Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Dahinterstehen und Mehrheitsfehler

Versetzen wir uns zurück in jene mir albtraumhaft gegenwärtige Vergangenheit, als das Schnapsen stattfand. Ich berichtete, dass Werner klein wirkte vor dem langen Kerl, der mit vor der Brust verschränkten Armen hinter ihm stand. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf, können Sie sich die spannungsgeladene Situation ausmalen. Vielleicht dämmert Ihnen dabei sogar, was es mit der Aussage auf sich hat, sich hinter jemanden zu stellen. Politiker verwenden sie häufig. Ich glaube, es war eine gemessen an Vorschulstandards sprachgewandte Kanzlerin, die sinngemäß feststellte: »Ich stelle mich hinter den Bundesminister für Verteidigung, Herrn Karl-Theodor zu Guttenberg.« Sie bezog sich auf einen in Bausch und Bogen als Plagiator verunglimpften Freiherrn; dabei schrieb der geschniegelte politische Senkrechtstarter bloßwesentliche Teile seiner Doktorarbeit ab. Obendrein versehentlich, wie der arme Tropf beklagte. Wenig später, meine ich, sagte die erwähnte Regierungschefin: »Ich stelle mich hinter die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Frau Schavan.« Lange stand sie hinter den ertappten Betrügern nicht, da Lichtgestalten ihres Kalibers ungern in anderer Leute Schatten stehen. Darüber hinaus schrumpften die beiden Titelerschleicher dermaßen ein, dass die Dame im Hintergrund zusehends Trefferflächen bot.

Ich weiß nicht, wer sich irgendwann aus welchem Anlass hinter irgendwen stellte. Wozu es gut ist, sich hinter jemanden zu stellen, liegt allerdings auf der Hand: Wenn Tomaten, faule Eier oder Kugeln fliegen, drängt kein halbwegs trostgesegneter Mensch in die erste Reihe. Insofern ist es erklärbar, weshalb stets und überall in den Vordergrund drängende Leute plötzlich beschlie?en, anderen den Vortritt zu lassen. Bisweilen geschieht das sogar auf Grundlage einer Abstimmung. Tatsache. Das belegt unter anderem die mir erinnerliche Frage eines Bankenaufsichtsrats: »Darf ich Ihnen Frau XY vorstellen?« In dieser Frage drückt sich löbliche Höflichkeit aus. Oder Tücke, falls Frau XY im Unklaren belassen wird, wieso sie ausnahmsweise vorn stehen darf beziehungsweise soll.

Anständiger als der demokratische Entscheid wirkt folgende, auf einer direkten Ansprache des ausersehenen Kanonenfutters beruhende Variante: »Darf ich Sie, Herr YZ, vorstellen?« Das ist nun wahrlich höflich. Oder wahrlich verschlagen. Dann nämlich, wenn Herr YZ keinen blassen Dunst hat, worum es geht, seinem Boss jedoch aus Prinzip keine Ahnungslosigkeit verratenden Fragen stellt, geschweige widerspricht.

Dahinterstehen lässt sich selbstverständlich auch gruppenweise. Gegebenenfalls stellt man idealerweise eine volle Deckung bietende Gruppe nach vorn. Verwirrend wird es, verkündet eine Gruppierung oder Partei, die nie vorn stand, sie wäre nie hinter diesem oder jenem gestanden. – Wo stand sie dann? Seitlich? Wohl kaum, denn das deutet die Allgemeinheit instinktsicher als Positionslosigkeit, als Wurstigkeit ausstrahlende Haltung, als Außenseitertum. Nicht nur in der Politik erweist sich solcherlei als selbstschädigend. Geht nicht, macht man nicht.Restlos verstörend wirkt ein allenthalben zu hörender Satz: »Ich stehe hundertprozentig zu meinem Versprechen.« Was bedeutet zu? Wo steht er, wo steht sie? Und wozu dieses hundertprozentig? Wird ein Versprechen lediglich zur Hälfte erfällt, wurde es gebrochen, oder?

Da ich vermeiden will, Sie durcheinanderzubringen, gebe ich Ihnen eine einfache Regel mit auf den Weg: Betont irgendwer, irgendwo, irgendwann, sich hinter Sie zu stellen, sollten Sie sich schleunigst hinter jemanden stellen. Am besten hinter die Mehrheit. Das verbürgt größtmöglichen Schutz. – Sofern diese Mehrheit keine groben Schnitzer beging. Gegebenenfalls erweist es sich als klug, sich hinter eine Minderheit zu stellen, die gegen die Mehrheit stimmte.

