Bauberufe

Der Architekt

Das Wort »Architekt« geht auf altgriechische Wurzeln zurück. Es verbindet die Begriffe »arché« (Anfang, Grundlage, Ursprung) und »techné« (Handwerk). »Architéktos« bedeutete soviel wie »erster« beziehungsweise »oberster Handwerker«, »Baukünstler« oder »Baumeister«.

Der Architektenberuf war nie scharf abgrenzbar. Ehemals verantworteten mit einem Vorhaben beauftragte Baumeister sowohl dessen statische Planung und den Gestaltungsentwurf als auch Baustellenorganisation und Bausteuerung. Sie waren Generalisten, die technisch-konstruktive Tätigkeiten sowie die Entwicklung und / oder Umsetzung ästhetischer Konzepte, Formensprachen und Symboliken miteinander verbanden. Zahlreiche antike und mittelalterliche Architekten arbeiteten weniger auf Grundlage von Berechnungen, sondern griffen vorwiegend auf Erfahrungswerte zurück. – Sofern es anwendbare Vorbilder und Blaupausen gab: Viele Baumeister standen vor erstmals zu bewältigenden Herausforderungen; die Liste atemraubender Pionierleistungen ist lang. Beispielhaft sei auf den Bau der Hagia Sofia in Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei) oder die genialen Wasserablaufsysteme Angkor Wats (Kambodscha) verwiesen.

Zum universitär unterfütterten Berufszweig entwickelte sich die Architektur mit der Industriellen Revolution. Diese ging einher mit beschleunigten Bevölkerungszuwächsen infolge landwirtschaftlicher Umwälzungen und einer temporeichen Verstädterung. Dieser Zusammenhang entsprang zuvorderst einander überrollenden bautechnischen Fortschritten und sozialen Umwälzungen, die sich mit in einer Vermassung der Gesellschaft und – eine stille Implikation – dem Aufkommen massenhaft zu vervielfältigender konzeptioneller Ansätze verband. Laufende Entwicklungen unterstützten eine Trennung von baulicher Planung und Ausführung. Zugleich verlangten vermehrt erforderliche und anspruchsvoller werdende Infrastrukturprojekte nach technischem Spezialwissen. Darin lag die wohl stärkste Triebfeder für eine fortschreitende Trennung der gegenwärtigen Fachbereiche Architektur und Bauingenieurwesen. Der »klassische« Architekt kam in zunehmend technisierten Umfeldern ein Stück weit unter die Räder, da ihm Bauingenieure angestammte Gebiete streitig machten. Letzterer mussten in einem vom Diktat der Wirtschaftlichkeit geprägten System zwangsläufig Vorsprünge gewinnen: Sie lösten alltägliche Probleme, während Architekten eher Selbstdarstellungsbedürfnisse jeweiliger Auftraggeber befriedigten.

Die ursprüngliche Unschärfe hinsichtlich der beruflichen Abgrenzung blieb erhalten. Im Gegensatz zu Bauingenieuren stehen Architekten in baukünstlerischen Traditionen. Dies spiegelt sich in einem nach wie vor verbreiteten Selbstverständnis, aber auch stilistischen Moden. Das »künstlerische« Selbstbildnis vieler Architekten hält einem Abgleich mit der beruflichen Wirklichkeit freilich nur bedingt stand. Mit der Selbstverwirklichung ist es selten weit her. Auch Branchengrößen sehen sich hinsichtlich ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zumeist stark eingeschränkt. Ein gleichsam zur Wespentaille geschnürtes wirtschaftliches Korsett verengt ästhetische Spielräume gewöhnlich auf ein Mindestmaß. Diesbezüglich hohe Freiheitsgrade besitzen – logischerweise – die wenigen Handvoll internationaler Stararchitekten.

Im beruflichen Alltag befassen sich Architekten mit einem Strauß unterschiedlicher Fragestellungen. Diese reichen von gestalterisch orientierten Planungen über technische und funktionale Thematiken bis zu ökonomischen Fragen. Anders als Bauingenieure beschränken sich Architektentätigkeiten weitestgehend auf den Hochbau. Die meisten Felder beackern sie keineswegs allein. Und, um Illusionen vorzubeugen, größere Vorhaben gehen üblicherweise an hochgradig arbeitsteilig organisierte Architekturbüros, oftmals sind mehrere beteiligt. Beispiele für »Fließbandbüros« bieten marktführende, Einkaufszentren planende Unternehmen. Eines der europaweit größten beschäftigte Heerscharen ausgebildeter Architekten. Angesichts schablonenhaft multiplizierter Konsumtempel verwundert das zunächst. Andererseits veranschaulicht das Exempel, dass Architekten vielfältig einsetzbar und für bescheidene Gehälter zu haben sind. Wer mit einem Architekturstudium liebäugelt, sollte keine gedanklichen Wolkenkuckucksheime bauen: Weder handelt es sich um ein mangelgeprägtes Berufsfeld noch stehen künstlerische Momente im Vordergrund. Die Spielwiese fachbezogener Möglichkeiten ist jedoch weit. In Stichworte gefasst ergibt sich folgender Leistungsfächer.

