Einzelhandel

Betriebsformenmix

Einführung

Die Attraktivität von Handelslagen bestimmt sich nach ihrem Branchenbesatz. Neben Breite und Tiefe des Angebots spielt der Betriebsformenmix eine entscheidende Rolle. Beide Faktoren stellen Schlüsselgrößen hinsichtlich der Wettbewerbsstellung gewachsener wie am Reißbrett entwickelter Zentren dar.

Betriebsform: Begriffsbestimmung

Betriebsformen sind materielle Ausdrucksformen vertrieblicher Konzepte, deren Umsetzung an Mindestbetriebsgrößen und besondere Standorterfordernisse gebunden ist. Beispielsweise lassen verschiedene Betriebsformen unterschiedlich stark entwickelte Agglomerationsbedürfnisse erkennen. Mit anderen Worten: Sie sind mehr oder weniger auf die Nachbarschaft anderer Betriebe angewiesen.

Die englische Entsprechung des deutschen Wortes Betriebsform ist retail format. Rückübersetzt bedeutet das Einzelhandelsformat. Unschwer ersichtlich hebt der Begriff auf Geschäftsgrößen, voran verfügbare Verkaufsflächen ab.

Betriebsformen werden häufig fälschlich mit Betriebstypen gleichgesetzt. Letztere stellen Spielarten beziehungsweise branchengebundene Ausprägungen jeweiliger Betriebsformen dar. So sind Bekleidungs- oder Sportartikelgeschäfte Betriebstypen, die ihr Waren über die Betriebsformen Kaufhaus, Fachmarkt oder Fachgeschäft vertreiben können.

Betriebliche Autonomiegrade

Innerhalb des Betriebsformenspektrums sind gleichsam selbstgenügsame Einheiten sowie Verbundformen einzelner Geschäfte zu unterscheiden. Hier kommt das Größenmoment ins Spiel: Unter ansonsten gleichen Rahmenbedingungen erhöht sich die einzelbetriebliche Zugkraft mit zunehmender Angebotsfläche. Diesbezüglich bestehen Sprungschwellen: Zwischen Geschäften mit 200 qm und 250 qm Verkaufsfläche besteht zumeist kein nennenswerter Attraktivitätsunterschied, zwischen Einheiten mit 100 qm und 800 qm ein gewaltiger. Oder: Ob ein Supermarkt 600 qm oder 700 qm Verkaufsfläche besitzt, beeinflusst seine Magnetwirkung kaum, während sich Differenzen von 400 qm in erheblich voneinander abweichende Anziehungskräfte übersetzen.

Historische Rückschau

Hinter heutigen Betriebsformen liegt eine lange, zumeist evolutionäre, teils revolutionäre Entwicklung. Die meisten besaßen Vorläufer, die früh, fallweise vor der klassischen Antike aufkamen. Selbst die heutige Mall, das geschlossene Einkaufszentrum, ist keine neuzeitliche Erfindung. – Einkaufszentren gab es schon im alten Rom.

Die älteste Betriebsform stellt der Verkaufs- beziehungsweise Marktstand dar. Räumlich verschränkt mit seinesgleichen, repräsentiert er zugleich die älteste Verbundform des Einzelhandels: den Markt, den Basar. Märkte und Basare prägt ein Neben- und Miteinander etwa gleichgroßer Einheiten sowie – ab einer gewissen Ausdehnung – eine Abfolge angebotsspezialisierter Bereiche (Gewürze, Obst / Gemüse, Hausrat, Heimtextilien, Schmuck usw.). Dieser althergebrachte Geschäftsverbund beruht wesentlich auf einer Mischung verschiedener Betriebstypen; eine Betriebsformenhierarchie ist ihm fremd.

Die Neigung von Händlern, sich räumlich zu vergesellschaften, sich zu einem größeren Ganzen zu verbinden, durchzieht die Handelsgeschichte wie ein roter Faden. Sie ist systembedingt.

Augenscheinlich kennzeichnen den modernen Einzelhandel teils gegenläufige Tendenzen, insofern zahlreiche Betriebsformen Standorte abseits innerstädtischer Zentren besetzen. Viele zieht es ins städtebauliche Niemandsland, auf die Grüne Wiese. Mehrheitlich beweisen aber auch diese Vertreter der Zunft einen Hang, Standortgemeinschaft zu bilden. In verdichteten Wettbewerbsumfeldern entpuppt sich dieser dem Handel innewohnende Trieb für die meisten Beteiligten als Gebot der Vernunft.

