Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Aufschlag garantiert

Nach zähem innerem Ringen ließ mein im Großhirn residierender Parlamentsvorsitzender sein Hämmerchen schwungvoll niedersausen und verkündete den aus tumultuösen Debatten hervorgegangenen Mehrheitsentscheid:

Sagen wir es ihnen!

Mit ihnen meinte er Sie.

Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann erhobene Zeigefinger und oberlehrerhafte Besserwisserei. Deshalb vermied ich es von Kindesbeinen an, mir irgendwelche Meinungen zu bilden. Damit stehe ich ziemlich allein auf weiter Flur, weil nahezu alle Menschen eine Meinung haben wollen. Leute, denen es misslingt, selbst eine zusammenzuschustern, heuern Meinungsbildner an, um sich eine auf den Leib schneidern zu lassen. Meinungsbildner zu sein, stelle ich mir spannend vor. Aber das tut nichts zur Sache. Ich wollte Ihnen nahebringen, weshalb ich keine Meinung haben will. Ich beobachtete nämlich zweierlei: Erstens, dass unser Ich eine Fiktion darstellt. In uns bestehen unterschiedliche geistige Fraktionen. Das ist klar, andernfalls säße unser innerer Parlamentsvorsitzender nicht da, wo er sitzt. Da wäre kein Hammerschwung zu sehen, kein Ordnungsruf zu vernehmen. Zweitens bemerkte ich, dass Zeitgenossen, die eine Meinung besitzen, dazu neigen, diese für eine allgemein seligmachende Sichtweise zu halten. Ab einem gewissen Punkt krampfhaft bemüht herbeigeführter Meinungsverfestigung prallt die Wirklichkeit an diesen Menschen ab wie ein Gummiball von einer Stahlbetonwand. Unter diesen Leuten befinden sich viele, die durchaus als welterfahren zu bezeichnen sind, insofern sie in 5-Sterne-Alles-Inklusive-Resorts in der Türkei, auf den Malediven oder in Thailand faulenzten, vielleicht sogar am Ballermann Krüge stemmten und mitreißende Lieder grölten. Altgediente Außenminister kennen die Welt noch besser als Otto Normalbürger. Der eine oder andere übernachtete gerüchtehalber in über fünfzig, sich meinem Eindruck nach durch nichts voneinander unterscheidenden Hilton-Hotels dieser Welt.

Außenminister reisen bisweilen mit handlichem Köfferchen. Doch mag das Transportbehälterfassungsvermögen noch so bescheiden sein, eines haben die Damen und Herren immer im Gepäck: eine Meinung. Ob ihre eigene, eine geliehene oder gekaufte, spielt keine Rolle. Welche Meinung wann und wo vertreten wird, wissen von völlig unabhängigen Sendern unterrichtete Fernsehzuschauer und Radiohörer sowieso, bevor ein Außenminister den verkündenden Mund aufmacht. Das ist gut so. Ich denke diesbezüglich an einen deutschen Regierungsreisenden aus dem liberalen Lager. Sich wach zu halten, bis sich dieses durch einen negativen Unterhaltsamkeitskoeffizienten und lupenreine Ausdruckslosigkeit auffällige Sprachgenie ausgemärt hatte, kostete übermenschliche Kraft. Immerhin besaß dieser bedeutungsschwanger ins Blitzlichtgewitter sehende Verbalerotiker eine felsenfest verfestigte Meinung: Er meinte, der freie Markt trüge die Lösung sämtlicher Menschheitsprobleme in sich. – So blöd kann kein Mensch sein, meinen Sie? Ich muss gestehen, eine derartige Verblendung schien auch mir unmöglich. Aber: Auf Erden wandeln zahllose Jünger des freien Marktes. Sie beschwören jene Bestie, in die sich das im Vorkapitel erwähnte Kerlchen nach seiner Entfesselung verwandelte.

Was die stolzen Entfesseler wachriefen und losließen, ist das, was gemeinhin als gestörte Persönlichkeit bezeichnet wird. Denn: Der Markt befindet sich praktisch nie im Lot. Unablässig jagt er seinem Gleichgewicht hinterher. Und erreichte er es, reißt er augenblicklich nach oben oder unten aus. Gierig oder feige, verzweifelt bemüht, eine Balance zu finden, die er unmöglich bewahren kann. Dass der gegenwärtige Markt durchgeknallt ist, dass er sich von jeder Vernunft und jeder Anständigkeit verabschiedete, zeigt sich besonders deutlich, wenn er im Gewand des Finanzmarktes unterwegs ist.

Der Markt war wesenhaft stets ein wenig unstet. Aber nützlich. Nun mutierte er zu einem selbstsüchtigen, über Leichen gehenden Monstrum. Doch Liberale und Neoliberale feiern diesen wesenhaft ewig gestörten, die Erde hemmungslos ausplündernden und vergiftenden Gesellen unverdrossen als Heilsbringer. Sie beten einen Amok gelaufenen Menschenfresser an. Einen Dummkopf, der sich nicht fortentwickeln kann. Auf und nieder, immer wieder. Bloßes Zusehen führt zu Augenflimmern und Halswirbelverrenkungen.

Die einzige Möglichkeit, dieses in höchste Höhen hausgemachten Irrsinns aufgestiegene Ungeheuer zu bändigen, liegt darin, ihm Ketten anzulegen. Aber das geht nicht. Der Konsumterrorist stirbt ohne den unbeschränkten, sich frei austobenden Markt. Und stirbt der Konsumprophet, ist die Welt, wie wir sie kennen, Geschichte.

Nun werden sich die leidenschaftlichen Unruhestifter unter Ihnen sagen, es wäre doch nett, dem Markt und seinem Bundesgenossen, dem Konsumgott, eines auf die Hörner geben, um ein bisschen Chaos zu stiften. – Nur, liebe Leute, das wäre überflüssig, ja kindisch: Das traute Gespann sorgt unübertrefflich zuverlässig für das denkbar größte Chaos. Mehr noch: Es reißt die Welt, wie wir sie kennen, todsicher in den Abgrund. Wahrscheinlich, werter Leser, vermutlich, geschätzte Leserin, überschrieb ich ein frühes Kapitel deshalb in mir nun erst bewusst werdender Hellsichtigkeit mit Wege in den Abgrund.

Ich hätte übrigens riss sagen müssen: Wir stürzen bereits seit längerem. Im freien Fall. Nichts mehr zu machen. Der naturgesetzlich beschleunigte Absturz setzt sich unaufhaltsam bis zum unausweichlichen Ende fort. Das ist aber halb so wild. Jedenfalls für jene, die diesen Wahnsinn ausheckten und als Heilslehre verkündeten. Die segneten das Zeitliche nämlich schon vor einer Weile. Heutigen Markt- und Konsumanbetern wiederum wird der Aufschlag auf dem Grund der gähnenden Schlucht schwerlich wehtun. Schließlich sitzt das menschliche Schmerzzentrum im Gehirn.