Da mir belehrende Töne fremd sind, lasse ich es gut sein. Nur eine Kleinigkeit fällt mir noch ein, die sich auf angeklungene Fehler einer tonangebenden Mehrheit bezieht. Der Einfachheit zuliebe empfiehlt es sich, meine Gedanken am Beispiel des Politischen, hierbei wiederum anhand eines Zweiparteiensystems zu veranschaulichen.

Dass Mehrheiten Fehler begehen, dass sie irren können, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Lauscht man der Opposition, sind Fehlentscheidungen der regierenden Mehrheit sogar die Regel, nicht die Ausnahme. Von dieser Warte aus gesehen, wäre es zwingend erforderlich, die Minderheit zu wählen, um sie ans Ruder zu bringen. In lebendigen, nicht verkohlmerkelten Demokratien geschieht das oft. Aber dieser Wechsel löst kein Problem: Denn nun sitzt die einstige Mehrheit als Minderheit im Plenum, die ehemalige Minderheit hingegen als Mehrheit auf der Regierungsbank. Da sie jetzt die Mehrheit stellt, begeht sie serienweise Fehler. Kurz: Die Minderheit müsste regieren, um diese Fehler auszuschließen. Dasselbe gilt natürlich in Bezug auf jeweilige Parteien selbst: In ihnen müsste sich stets die Minderheit durchsetzen. Soweit ist das klar. Aber nun ziehen wir rückblickend auf mehrmalige Wechsel zwischen Minderheitsstatus und Mehrheitsrolle die logische Konsequenz. – Wie sieht die aus? Keine Ahnung? Also gut, ich sage es Ihnen: Wenn es stets die regierende Mehrheit ist, die zum Volkswohl zu vermeidende Fehler begeht, müsste stets die Minderheit regieren, also jene Partei, die weniger Stimmen erhält. Unser Wahlsystem mag zu den besseren zählen, der Umgang mit jeweiligen Wahlergebnissen ist jedoch grundfalsch.

Ein hinsichtlich des Fehlerausschlussrisikos intelligenter Ansatz läge darin, allen Menschen, die die Mehrheit eines Staatswesens repräsentieren, Wahl- und Mitspracherechte zu entziehen oder ihnen von vornherein vorzuenthalten. – Das wäre undemokratisch, meinen Sie? Wieso das? Es kommt lediglich darauf an, wie man Volk definiert, denn Demokratie bedeutet Volksherrschaft. Blicken wir hinab in die Schluchten der Vergangenheit, offenbart sich, dass zahlreiche als demokratisch gerühmte Staaten den Volksbegriff außerordentlich eng fassten, also eine Mehrheit von allen Entscheidungsfindungsprozessen ausschlossen: So war die überaus erfolgreiche Attische Demokratie gestrickt, so hielten es die sich als Hort und Hüter demokratischer Prinzipien aufspielenden USA die längste Zeit ihrer kurzen Geschichte. Nicht von ungefähr erwärmten sich miese Diktatoren, darunter Adolf Hitler, für Athens raquo;Demokratie«. Konsequent fortgesponnen, führt der Fehlergedanke jedoch weiter: Die denkbar kleinste Minderheit ist – Facetten eines schizophrenen Geistes ausgenommen – ein einzelner Mensch. Folglich müsste ein Einzelner uneingeschränkt herrschen. Ein alle Macht innehaltender Kaiser oder König, ein Konsul oder wie auch immer man diese Position benennen will.

Da Verfassungsschützer, die Verfassungsrechte gelegentlich brechen, um sie zu schützen, in dieser Richtung keinen Spaß verstehen, gestehe ich meine mit der Muttermilch eingezogene Überzeugung ein: Ich halte die Demokratie für die beste aller Regierungsformen. Nicht immer und überall und sicherlich nicht in Form einer Mogelpackung. Wladimir Wladimirowitsch Putin gäbe mir gewiss recht. Wie auch immer: Es gibt viele, sehr viele gute Gründe, hinter dem demokratischen Prinzip zu stehen.

Ein Blick auf jene Stelle am Himmel, wo der von schwarzen Wolken verhüllte Halbmond stehen müsste, drängt zur Eile. Wie Sie wissen, ist es unerlässlich, Ihnen die Geschichte mit dem Schnapsen erzählen. Auch dabei spielte das Dahinterstehen eine Rolle.