Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Ihre Schuld am Kulturverfall

Ich genehmigte mir einen schwarzgebrannten Zirbenschnaps. Ein Glas, kein Gläschen. Fand kein Gläschen, musste wohl oder übel zum Bierglas greifen. Und das bis zur Eich füllen. Aus tief verinnerlichter Achtung vor hiesigen Gepflogenheiten und Befindlichkeiten. Sie wissen mittlerweile, dass die Leute dieser Gegend ungehalten reagieren, liegt der Flüssigkeitsspiegel in einem Glas unter diesem markierenden Strichlein. Um ehrlich zu sein: Ich suchte gar nicht erst nach einem Gläschen, sondern griff zu einem dieser niedlichen, dem Gläschen eng verwandten Kölschgläser. Meine ausweglose Lage beschwert mich doch wieder sehr. Dass sie zurzeit aus anderen Gründen ausweglos ist, als zur Zeit, da ich begann, dieses enthüllende Dokument zu verfassen, spielt keine Rolle.

Das vorhin angespülte Traktorrad riss die Flut übrigens fort. Die putzige Blechkutsche auch. Jetzt hängt dort ein Garagentor eines französischen, in Vietnam produzierenden Herstellers. Muss ein Ortsfremder eingebaut haben, andernfalls läge das Trumm nicht herum. Die Einheimischen leisten nämlich noch handwerkliche Wertarbeit. Zum günstigen Dreifachen dieser günstigen Preise, die in München letztmals 1970 registriert wurden. Dann veranstaltete man 1972 die Olympiade, und mit der Beschaulichkeit und den anständigen Preisen war es vorbei. Der seitherige Rummel geht den Münchnern zunehmend gegen den Strich. Seitdem die Hauptstadt des Freistaats als Weltstadt mit Herz vermarktet wird, fühlen sich die Ortsanässigen überfordert von inflationierten Jubeltagen.

Apropos: Die CSU samt konservativer Anhängergschaft zeigt sich mächtig stolz auf Bayerns freistaatlichen Status. Das erscheint amüsant, insofern das oft zitierte Schicksal diesbezüglich seine oft zitierte Ironie bewies: Es war nämlich Kurt Eisner, ein strammer Sozialist, der Bayern anno 1918, nach dem Sturz der Monarchie, zum Freistaat ausrief. – Dankte ihm das konservative Lager seine Initiative seinerzeit? Natürlich nicht. Im Gegenteil: Ein militaristischer Konservativer namens Anton Graf von Arco auf Valley erschoss den pazifistischen Herrn Eisner 1919 hinterrücks. Nach Auffassung seines rechtslastigen Richters mordete Arco aus glühender Liebe zum Vaterland. Die harten Burschen, die hinter mir her sind, würden von einem Mord aus niederer Gesinnung sprechen. Aber nein, der damalige Richter wies genau das weit von sich.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es wäre unredlich, einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Mordbereitschaft und glühender Vaterlandsliebe herzustellen. Gewiss, glühender Nationalismus scheint die Mordbereitschaft zu erhöhen. Aber vielleicht zäumt man das Pferd falsch herum auf, betrachtet man die Geschichte von dieser Warte aus. – Was, wenn einfach mehr grundsätzlich mordbereite Charaktere dazu neigen, nationalistische Parolen zu schwingen? Stalin etwa war zweifellos mordbereit, bevor er vaterländisch zu schwadronieren begann. Hitler – ob eigenhändig, sei dahingestellt – gewiss auch. Und Zedong ebenso. Interessant übrigens, dass Hurrapatrioten überwiegend durch fehlende Auslandserfahrung auffallen. Gut, an den Ballermann schafften es etliche ihrer deutschen Vertreter, auch in türkische Clubhotels, auf österreichische Almhütten oder in thailändische Puffs. In sofern Respekt: Die Bilanz amerikanischer Chauvinisten fällt magerer aus.

