Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Entspannung stresst

So, den Fernseher schaltete ich aus und schob den 110-Zöller vom Fenster weg. Draußen regnet es tatsächlich heftig. Gut so, nutzen wir die geschenkte Zeit.

Ich glaube, in Zusammenhang mit dem Schnapsen blieben wir bei jenem Augenblick stehen, als ich zur Salzsäule erstarrte. Wörtlich zu nehmen ist diese Aussage selbstredend nicht, da der geringe Salzgehalt menschlicher Körper einen entsprechenden Erstarrungsvorgang unzweifelhaft ausschließt. Alleine diese Tatsache beweist schlagend, wie abwegig die biblische Erzählung von Lots Frau ist; deren Vorgeschichte stellt sich übrigens – wie so viele biblische Märchen – außerordentlich unappetitlich dar. Doch verzetteln wir uns nicht.

Ich meine mich zu entsinnen, Stressmomente durchlitten zu haben, nachdem die physiologisch unmögliche Versalzsäulung zur Sprache gekommen war. Ich glaube weiterhin, mich zu erinnern, erwähnt zu haben, dass ich mich seit meiner Übersiedelung von München nach Österreich häufiger gestresst fühle. Und das, obwohl Alpenrepublikaner meinem Gefühl zufolge entspannter zu leben verstehen als Deutsche. Davon bin ich sogar überzeugt. Vor diesem Hintergrund dürfte Ihnen eine Frage entfahren:

Ja Himmel, wie kann das dann sein, das mit dem vermehrt empfundenen Stress?

Da, genau da, liegt der Hase im Pfeffer: Eindeutig feststellen lässt sich das nämlich nicht. Meines Erachtens haben wir es mit einer Vielzahl einander beeinflussender Faktoren zu tun, die sich in ihrer Summe zu einem emotionalen Belastungsmoment verbinden. Um meiner Linie treu zu bleiben, Ihnen weitschweifige Erklärungen zu ersparen, fasse ich mich kurz. Kurzum: Der Schlüssel zum Verständnis liegt im Bereich begrifflicher Definitionen.

Selbstverständlich blende ich im Fortgang unserer Diskussion aus, dass eine enge Beziehung zwischen Mann und Frau im männlichen Organismus einen permanent über Stressfreiheitsniveau liegenden Stresspegel bedingt. Um das Stressphänomen möglichst einfach abzubilden, beziehen sich nachfolgende Passagen gleichwohl auf eine Paarung von deutschem Mann und österreichischer Frau. Nein, ich spreche keinen Sexualakt an, sondern eine Paarbeziehung. Gewiss, angeblich kommen in festen Paarbeziehungen sporadisch Intimitäten vor, doch sehe ich keinen Sinn darin, hier und jetzt auf ein Randphänomen mit Seltenheitswert einzugehen.

Im Interesse einer verdichteten Darstellung ziehe ich eine Steirerin aus dem nördlichen Grazer Umland als Exempel heran. Zufällig lebte ich mit solch einer Zierde der Weiblichkeit zusammen. – Sie nicht? Dann kann ich Sie nur ermutigen, Ihr Glück zu versuchen. Andererseits muss ich Sie warnen: Sie spielen mit dem Feuer. Zählen Sie zum Kreis in Tunneln schweißgebadet verkrampfender Autofahrer, können Sie jeden Gedanken an ein freundlich erwidertes Anbandeln sofort begraben. Sind Sie ein begnadeter, von Ihrer Umwelt verkannter, am Hungertuch nagender Künstler, löst sich dieses K.O.-Kriterium freilich in Wohlgefallen auf: Die Steirerin springt auf zahnlose Kater und verkannte Künstlernaturen an. Ist so, hört man immer wieder.

Im vorletzten Absatz fiel eine Wortpaarung: begriffliche Definitionen. Darum geht es. In Zusammenhang mit entspannt leben.

Das statistisch repräsentative deutsche Mannsbild definiert Entspannung als von gelegentlichen Programmwechseln unter Zuhilfenahme der Fernbedienung begleitetes, von Tiefschlafphasen durchsetztes Dösen auf der Couch. Der geistig feinmaschiger gestrickte Pantoffelheld erweitert diese Definition: Bierflasche und Chips ergänzen die Grundform. Der Luxusvariante von Siegfrieds Enkel genügt das beileibe nicht: Dieses umgangssprachlich als Pascha bezeichnete Prachtexemplar verlangt nach hervorragendem Essen, erlesenem Wein sowie einer in reizender Wäsche dahintänzelnden Schönen, die ihn von hinten und vorn bedient – und ungestört fernsehen lässt.

