Bauwerke

Hochhausdefinition

1 Intro

Das Internet birgt allerlei Informationen rund um Hochhäuser. Griffige bzw. überzeugende Begründungen, was ein Haus zum Hochhaus macht, fand ich nirgends. Die online-Version der Encarta verkündete anno 2009, laut einer technischen Definition müsse ein Bauwerk 12 Stockwerke besitzen oder sich 30 m erheben, um als Hochhaus zu gelten. Sehr erhellend. – Weshalb keine 15 m, 20 m oder 40 m? Gemäß deutscher Musterbauverordnung beginnt die Hochhausklasse, wenn die Vertikaldistanz zwischen Geländehöhe bzw. Parterre und letztem Aufenthaltsgeschoss 22 m überschreitet. Die Festlegung geht auf Berlins baupolizeiliche Vorschriften von 1925 zurück; sie entspringt der Reichweite mobiler Feuerleitern. Nur: Je nach Land bewegen sich amtliche Hochhausgrenzen zwischen 13 m und 50 m. – Wohl nur ausnahmsweise unter Bezug auf Feuerleiterlängen. Glücklicherweise lässt sich das Thema erhellen, ohne Amtsblätter zu wälzen.

2 Hochhaus versus Turm

Türme, Pyramiden, Turmpyramiden – wie in Tikal, Guatemala – stellten Höhenrekorde auf. Sie überragten alle anderen Bauwerke, doch traten sie ihre Höhenführerschaft an Hochhäuser ab. Und diese schießen immer höher auf. Hier fragte sich, weshalb Türme und Pyramiden nicht als Hochhäuser durchgingen. Eine Erklärung bergen mit "Haus" verknüpfte Verben: hausen und behausen. Der Hauptzweck von Häusern lag nie in Beobachtungs-, Frühwarn-, Orientierungs- oder Sendezwecken. All das sind typische Turmfunktionen. Wehr-, Leucht-, Fernsehtürme oder Wetterwarten veranschaulichen dies.

Ansatzweise lässt sich das Hochhaus in Erweiterung dieser Feststellung als

beschreiben. Es kennzeichnen während üblicher menschlicher Aktivitätsperioden vergleichsweise dichte ein- und auswärts gerichtete Bewegungsströme.

Genutzte Gebäude stellen grundsätzlich Schnittstellen menschlicher Bewegung dar. Dies gilt in umso ausgeprägterem Maß, je mehr Menschen in ihnen wohnen oder arbeiten. Demnach sind Hochhäuser als überdurchschnittlich entwickelte Aktivitätsinseln zu begreifen. Der Rückbezug besagt, dass bei gleicher Grundfläche mehr Nutzfläche gestapelt wird als bei "normalen" Häusern. – Und Türmen. Bei diesen werden enorme Baumassen und / oder Steigwege geschaffen, um eine bzw. wenige "Zweckzellen" für wenige Nutzer erreichbar zu machen.

3 Bewegungsaspekte

Kehren wir zurück zum Unterschied zwischen Hochhäusern und "Normalgebäuden". Eine Frage drängt sich auf: Wo enden "normale" Haushöhen?

Nun, da Häuser menschlicher Nutzung dienen, genießt unser Bewegungsverhalten Vorrang gegenüber technischen Definitionsansätzen. Wird diese Einschätzung geteilt, sticht folgende Definition:

Halten wir nachdenkend inne. – Wo liegt unsere Akzeptanzschwelle, wenn es mehrmals täglich hinauf und hinab geht?

Die Antwort führt zurück zu einer oben erwähnten, freilich feuerwehrtechnisch begründeten Abgrenzung: Sie liegt im Bereich der deutschen Hochhausdefinition. Im fünften, allenfalls sechsten Geschoss erreichen Höhenwiderstände hingenommene Obergrenzen. Alle aufgesattelten Stockwerke verstoßen gegen die menschliche Bewegungsökonomie. Zu bedenken ist diesbezüglich, dass Hausbewohner auch Versorgungsgüter zu befördern haben.

4 Erschließungsaspekte

Bewegungswiderstände sind – bei gleicher zu überbrückender Entfernung – senktrecht stärker entwickelt als waagrecht. Hochhäuser ersetzen horizontale Widerstände durch vertikale. Das bedeutet, um hinsichtlich der Distanzüberwindung zeitlich gleichzuziehen, verlangt ihre Erschließung nach technischem Aufwand. Konkret: Sie können einzig durch Aufzugsysteme "gangbar" bzw. über ihre volle Höhe hinweg nutzbar gemacht werden.