Langsam nerve ich mich selbst. Ich verliere mich in Erörterungen, die nichts in diesem enthüllenden Dokument verloren haben. Dabei versprach ich, Ihnen diese aufrüttelnde Geschichte mit dem Schnapsen zu erzählen. Das ist wichtig. Das ist entscheidend. Die Geschichte, meine ich, nicht mein Versprechen. Leute von heute versprechen das Blaue vom Himmel herunter. Versprechen inflationieren. Viele heutige Versprechen sind nichts als Lügen. Aber auch frühere Versprechen entpuppen sich rückblickend als erlogen, als wahrheitswidrige Lockmittel. Clementine beispielsweise, dieses mollige Hausfrauenimitat mit den klimpernden Wimpern, versprach bereits Mitte oder Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dieses Waschmittel, für das sie warb, wäre unübertrefflich. Weißer als weiß würde es waschen. Ha! Ich hab‘s damals mit meinen Jeans versucht. Die wurden nicht weiß. Nicht eine davon. Erst nach sechsjährigem Tragen und dreimaligem Waschen verlor sich ihr modisch überholtes Indigoblau. Aber weiß waren diese zur Standardkleidung einer individualistisch-nonkonformistischen Generation gewordenen Hosen noch immer nicht. Seither wurde dieses Waschmittel angeblich ständig verbessert. Das war sicherlich dringend nötig. Man kann sich vorstellen, wie schlecht das als optimal beworbene Ausgangsprodukt gewesen sein muss, wenn es anschließend über Jahrzehnte hinweg im vierteljährlichen Rhythmus verbessert werden konnte. Ich bemerke, an dieser Stelle empfiehlt sich ein schnittiger Exkurs. Taufen wir ihn Versprechen über Versprechern und Ihre Schuld am Kulturverfall. Ehe wir voll einsteigen, bevor wir uns in thematische Minenfelder begeben, lassen Sie mich kurz auf Clementine und deren Erben zurückkommen.

Optimale Dinge und Umstände sind logisch betrachtet unmöglich zu verbessern. Gewiefte Werbestrategen räumen derlei Problemchen locker aus dem Weg. Einerseits kommt ihnen dahin gehend die allgemeine Sprachverhunzung entgegen, andererseits treiben sie die Sprachvernichtung gezielt voran. Der Schritt von weißer als weiß zu optimaler als optimal ist kurz. Und genial!

Apropos Sprachverhunzung: Kürzlich sah ich Ausschnitte einer dieser Ich-will-unbedingt-Star-werden-Sendungen eines luxemburgischen Medienkonzerns im österreichischen Fernsehen an. Die Juroren dieses zur Primetime ausgestrahlten Mega-Events eröffneten mir ungeahnte sprachliche Horizonte. Die Ausdrucksfähigkeiten dieses Dreigespanns . . . Wahnsinn, ich kann Ihnen flüstern! Eindrucksvoll hoch fünf! Vor allem der jüngste und der zweitjüngste dieser drei Starpotenzialbewerter – in dessen Alias kommt der mumifizierte Leichnam vom Hauslabjoch vor, dieser Ötzi – bewiesen sprachreduktionistische Talente, die ich vorher für unvorstellbar hielt. Diese Wortkünstler fanden stets eine eingängige Beschreibung, wenn ihnen ein Vortrag eines Gesangswunders wunderbar, wundervoll, schön, wunderschön, sagenhaft, herrlich, toll, prima, erstklassig, aufregend, hervorragend, herausragend, ausgezeichnet, bewundernswürdig, entzückend, reizend, mitreißend, fetzig, klasse, stark, spitze, außergewöhnlich, unvergleichlich oder umwerfend erschien: geil. Hut ab vor dieser Ausdrucksfähigkeit! Schon erstaunlich, dass sich angesichts dieses Wortreichtums so wenige Versprecher einstellten.

