wir nicht alle wenigstens vor dem Gesetz gleich? Ich lasse Radio Eriwan sprechen: Im Prinzip ja, aber nur, bis das Gesetz personenbezogen angewendet wird.

Die Franzosen schwangen die Fahnen der Gleichheit besonders inbrünstig. Unter Napoleon III. … – Bitte? Sie kennen den Burschen nicht? Nun, das überrascht wenig, schließlich segnete er 1873 das Zeitliche. Nach menschlichem Ermessen können Sie ihm nie begegnet sein. Aber weiter im Text. Nach einem Zwischenspiel als gewählter Staatspräsident trat Charles Louis Napoléon Bonaparte in die Fußstapfen seines Onkels. Sie hörten gewiss von diesem kleinen Korsen, dem Waterloo in schlechter Erinnerung blieb. 1851 war Charles das republikanische Getue leid. Er wollte Kaiser sein, also wurde er einer. Zunächst ließ er die glühend republikanischen Franzosen abstimmen, ob sie willens wären, ihm diktatorische Vollmachten einzuräumen. Er verbuchte nahezu achtzig Prozent Ja-Stimmen. Wenig später fragte er seine glühend republikanisch gesonnenen Landsleute, ob sie wieder einen Kaiser haben wollten. Ergebnis: siebenundneunzig Prozent Zustimmung. Diese Quote erinnert an Ergebnisse der hinsichtlich ihres Ausgangs stets völlig offenen Wahlen in der UDSSR. Vor allem erstrahlt die Revolution von 1789 in gänzlich neuem Licht! – Die Franzosen köpften ihren König, weil sie einen Kaiser wollten! Diese heißblütigen Republikaner bewiesen eine ultra-monarchistische Gesinnung! Selbstredend erfassten Sie die Pointe sofort: Die Republik ist eines der Gegenmodelle zur Monarchie! Doch egal. Unter dem dritten Napoleon wurden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit rückwirkend zur Parole der viele Jahrzehnte vorher gelaufenen Revolution ausgerufen. Im Französischen klingt der vom Thron herab verkündete Schlachtruf runder, schneidiger, schmissiger: Liberté, Égalité, Fraternité! Hurra!

Die Freiheit vergaßen die Franzosen nach der Revolution rasch, mit der Brüderlichkeit hielten sie es nie wirklich. Aber die Gleichheit hielten sie hoch: Sie köpften Arm und Reich, Oben und Unten, Frauen und Männer mit der Guillotine. Dieses Mordinstrument erdachte ein Arzt, den garstigen Spöttern zufolge besorgte, dass mit Schwert oder Axt geschlagene Wunden häufig schlecht heilen. In Wahrheit entsetzte den Doktor die Grausamkeit gängiger Enthauptungsmethoden. Die revolutionären Raser plagten diesbezüglich keine Gewissensbisse. Sie interessierte nur eines an seinem Fallbeil: die Geschwindigkeit, mit der sich menschliches Leben verkürzen ließ. Durch eine schlagartige körperliche Verkürzung. Nein, in dieser Bemerkung schwingt kein Hauch von Ironie oder Sarkasmus mit.

Da vorhin der Wahrheitsbegriff fiel, will ich Ihnen eine zweite Tatsache mit auf den Weg geben: Der zum revolutionären Symbol stilisierte Sturm auf die Bastille fand niemals statt. Deren Kommandant öffnete die Tore widerstandslos. In den Kerkern schmachteten – einer weiteren verlogenen Legende zuwider – keine zahllosen Häftlinge, sondern zwei mehr als fünf. Den Befehlshaber der Bastille brachte der blutrünstige Mob um.

Weshalb ich die Franzosen erwähnte, verstehe wer will. Sich über Frankreich auszulassen, ist heikel. Ich sollte meine losen Zunge zügeln. Andernfalls riskiere ich, die auf wechselseitigem Desinteresse breiter Bevölkerungsmehrheiten gründende deutsch-französische Freundschaft zu trüben. Das wäre schade. Aber Franzosen sind wirklich mimosenhaft. Und Deutsche sensitiv. Das bedeutet so viel wie »touchy«, das deutschsprachige Facebooker gerne tattschi schreiben. Echt megamäßig geil dieses Facebook. In diesem Social Network kann man allerhand lernen. Etwa über Gleichheit. In manchen Gruppen sind sämtliche Kommentare nämlich gleich dumm. Oder gleich klug. In dieser auffälligen Gleichheit spiegelt sich ein kurioser Widerspruch: Da legen wir alle unbschreiblich Wert auf unsere Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit, eben unsere Individualität. – Und dann suchen wir zwanghaft Leute, die wie wir sind, um dem bedrückenden Gefühl zu entfliehen, allein auf weiter Flur zu stehen mit unserer Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit, eben unserer Individualität. Der mehrfach zu Wort gekommene Volksmund würde in seiner bisweilen derben Art vermutlich fragen: Was soll der Scheiß? Die meisten von uns sind Herdentiere. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Aber auch Herdentiere sind einzigartig, drängen freilich dermaßen aneinander, dass ihre individuellen Züge verschwimmen. Sie werden unauffällig. – Wieso, meinen Sie, heißen alle männlichen Sikhs mit Nachnamen Singh? Weshalb trugen alle bekennenden Sikh-Männer einen Turban, langes Haar, einen Holzkamm, einen Stahlarmreif, viele einen Vollbart? Richtig! Weil sich jedes einzelne Mitglied dieser über lange Zeit in blutige Wirren verwickelten Gemeinschaft damit in der Masse verlor. Und, ja, aus dem Gedanken der Verbundenheit heraus, auch das ist wahr. Nun stellen Sie sich ein Verhör durch britische Kolonialunteroffiziere vor.

Frage: Wie heißt der Aufrührer? Antwort: Singh.

Frage: Auffällige Merkmale? Antwort: Langes Haar.

Frage: Sonstige Merkmale? Antwort: Vollbart.

Frage: Auffällige Kleidung? Antwort: Turban.

Frage: Schmuck oder dergleichen? Antwort: Holzkamm und Stahlarmreif.

Entnervter Ausruf: Diese Beschreibung trifft auf Hunderttausende zu!

Amüsierte Antwort: Sogar auf Ihren Koch.

Wir sehen, welche Vorteile äußerliche Gleichheit bieten kann.