Bauplanungsphase

Bauphase

Aufgaben über den Bauprozess hinweg

Gebäudebetriebsphase

Abseits umrissener Tätigkeiten arbeiten Architekten insbesondere im öffentlichen Planungs- und Genehmigungswesen (Bauämter) sowie in der Lehre (Universitäten, Fachhochschulen).

Im von brutalkapitalistischer Renditegier und technischen Systemen geprägten Alltag verliert sich das schöngeistige Element zusehends in kunst- und kulturgeschichtlichen Gefilden. Die Zunft schädigt sich zudem selbst. Gar zu viele ihrer Mitglieder neigen dazu, ihre Vorstellungen über natürliche Bewegungsmuster und raumfunktionale Erfordernisse zu stellen. Unausgegorene Planungen finden sich quer über alle Immobiliensegmente hinweg zuhauf. Sie äußern sich unter anderem in »unmöglichen« Grundrissen und Stockwerksverknüpfungen. Hier fressen nutzlose Flure wertvolle Flächen, dort weisen Räume bessere Abstellkammerformate oder nur mit Verrenkungen auszufüllende Zuschnitte auf. Auch an sich ausgezeichnete Architekten liefern bisweilen Stümpereien ab. Dies vor allem dann, wenn sie Neuland betreten: Ein gehobenes Hotel hat wenig mit einem Verwaltungsgebäude gemein; seine funktionale Vielschichtigkeit stempelt Büroplanungen zur läppischen Fingerübung. Rund um den Globus ärgern sich tagtäglich unzählige Erdenbürger über in Materie übertragene Geist- und Ahnungslosigkeiten. Vielfach mangelt es an einem grundlegenden Verständnis uralter Gesetze menschlicher Organisation im Raum. So scheinen einst bei jedem Bauernhof berücksichtigte Expositionsaspekte, sprich die Ausrichtung an Sonne und Wind, weithin unbekannt zu sein. Oft höhnt die Baustoffwahl (mikro)klimatischen Gegebenheiten. Zahlreichen Architekten gehen handwerkliche Grundkenntnisse ihrer Vorväter ab. Auf die Rolle als Künstler wird gepocht, das Urheberrecht an eigentümerseitig bezahlten Planungen munter eingeklagt. Anscheinend sehen manche Zunftvertreter ihr entworfenes Gemeindehaus gleichauf mit Michelangelo Buanarottis Kuppelkonstruktion im Petersdom. Aber gut, auch diesem Altmeister sagte man Eitelkeiten nach.

Ein Problem teilen die meisten angehenden Architekten mit unbeachteten Künstlern Schrägstrich Zeitgenossen, die sich als solche verstehen: Aufträge zu ergattern. Bezahlte Aufträge wohlgemerkt. Die Ausbeutung beginnt an Universitäten oder Fachhochschulen: Privatwirtschaftlich verdrahtete Professoren spannen Studenten vor ihren Karren. Ebenso halten es Anbieter von Praktikumsstellen. Aber, Herr Student und Frau Studentin beißen sich unverdrossen durch. Als Selbstständige schaffen sie es in die Endauswahl eines städtebaulichen Wettbewerbs. Und dann bestätigt sich, was sie erahnten: Das politisch besetzte Entscheidungsgremium setzt sich über jeden Sachverstand hinweg. Es gewinnt nicht der beste Entwurf, sondern einer, der mehrheitlich Sachunkundigen am besten gefällt oder hintenherum von Interessengruppen durchgedrückt wird. Vielfach setzt man auf große Namen, statt sich ernsthaft mit Entwürfen von Neulingen oder kleinen Büros zu befassen. Bleibt die freie Wirtschaft. Dort sieht es doch gewiss anders aus, dort regiert kristallklarer Sachverstand. – Weit gefehlt: So besitzt einer der größten europäischen Baukonzerne offenkundig keine Fachleute, die zwischen guten, schlechten, hervorragenden und grottenschlechten Nutzungs- und Gestaltungskonzepten unterscheiden könnten.

Eine Frage bewegt die meisten angehenden Architekten: Was wurde eigentlich noch nicht gebaut? Es geht nicht um noch höhere Wolkenkratzer oder noch groteskere Protzpaläste, sondern um wirklich Neues. Die Antwort ernüchtert: Außer Unterwasserstädten, die zuvorderst ein ingenieurbauliches Thema darstellen, ist nichts Neues in Sicht. Selbst bionische Bauwerke sind ein alter Hut. Umgekehrt verschwand keine jemals entwickelte Immobilienart von der Bildfläche. Jede erfüllte eine besondere Funktion. Und das in verschiedensten, jeweiligen Umfeldern angepassten Spielarten. Der Mensch verbindet unterschiedliche Formen seit Jahrtausenden. Auch von daher sind keine funktional stimmigen Neuerungen möglich. All das klingt wie ein Abgesang auf den »alten« Architekten. – Wird er überflüssig? Überlebte er sich als gestaltungsfähige, unsere Umwelt mitprägende Größe? Sie schmunzeln berechtigt: Architekten wird es geben, so lange die Menschheit an ihren alten Städten baut und neue errichtet.