Versprecher erinnert, das fällt Ihnen sicherlich auf, an Versprechen. Dazu fällt mir dies und das ein. Gestatten Sie mir bitte, einen eleganten Rückschwung auf oben in Bezug auf Politiker enthüllte Wahrheiten zu vollziehen.

Der Bürger weiß, dass viele Politiker häufig lügen, wenn sie etwas versprechen. Im gewohnheitsmäßigen Sagen der Unwahrheit drückt sich, das sei gesagt, keine Charakterschwäche des jeweiligen Flunkerers aus. Das ist an sich klar, schließlich besitzen Menschen, die ständig lügen, keinen Charakter im Sinne der hier zutreffenden Wortbedeutung. Andererseits können es Politiker selten mit der Wahrheit halten, andernfalls machen sie hinsichtlich der Wählergunst keinen Stich gegen ihresgleichen, die fortwährend schwindeln, um einen Stich gegen andere zu machen, die unaufhörlich lügen. Eine Ableitung dieser Feststellung dürfte Ihnen gewaltig gegen den Strich gehen, sofern Sie wählen gehen: Sie sind es, der für die systematische Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten verantwortlich ist! Ihre Kreuzchen treiben Politiker rund um den Erdball in die Charakterlosigkeit und halbseidene Gestalten in die Politik! Jedes einzelne Ihrer Kreuzchen ist als Selektionsfaktor aufzufassen! Sie sind schuld daran, dass Sie von vorn bis hinten belogen werden!

Das Konto Ihrer moralischen Schuld belasten weitere Minuspunkte: Ihr Wankelmut, beispielsweise, Ihre Weigerung, einem verlässlich der Unwahrheit verpflichteten Lager die Treue zu halten. – Worauf kann sich ein Politiker denn noch verlassen, wenn Sie Ihr Kreuzchen heute hier und morgen dort setzen? Mehr noch: Viele von Ihnen scheuen nicht einmal davor zurück, ihre Stimme neuen Bewerbern zu geben. Vielfach ohne nachgewiesene schwindlerische Qualitäten daherkommenden Typen mit Weltverbesserungsanspruch oder selbsternannte Vaterlandsretter! Über kurz oder lang destabilisieren Sie damit das System. Vor allem treiben Sie damit die Unglaubwürdigkeit politischer Aussagen in immer abenteuerlichere Höhen. – Und dann? Dann machen Sie reihum in die Orientierungslosigkeit getriebenen Politikern Vorhaltungen! Wäre ich Politiker, wäre ich sauer auf Sie. Ehrlich. Ungelogen. Ehrenwort.

Oh nein! Ich lief einmal mehr in die Falle der Spontaneität! Ehrenworte von Politikern! Ihnen fallen zweifellos zahlreiche Größen der Politszene ein: ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler, Ministerpräsidenten, Minister, anderweitige Parlamentarier und amerikanische Präsidenten. Die Erfahrung, als Lügner aufzufliegen, muss für sie alle bitter gewesen sein. Die unschönen Begleiterscheinungen der mehrheitlich verfolgten Salamitaktik, zuzugeben, was nachgewiesen war, sollten nachwachsenden Generationen zu denken geben. Vor dem Hintergrund jämmerlicher Rückzugsgefechte lobe ich mir die Offensivgeist verratende Dreistigkeit eines österreichischen EU-Abgeordneten: Dieser pfiffige Bursche behauptete, er hätte sich zum Schein von seinerseits entarnten Enthüllungsjournalisten bestechen lassen wollen, um die Abgründe der in seiner Zunft vermuteten Bestechlichkeit auszuloten und ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Irgendwie vergaß er, diesen letzten Schritt zu vollziehen. – Bis die Öffentlichkeit auf sein unglaubliche Raffinesse verratendes Aufklärungsprojekt stieß. Genau zu diesem Zeitpunkt fiel ihm sein ihm entfallenes Ziel wieder siedend heiß ein. – Und dann? Dann vergaß die Öffentlichkeit seine Vergesslichkeit. – Bis die in Österreich anscheinend in außergewöhnlichem Umfang zur Verfolgung straffälliger Politiker genötigte Staatsanwaltschaft diesen Schelm humorlos vor die Schranken des Gerichts zitierte.