Heutige Hochhäuser sind stark technikabhängig, sozusagen ein Ausdruck gesteigerter Naturferne. Mehr noch: Sie brechen menschliche Bewegungsmuster, unterwerfen uns der Technik. Eine sinnvolle Teildefinition kann lauten:

Hier bietet sich ein definitorisches Zusatzmoment an:

Auch hinsichtlich der Außenerschließung bzw. Erreichbarkeit erfordern Hochäuser besonderen Aufwand. Dies vor allem bei einer räumlichen Ballung. Zuführende Verkehrswege, Ver- und Entsorgungssysteme (Wasser, Strom usw.) sind überdurchschnittlich leistungsfähig auszulegen. Bei Hochhausgiganten des 20. und 21. Jahrhunderts ist eine beträchtliche Anzahl zugeordneter Stellplätze oder der Zugang zu leistungsfähigen schienengebundenen Verkehrsträgern unerlässlich. – Manhattans Hochhauslandschaft wäre ohne U-Bahnsystem nicht lebensfähig.

5 Wahrnehmungsaspekte

Wahrnehmungswirkungen äußerten sich u. a. in der in Deutschland einst gängigen Bezeichnung "herausragender" Bauten als Turmhäuser. Fühlbar schwingt ein empfundener Schlankheitsgrad mit. Dieser äußert sich zumeist in einem großen Verhältnis von Höhenerstreckung zu Basisdurchmesser. Moderne Wolkenkratzer erreichen Werte um 8, die Kuala Lumpurs Luftraum beherrschenden Petronas Towers dank Outrigger und Megastützen einen Wert von 8,6. Hochhäuser alleine über Schlankheitsgrade definieren zu wollen, erscheint gleichwohl unangemessen.

6 Bautechnische Gesichtspunkte

Ab gewissen Höhen unterliegen Gebäude steigenden horizontalen und vertikalen Lasten. Durch Eigengewicht und Verkehrslasten mögliche Bodenverformungen gefährden ihre Stabilität, Erdbeben, die Horizontalbeschleunigung, vor allem Winde. Die fallbezogene Gefährdungsgrenze hängt also von der Art des Untergrundes, auftretenden Bebenstärken und örtlichen Windverhältnissen ab. So toben in Südostasien Stürme in London, Moskau, Montevideo oder Toronto unbekannter Geschwindigkeit. Oder, entlang des zirkumpazifischen Feuergürtels schwankt und rüttelt die Erde oft heftig. Rein technische begründet eine allgemeingültige Hochhausgrenze zu bestimmen, ist somit schwerlich möglich.

Ein Ansatz mag darin liegen, die Hochhauskategorie "technisch" dort beginnen zu lassen, wo tragendes Mauerwerk an Grenzen stößt bzw. unwirtschaftlich wird. Das meines Wissens  höchste je errichtete Gebäude dieser Art war das 1889 in Chicago vollendete, siebzehnstöckige (in den USA zählt das Parterre als erstes Geschoss) Monadnock Building. Es besitzt nahezu zweieinhalb Meter dicke Grundmauern. Auch wenn heutige Baustoffe dünnere Sockel zulassen, sind 60 m hohe gemauerte Gebäude unwirtschaftlich. Die Grenzwertigkeitsschwelle dürfte einschließlich Keller um 25 m zu sehen sein.

7 Definition

Eine epochenübergreifend stichhaltige Hochhausdefinition lässt sich m. E. über eine Und-oder-Koppelung zweier Aspekte formulieren:

Hochhäuser sind

Punkt 2 spricht nicht als annehmbar betrachtete bzw. in Kauf genommene Höhendistanzen an. Vielmehr geht es um Bewegungswiderstände, die Menschen mäßiger Kondition (Kinder und Senioren inbegriffen) erschöpfen. Diese Grenze dürften einschließlich Parterre bei acht Geschossen bzw. rund 25 m Gebäudehöhe angesiedelt sein. Gegebenenfalls liegt der Boden des obersten Stockwerks etwa 22 m hoch. – Berlins Baupolizei von 1925 lässt grüßen ;-)