Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Grauen aus der Traumfabrik

Wissen Sie, was soeben geschah? – Nach längerem Schlaf kündigte mein von zahllosen kleineren und größeren Verhängnissen geschulter Instinkt sein Erwachen an. Der Typ ist cool. Er rührt sich nur, wenn es wirklich sein muss. Dieser zivilisatorisch unverbildete Naturbursche steckt mein gesamtes inneres Parlament locker in die Tasche. Er pfeift auf demokratische Regeln; im Grunde ist er ein Diktator. Die häufig streitenden Parteien in meinem Inneren verachtet dieser pantherhaft aus seiner Deckung schnellende, blitzartig zuschlagende Typ. Ich gestehe beschämt ein, dass ich seine Haltung verstehen kann. Ich wäre oft böse unter die Räder gekommen, einige Male sogar draufgegangen, hätte er nicht beherzt eingegriffen. Hätte er es unterlassen, wären natürlich auch die Parteien in mir übel auf die Nase gefallen, einige Male sogar draufgegangen. Das wissen die Damen und Herren Parlamentarier. Sie erkannten, wie nützlich ein Diktator sein kann. Bisweilen lassen sie ihn sogar gerne ran, ja schicken ihn stellvertretend vor. Beispielsweise dann, wenn es darum geht, heiße Kastanien aus dem Feuer zu holen oder sich die Hände zu beschmutzen. Hin und wieder, wenn er sich ziert, kitzeln sie seine Eitelkeit oder ködern ihn mit vollmundigen Versprechen. In dieser Hinsicht gebricht es meinem Instinkt leider ein bisschen an Instinkt.

Wissen Sie, was mir auffällt, während ich meine innere Welt mit dem Licht der Selbsterkenntnis ausleuchte? – Draußen, in der großen, weiten Welt, geht es zu wie in mir. Da Sie und ich das wissen, können wir es gut sein lassen und uns erneut dem Bericht über das Schnapsen zuwenden; die Angelegenheit pressiert. Ich Dussel übersah nämlich, dass ich keineswegs aus dem Fenster sah, als ich das zu tun glaubte. Man glaubt es kaum! Ich glotzte in einen riesigen 3D-Bildschirm, den mein letzter Gast vor auf der Fensterbank aufgestellt haben dürfte. Ich wunderte mich vorhin, weshalb die Schrift im Notebookschirm zu verschwimmen schien. Nun weiß ich es: Ich setzte versehentlich eine 3D-Brille auf. Von wegen Flut, Katastrophe, Chaos und Desaster! Einem dieser astronomisch hohe Produktionskosten verschlingenden Filme aus dieser kalifornischen Filmfabrik saß ich auf! Offenbar diente von Google hier am Ort und rundherum aufgenommenes Bildmaterial als Grundlage für dieses geistlose Machwerk.

Ich finde die meisten Hollywood-Streifen schlecht, dieser hier ist grottenschlecht, ja eine Katastrophe. Aber eindrucksvoll. In 3D. Vor allem, wenn man die Lautstärke in Richtung Schmerzgrenze hochfährt. Bildfolgen und Geräuschkulisse verbinden sich zu einem wirklich interessanten Erlebnis, an dem ich Sie für einige Augenblicke teilhaben lassen will. Momentchen noch! Ja, jetzt wackeln die Wände ordentlich! Also, ich beschreibe mal rasch, was ich sehe und höre. – Verstehen Sie mich? Gut, dann mal los!

Krach, schepper, bumms! Peng, rattattatt, peng, rattattattatt, peng, brüll, fauch! Peng, peng, knall, rattattattattatt! Knarre von Gutheld kaputt! Zieht Kanone aus Socke! Ladehemmung! Zieht Kanone aus anderer Socke! Wird aus Pranke geschossen! Rattattatatt! Ratter, ratter, ratter! Ping, jaul, plopp! Rakete rast Gutheld entgegen! Er sprintet los, schlägt Salto, durchbricht Glasfassade! Klirr, klirr! Fliegt zwanzig Stockwerke tief! Ergreift vom Himmel hängendes Seil! Atemlose Spannung! Schwingt! Stößt sich von Luft ab! Tritt! Klirr, splitter, riesel! Ab durch die Scheibe! Dreißig Russen! Abrollen, Hochfahren, Sprung, Drehung, Derringer hoch! Peng! Kugel killt mit Kalaschnikow ballernden Bösewicht! Kugel durchschlägt Kopf! Killt zweiten mit Kalaschnikow ballernden Bösewicht! Fetzt durch Schädel! Ping, zing! Prallt an Wodkaflasche ab! Nietet ballernde Schurken drei, vier, fünf um! Gutheld hechtet hinter Papierkorb! Sechs ballert! Abzugsfinger krampft! Killt Kumpane! Spritz, spei, röchel! Dreiundzwanzig Russen tot! Gutheld wirft Brieföffner! Sechs kippt um! Gutheld steht auf, glotzt dramatisch, spricht mit Reibeisenstimme: Jetzt seid ihr dreitausend, amerikanische Patrioten in der Kantine folternden Schlitzaugen dran.