Betriebsformenhierarchien

Die Handelslandschaft kennzeichnen einerseits lage-, anderseits betriebsformenbezogene Rangfolgen. Diese ergeben sich aus Faktorenbündeln, die unterschiedliche Absatzreichweiten, Kundenfrequenzen und Besuchshäufigkeiten bedingen.

Auf der Lageebene bestehen Zentrenhierarchien, die bei ausgewachsenen Großstädten Hauptzentrum / Innenstadt, Stadtteil- und Nahbereichszentren, Einkaufs- und Fachmarktzentren sowie gewucherte Fachmarktagglomerationen umfassen. Hinzu treten flächenmächtige Solitärbetriebe, beispielsweise Einrichtungshäuser.

Jeweilige Zentrentypen unterscheiden sich voneinander in Bezug auf ihren Angebotsfächer (Reichhaltigkeit, Bedarfsfristigkeit), die Gesamtverkaufsfläche, die Betriebsgrößenzusammensetzung und einige Faktoren mehr. Diesbezüglich ist ein Sachverhalt zu berücksichtigen: Die Einstufung jeweiliger Zentren erfolgt regelhaft auf Stadtebene, also im Rahmen örtlicher Funktionsbezüge. Sie ist relativ ausgelegt. Eine absolute, etwa bei Ratingansätzen sinnvolle Betrachtung gründet auf Zentrenäquivalenten. So entsprechen die Hauptzentren vieler kleinerer Großstädte stark entwickelten Stadtteilzentren von Metropolen.

Hierzulande kennzeichnet großstädtische Haupteinkaufslagen ein Nebeneinander verschiedener Betriebsformen. Prägend ist ein Fächer von Warenhäusern, Kaufhäusern und Fachgeschäften. Zusehends verbreiten sich darüber hinaus – insbesondere in Obergeschossen großer Objekte – Fachmärkte. In hochrangigen Stadteilzentren bietet sich ein vergleichbares, zumeist um Grundversorger angereichertes Bild. Mit absteigendem Zentrenrang nimmt der Anteil grundversorgungsorientierter Anbieter gewöhnlich zu, die Betriebsformen- und Betriebstypenanzahl wie auch die Höhenentwicklung von Handelsbetrieben hingegen ab. Eine Sonderrolle fällt am Reißbrett entwickelten Einkaufszentren zu. Vertreter der jüngeren Generation spiegeln den Versuch wider, traditionelle Einzelhandelslagen funktionsoptimiert nachzubilden. Ein Wettbewerbsvorteil dieser Kunstgebilde liegt in ihrer vertraglich geregelten Organisation. Ihr Hauptvorteil liegt darin, (oftmals) einen idealen Betriebsformenmix schaffen und sich wandelnden Verhältnissen anpassen zu können. Als Dreh- und Angelpunkt erweisen sich dahin gehend Art und Größe tonangebender Magnetbetriebe, die auch als Anker, Frequenzbringer oder Leitbetriebe bezeichnet werden. Anhand kundenpsychologischer Erkenntnisse geplant, treten uns Shopping-Center vielfach als schablonenhaft vervielfältigte Verkaufsstätten entgegen.

Grundsätzlich stellt jeder Einzelhandelsbetrieb einen Magnet dar. Allerdings unterscheiden sich jeweilige Anziehungskräfte himmelweit. So stellt ein kleines Fachgeschäft einen Mikromagneten dar, ein SB-Warenhaus daran gemessen ein Schwarzes Loch.

Betriebsformen lassen sich einer von drei Magnetklassen zuordnen. Vorausgeschickt sei, dass es sich um eine absolute Einstufung handelt. Nachfolgend als Magnetbetriebe 2. Ordnung ausgewiesene Einheiten können sowohl in mittelstädtischen Kernlagen als auch Themenzentren als erstrangige Frequenzbringer fungieren.

Magnete 1. Ordnung. Bei Primärmagneten handelt es sich um Großflächen, deren Sortiment Schnittstellen und Berührungsflächen zu sämtlichen oder zumindest zahlreichen benachbarten Geschäftseinheiten bietet. Diese Betriebe sprechen den weitesten Kundenkreis aller in einer Geschäftsansammlung beziehungsweise einem Zentrum ansässigen Geschäfte an. Als prototypische Leitbetriebe sind Warenhäuser (in US-Malls Standard) und SB-Warenhäuser aufzufassen.

Magnete 2. Ordnung. Diese sekundärer Zugpferde zählen ebenfalls zum Großflächensegment. Sie sind fähig, eigenständig ein vergleichsweise hohes Besucheraufkommen zu erzeugen. Gegenüber erstrangigen Magnetbetrieben ist das von ihnen ansprechbare Kundenspektrum enger gefasst oder die erzielbare effektive Absatzreichweite geringer. Als klassische Sekundärmagnete sind großer Fachmärkte und Kaufhäuser gehobener Größenklasse einzustufen.