So sieht das Entspannungsuniversum des deutschen Mannes aus. Falls Sie sich in einem skizzierten Steckbrief wiedererkennen, machen Sie sich bloß nie an eine Steirerin heran! Dieses Superweib betrachtet ganz andere Dinge als entspannend. Diese erdwandelnde Aphrodite braucht Programm. Volles Programm. Sie entspannt, was den bundesdeutschen Couchliebhaber schafft, erledigt, genetisch als sein übelster Albtraum verankert ist. Der Österreicher ist notgedrungen belastbarer. Andernfalls hätte er nie einen Stich gemacht, wäre umgetauscht worden und letztlich ausgestorben. Aus diesem erbarmungslosen Selektionsdruck erklären sich Ihnen gewiss aufgefallene Phänomene. Erstens das hektische Kommen und Gehen in Grazer Bierpinten, Linzer Weinstuben und Wiener Kaffeehäusern: Österreichern von ihren Taktgeberinnen eingeräumte Entspannungsphasen genügen mit Ach und Krach für ein Seidel, ein Achtel oder einen kleinen Braunen. Zweitens dürften Sie in sämtlichen Haushalten ganztägig laufende, ausschließlich Reise- und Kultursendungen bringende Fernsehprogramme bemerkt haben. Hingegen entging Ihnen vermutlich, dass nirgends ein Mann vor der Glotze herumhängt. Natürlich nicht: Die Dauerberieselung dient einzig dazu, ununterbrochene Reise- und Kulturaktivitäten zu simulieren. Drittens besitzen Alpenrepublikaner von unzähligen haarsträubenden Abenteuern geprägte Züge, in denen sich gleichwohl unstillbarer Kulturhunger ausdrückt. Letzterer offenbart sich auch im überaus zarten österreichischen Humor, den Alpenrepublikaner nur zum Scherz in derbe Worte kleiden.

Was der Steirerin Entspannung beschert, lässt sich als Sozialstress bezeichnen. Das ist kein Scherz, nein. Sie gerät entsetzlich unter Stress, wenn sie nicht täglich ein Mittagessen mit irgendwem, einen Kaffee mit irgendwem, ein abendliches Schwätzchen mit irgendwem bei gehaltvollem Wein vor sich weiß. Hinzu kommt Telefonieren. Endlos aneinandergereihte Drei-Minuten-Gespräche, oft mehrstündige Palaver über alles, was je die Welt bewegte und unseren vor die Hunde gehenden Planeten künftig bewegen könnte. Dann sind da noch Simsen und Mailen. Der Telekommunikation gegenüber zeigt sich die Steirerin in jeder Lebenslage aufgeschlossen. Etwa beim leichtfüßigen Aufstieg auf einen dieser sonnengeküssten Gipfel, die allerorten auf Tieflandgeborene herabhöhnen. Oder während einer beschwingten Fahrt auf einer von endlosen Lärmschutzwänden eingefassten Autobahn. Sie spricht stets laut, unvorstellbar laut. Für deutsche Ohren scheint sie zu brüllen. – Wehe, wenn sie brüllt! Nein, am Telefon beschallt sie ihr weiteres Umfeld mit, da sie weiß oder annimmt, dass ihr Gesprächspartner weit entfernt weilt. – Klar, schließlich heißt es Telekommunikation. Ist auch eine, selbst wenn Sie Ihrem Tischnachbarn ein weinseliges Hallo per Handy zurufen und er Ihre Freundlichkeit mit einem bierseliges Grunzen erwidert. Wie auch immer: Je weiter fort Ihre Grazie Gesprächspartner wähnt, desto lauter redet sie. Da es sämtliche in ihrem Nahbereich telefonierenden Alpenrepublikanerinnen – mit denen sich Ihre Süße beiläufig auf ein Treffen verständigt – ebenso halten, geht es geräuschvoll zu. Wird Ihnen Ihr Herzblatt zu laut, schreien Sie einfach in liebevollem Ton:

Holde, deine Freundin schlürft Cocktails in Cancun, das ist nicht einmal halb so weit von hier weg wie Melbourne!

Nun wird Ihr Täubchen gurren. – Falls es vorher mit einer Bekannten in Australien sprach. Nach durchschnittlich elf Sekunden bedarf es einer Erinnerung, um die neuerlich anschwellende Lautstärke zu begrenzen:

Holde, deine Bekannte, die du gerade an der Strippe hast, brutzelt an einem süddänischen Nordseestrand! Der ist nicht einmal halb so weit weg von hier wie das Nordende des Newski-Prospekt in Sankt Petersburg!

Allerdings sollten Sie nähere und fernere Länder einzig dann erwähnen, wenn Sie die unbändige Lust beseelt, am kommenden Tag eine kürzere oder längere Reise anzutreten. Denn Reisen liebt die Steirerin mehr als alles andere. Sie lässt keine Gelegenheit aus, Neues zu entdecken und liebgewonnene Erinnerungen aufzufrischen. Ein unbedachtes Wort, und Sie sehen sich zum nächsten Flughafen geschleift, gedrängt oder geschoben. – Falls Ihr rotierender Lebensmittelpunkt glücklich mit Ihnen ist. Andernfalls fliegt sie allein. Sie fliegt aber auch allein, wenn sie glücklich mit Ihnen ist. Schließlich pflegt sie bis ins höchste Alter Mädelsrunden, die mindestens einmal im Quartal in wechselnden Erdenwinkeln bleibende Eindrücke hinterlassen. In diese illustren Zirkel passt einfach kein Mann hinein.