Um das Versprechensthema vorläufig abzurunden, muss ich nochmals die erwähnte Ich-will-unbedingt-Star-werden-Sendung anschneiden. Der ausstrahlende Privatsender verspricht sich von derartigen konzeptionellen Meisterleistungen, die in ständig beschleunigtem Tempo an den Tiefgang verlandeter Seen herangeführt werden, nur eines: hohe Einschaltquoten. Er baut diesbezüglich auf eine empirisch belegte Erkenntnis: Ein Minus an Tiefgang überträgt sich gesetzmäßig in ein sattes Plus auf der Quotenseite. Die Übereinstimmung mit einer politischen Grundregel tritt klar zutage. Im Politischen gilt nämlich: Mit sinkendem Gehalt einer Rede steigt das Maß ihr zuteilwerdender Zustimmung. Im Klartext: Ist sie, diese Rede, bodenlos opportunistisch gestrickt, erreicht sie den Gipfel möglicher Zustimmung. Doch das nur am Rande.

Worauf ich hinauswill, ist dies: Privatwirtschaftliche Sender stehen untereinander in einem unerbittlichen Quotenwettbewerb beziehungsweise einem Zuschaueranteilsbindungswettstreit. Sie benötigen stattliche Quoten, um Werbeeinnahmen einfahren zu können, die ihr Überleben sichern. Hier kommen öffentlich-rechtliche Sender – Spielwiesen der Politik – ins Spiel. Seit einiger Zeit müssen diese zwangsweise von Ihnen finanzierten Gebilde ihren Daseinszweck beziehungsweise ihren ewiglich wachsenden Finanzbedarf ansatzweise rechtfertigen. Und zwar über Quoten. Da der Weg zur Quote über eine kompromisslose Absenkung des inhaltlichen Niveaus führt, setzen ihre Chefdenker auf eine konsequente Verflachung ihrer Programminhalte. Das behaupten zumindest Leute, die etwas von Fernsehen zu verstehen scheinen. Die Öffentlich-Rechtlichen kamen zügig voran mit ihrem Verseichtungsbemühen. Gut, auf Nebenkanälen läuft Vernünftiges, bisweilen sogar in den Hauptprogrammen, hier aber zumeist zu nachtschlafener Stunde, in einem sozusagen quotentoten Zeitfenster. Mit ihrem Verseichtungsbestreben verabschieden sich die Programmgestalter im Interesse der Quote von ihrem Auftrag, eine gehaltvolle TV-Grundversorgung zu bieten. Diese Aussagen stehen unter dem Vorbehalt, dass Beobachtungen von Leuten zutreffen, die etwas von Fernsehen zu verstehen scheinen. Ich gewann freilich den Eindruck, dass manchen dieser Kritiker das grundsätzliche Dilemma der Öffentlich-Rechtlichen entging: Besteht auf Zuschauerseite ein allgemeines Desinteresse an gehaltvollen Sendungen, gibt es keine Rechtfertigung mehr für ihre zwangsweise finanzierte Existenz. Missachten sie ein bestehendes Bedürfnis nach niveauvollen Sendungen, gibt es auch keine Rechtfertigung mehr für ihr pflichtfinanziertes Dasein. Mein Gefühl raunt mir ein folgerichtig klingendes Fazit zu. – Was raunt Ihnen Ihr Gefühl zu? Dass ich endlich abschließend von jener Begebenheit erzählen sollte, die mich in meine brenzlige Lage brachte? Lieber Leser, geschätzte Leserin, ich darf Ihnen eines versichern: Genau das habe ich im Sinn. Freuen Sie sich auf beschleunigte Berichtsfortschritte.