Ein mordsmäßiges Spektakel. Alleine die Szene mit den sechsundachtzig hochgehenden Bomben haut einen um. Und die mit dem zeitlupenhaft über 3.030 Leichen zusammensinkenden Wolkenkratzer. War vermutlich hoch versichert, wahrscheinlich sowieso abbruchreif. – Eh, was ist jetzt los? Totaler Wahnsinn! Gutheld springt in letzter Sekunde mit sieben an ihn klammernden Kindern, einer Nonne auf dem Rücken und einem Baby vor der Brust von der Krone eines von Sprengladungen zerpulverten Großstaudamms! Wahrlich ein mordsmäßiges Spektakel. Völlig idiotisch. Völlig sinnleer. Aber eindrucksvoll. In 3D.

Einige Fragen sollten wir uns im Interesse ungetrübten Genusses farbenprächtig inszenierter Blutorgien natürlich nicht stellen. Etwa die, weshalb uns das amerikanische Hollywood unablässig rohe Gewalt serviert, während das indische Bollywood am laufenden Band anrührende Schnulzen ausstößt. Oder die hier: Wieso steigern amerikanische Studios die ihren schablonenhaften Kinofilmen und TV-Mord-Serien mitgegebene Gewaltdosis und Perversität ins Uferlose?

Wissen Sie, ich glaube, ich urteilte vorschnell, als ich von sinnleer sprach. Solcherlei passiert mir öfter; ich denke einfach zu wenig nach. Aber jetzt, gerade in diesem Augenblick, geht mir ein Licht auf. Die Botschaft ist nämlich immer dieselbe: Der Gute wird pausenlos vom Bösen attackiert. Der Gute muss sich wehren. Und: Der Gute darf erst ruhen, wenn der Böse vernichtet ist. Und: Das Gute siegt immer. Der Preis spielt keine Rolle. Und: Amerika ist gut. Folglich wird Amerika pausenlos attackiert. Also muss sich Amerika wehren. Es darf erst ruhen, wenn der letzte Bösewicht vernichtet ist. Böse ist jeder, der … Amerika nicht mag? Es vielleicht für krank hält? Kurioserweise vermittelt uns der amerikanische Film in weiten Teilen genau dieses Bild: Gewalt, so weit das Auge reicht. Brutalste Gewalt. Scharenweise Psychopathen. Voran diese ekelerregenden, schmausenden, durch den Fleischwolf gedrehte Mordopfer unter flotten Sprüchen ausweidenden Gerichtsmediziner. Dass aufgeschlitzte Körper übelkeiterregend stinken, weiß kaum ein Zuschauer. Ich schätze, auf Mord und Totschlag eingestellte Filmproduzenten unterdrücken die Verbreitung des Geruchsfernsehens. Außer Nekrophilen würde sich niemand mehr ihre abartigen Zumutungen ansehen. Dass dieser Schrott im Rang eines Freizeitvergnügens steht und das Genre buchstäblich serienweise Kassenschlager hervorbringt, lässt selbstredend auf ein verrohtes Publikum schließen.

Natürlich verstehe ich, dass Sie Unmut ergreift: Sie brennen auf die Sache mit dem Schnapsen. Zwar versprach ich, Ihnen schreckliche Dinge zu enthüllen, doch mit dem Abstecher nach Hollywood überschritt ich die Grenze des Erträglichen. Schon richtig, schon wahr. Der Horror setzt sich gerade übrigens nahtlos fort: Ein Muskelmann mit den Initialen S. S. arbeitet den verlorenen Vietnamkrieg auf. Anschließend macht der himmelschreiend hirnlose Muskelprotz vermutlich erneut die Sowjetarmee in Afghanistan zur Schnecke.