Und noch etwas, da mir ein grober Schnitzer ins Auge sticht: Ich erwähnte den Newski-Prospekt. Dumm von mir, wirklich unbedacht. Das Wort Prospekt versetzt Ihren Augenstern nämlich übergangslos in einen rauschähnlichen Zustand. – Vor dem geistigen Auge Ihrer Bergfee entfalten sich schlagartig Schuh- und Handtaschenkataloge! Prospekte! Nun reizt Ihren Liebling nicht länger das bloße Verreisen, sondern ausgiebiges Einkaufsreisen! Sie können sich darauf einrichten, dass Ihre Angebetete umgehend Reiseportale durchforsten und Ziele mit den längsten aller europäischen Einkaufsmeilen aussuchen wird. Unterlief Ihnen ein Patzer beschriebener Art, bleibt nur ein Weg, drohendes Ungemach abzuwenden: Schlagen Sie eine Destination vor, deren Faszination die Faszination westlicher Warenwelten verblassen lässt. Gehen Sie behutsam vor. Fragen Sie. Etwa in folgendem Stil:

Süße, was hältst du von Indien? Acht Wochen oder so? Wechselst ja soeben neuerlich die Firma. Da könnte so ein Kurzurlaub ganz nett sein, oder?

Aber auch diesbezüglich besteht ein Haken: Sie müssen den Mumm besitzen, sich auf das wahre Indien einzulassen. Jedenfalls wird Folgendes geschehen, wenn Sie eine derartige Frage stellen: Zwei, drei Stunden später wird Ihnen Ihr Schatz einen Vorschlag unterbreiten:

Indien wäre nett, oder? Acht Wochen oder so.

Damit gibt es kein Zurück mehr. Ich wünsche viel Vergnügen: Rajasthans bunte Märkte sind wahrlich einzigartig, wirklich fantastisch.

Die Steirerin gerät unter Hochdruckstress, ja verfällt in helle Panik, wenn Sie nach ihrem neunundzwanzigsten Geburtstag erst fünfzig Prozent aller Landsleute und weniger als die Hälfte aller anderen Alpenrepublikaner in ihrem Telefonbüchlein führt. Und mit denen auch fernmündlich gesprochen hat! Und mit der Hälfte in einem Buschenschank oder Heurigen parlierte. – Und hier, wieder einmal, eine Hilfestellung für rätselnde Deutsche: die einander ähnelnden Betriebstypen finden ihre Entsprechung in Strauß-, Häcker-, Hecken-, Besen- und Rädlerwirtschaften.

Sie können niemals sicher sein, was Ihrem hinreißend mitreißenden Wirbelwind als Nächstes einfallen wird. Nur eines ist gewiss: Während sie und Sie gemeinsam die tollsten Dinge unternehmen und erleben, denkt sie bereits ans nächste tolle Ding. Herrscht einen Tag, nur einen Tag lang Ruhe, macht sie einen Fröschchenmund und klagt:

Wir unternehmen nie etwas.

Tiefem Stirnrunzeln zuneigende Skeptiker mögen die leibhaftige Existenz solch einer nimmermüden Enkelin der Freya bezweifeln. Aber: Es gibt sie. Und: Was würde es aus Sicht des deutschen Homo Couchikus ändern, wäre sie nur halb so quirlig wie beschrieben?

Weshalb ich Ihnen all das erzählte? – Das, lieber Leser, liebe Leserin, frage ich mich selbst. Zwar darf ich mir die Gewissheit an die Fahne heften, mehr als jeder andere zur Schärfung Ihres täglich stundenlang auf die Alpenrepublik gerichteten Blicks beigetragen zu haben. Aber dieses Wissen tröstet allenfalls bedingt über eine Tatsache hinweg: In Sachen Schnapsen kamen wir keinen Schritt voran. Mein haarscharf an Unverantwortlichkeit vorbeischrammendes Auf-der-Stelle-Treten zu rechtfertigen, käme purer Zeitverschwendung gleich. Es entspringt – das immerhin sei gesagt – weniger dem Verbrauch zeitlicher Einheiten, die verschiedentlich abzuzweigen waren, um hier und da gesponnene Gedanken niederzuschreiben. Vielmehr geht der unbefriedigende Ist-Zustand darauf zurück, dass ich mir hin und wieder ein Mützchen voll Schlaf gönnte. – Entschuldbarerweise, wenn ich das feststellen darf. Dieses enthüllende Dokument bis zu diesem Punkt zu verfassen, beanspruchte sechs oder sieben Stunden, vielleicht sogar eine halbe mehr. Am Kartentisch wirkt solch eine Zeitspanne wie ein Wimpernschlag, beim Schreiben dehnt sie sich zur schieren Ewigkeit. Diese Bemerkung führt uns in die Kurve vor der Zielgeraden des spannenden Berichts über das Schnapsen.