Verbundmagnete: Hierzu zählen Fachgeschäfte, Ladenhandwerk und kleinflächige Fachmärkte. Nennenswerte Frequenzen erzeugen diese Einheiten lediglich in räumlich konzentrierter Form und dies nur bedingt.

In Bezug auf den Wettbewerb verschiedener Betriebsformen untereinander erinnert die skizzierte Hierarchie an eine schiefe Ebene, zugleich erscheint das Fachgeschäft als abhängige Größe. Die meisten Betreiber erkennen durchaus, dass ihr Geschäft beziehungsweise ihre Filiale einzig im Schatten großer, Kundenströme erzeugender Betriebsformen überlebensfähig ist. Das Ausmaß bestehender Abhängigkeiten tritt spätestens dann zutage, schließt ein als Frequenzbringer eines Stadtteilzentrums dienendes Warenhaus seine Pforten. Die Auswirkungen sind zumeist als verheerend zu bezeichnen. Umso mehr erschreckt, wie leichtfertig sich viele Stadträte zeigen, wenn es um die Genehmigung von Einkaufszentren geht, die selbst starke Stadtteilzentren, ja ganze Innenstädte in eine unumkehrbare Abwärtsspirale treiben können. Dass ich keine Schwarzmalerei betreibe, verdeutlichen das CentrO (Oberhausen) oder der vor Dresdens Toren aus dem Boden gestampfte Elbepark in Kaditz. Weniger augenfällig, aber ebenfalls existenzvernichtend wirken sich reihenweise genehmigte Lebensmitteldiscounter aus, die in Summe Unmengen (auch) von Fachgeschäften geführter Waren vertreiben. Hinzu gesellt sich ein zunehmender Druck aus dem Bereich des Online-Handels, der sich jeder städtebaulichen Planung entzieht.

Angeführte Beispiele führen zurück zu Hierarchien. Lagebezogene Rangfolgen spiegeln die Behauptungsfähigkeit ihrer tragenden Säulen, also der jeweils zugkräftigsten Betriebsform(en) wider. Das als ursprüngliche Betriebsform zu betrachtende Fachgeschäft mag ein Stück weit als Trittbrettfahrer erscheinen. Das ist es keineswegs. Es bietet Kunden nach wie vor eine Art von Nutzwert, den großflächige Betriebsformen schwerlich auf vergleichbarem Niveau abbilden können. – Blumigem Gerede von Erlebniskauf und Erlebniswelten zuwider, das Marketingabteilungen von Fachmarktketten und / oder Flächengiganten von sich geben. Es ist nach wie vor der Fachhandel, der Flair erzeugt, Individualität vermittelt und Kommerz mit menschlicher Begegnung verbindet. Ohne Fachhändler stünden künstliche Einkaufszentren als nackte Verkaufsmaschinen und Städte erheblich farbloser da. Dennoch: Das Fachgeschäft verlor an Boden. Nicht in gleichem Maße wie der Tante-Emma-Laden (der als Treffpunkt wichtige soziale Funktionen erfüllt), doch kämpfen auch jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsansammlungen vermehrt mit Tragfähigkeitsproblemen. Früher entsprang die Stärke des Fachgeschäfts einer Vergesellschaftung mit seinesgleichen, in gegenwärtigen, westlichen Strickmustern folgenden Handelslandschaften beruht seine Ertragskraft in aller Regel auf Standortgemeinschaften mit großformatigen Betriebsformen. Nun wäre es verfehlt, das Fachgeschäft als einseitig abhängige Größe zu verstehen. Diese Betriebe tragen entscheidend zur Vitalität gewachsener Lagen bei. Auch die wettbewerbliche Robustheit planmäßig entwickelter Einkaufszentren hängt vom Einbezug geschäftstüchtiger Fachhändler ab.

Fazit

Skizziere Fakten und Bezüge münden in eine Quintessenz: Die Anziehungskraft und damit die Ertragssicherheit von Handelsstandorten und Handelsimmobilien beruht auf weit überwiegend auf einer ausgewogenen Mischung verschiedener Betriebsformen. Ausnahmen stellen Kultbetriebe oder mit schierer Größe wuchernde Einrichtungshäuser und Baumärkte dar, die sich weitgehend von solchen Bezügen entkoppeln. Den idealen Betriebsformenmix als solchen gibt es nicht. Welche Mischung wo trägt, hängt vom jeweiligen Wettbewerbsrahmen ab.