3.2 24-Stunden-Städte
Nicht jede Großstadtmitte mutet großstädtisch an. Mehrheitlich bestehen 9-5-CBDs, nach Feierabend verödende Geschäftsviertel. Lediglich sogenannte 24-Stunden-Städte verströmen ein europäischen Verstellungen von Urbanität entsprechendes Flair; nur sie wirken wahrhaft städtisch. Diese Stadtkategorie kennzeichnen ansprechende innerstädtische Wohngebiete bzw. sozial gehobene Nachbarschaften, belebte Einkaufsviertel, vollumfängliche Kultur-, Freizeit-, Sport- und Unterhaltungsangebote, leistungsfähige, schienengebundene ÖPNV-Netze sowie vergleichsweise sichere bzw. unterdurchschnittlich von Kriminalität betroffene zentrale Lagen. Stellvertretend für diesen kleinen Kreis seien die "Europäer" unter den US-Metropolen bzw. europäisch angehauchte US-Städte angeführt: Boston, New York, Philadelphia.
4 Vorstädte / Suburbs
Frühzeitig setzte eine großmaßstäbige Suburbanisierung ein, die stete Ausdehnung von Siedlungskörpern über jeweilige Stadtgrenzen hinaus. Ein überwiegender Teil der Mittelschichten steht dem Phänomen "Stadt" zumindest kritisch gegenüber. Mehr noch: Verbreitet herrscht eine antiurbane Haltung vor. So hält der Zug in die "Vorstadt", die Abkehr von der Stadt bis heute vielerorten an. Diese eine große Konstante der Siedlungsentwicklung wurzelt zum Gutteil in der kultur- bzw. geistesgeschichtlichen Prägung des US-Amerikaners (vertiefend siehe "USA- Triebfedern der Siedlungsentwicklung").
4.1 Hintergründe der Suburbanisierung
Die US-typische Wahrnehmung von Land(nutzung) beruhte und beruht auf der "prairie philosophy", das heißt auf "the perception that the land needs to be tamed and is available in unlimited supply for development: a notion of boundless space." (siehe Moe, R.: Growing Wiser, Finding Alternatives to Sprawl; in: Design Quarterly, No 164, 1995, S. 4).
Als zweite Triebfeder wirkte die ständige Westbewegung der "neu-amerikanischen" Bevölkerung, die gewaltsame Durchdringung und rücksichtlose Aneignung des Kontinents. Der "frontier spirit", der fortwährenden Begegnung mit der Wildnis erwachsen, zählt zu den kulturpsychologisch prägenden Elementen der USA. Mehrheitlich bevorzugen US-Bürger ein naturnahes Wohnumfeld, das Haus im Grünen, gegenüber Stadtquartieren.
Ein drittes in Richtung Zersiedelung wirkendes Moment - es spielt mit vorgenanntem Punkt zusammen - lag und liegt im Ideal des Einfamilienhauses. Seit 1830 wurde es zur Grundlage eines moralisch-christlichen Lebens stilisiert; es förderte das Aufkommen einer von Geschichtswissenschaftlern als "cult of domesticity" (Häuslichkeitskult) bezeichneten Lebensweise (vgl. Hoffman, A., von, Felkner, J.: Joint Center for Housing Studies. The Historical Origins and Causes of Urban Decentralization in the United States. Harvard University, January 2002).
Als vierter Faktor ist die bis heute ungebrochene Neigung der US-Amerikaner auszumachen, sie betreffende Angelegenheiten selbsttätig zu regeln. Da Kleingemeinden diesbezüglich mehr Einflussmöglichkeiten bieten als Städte mit großen, obendrein als bestechlich verrufenen Verwaltungen, übersetzt sich diese Haltung in eine Vorliebe für überschaubare Nachbarschaften, die Vorstädte.
Massiv unterstützte die Suburbanisierung eine Zuwandererflut. Die Migranten unterschieden sich ethnisch wie sozial - zwei in den Vereinigten Staaten seit jeher gekoppelte Momente - erheblich voneinander. Integrationsprobleme traten zu Tage. Soziologen verschlagworten die Entwicklung unter den Begriffen "Invasion" und "Sukzession". Vereinfacht dargestellt: Ein Zuzug mittelloser Menschen (Invasion) bewegt eingesessene Mittelschichten samt Oberklasse (der Schichtbegriff schönt diesbezüglich) zur Umsiedlung in das Umland. Die Zuwanderung von Schwarzen oder Asiaten veranlasst Weiße zur Abwanderung. Ethisch geprägte Quartiere ziehen Menschen jeweils entsprechender Herkunft an (Sukzession). Jeweils angesteuerte Viertel dehnen sich aus und lösen an ihrer Stoß- bzw. Wachstumsfront wiederum eine Abwanderung ansässiger Einwohner in Richtung Umland aus. Kurzum: Es finden ethnisch-soziale Entmischungen statt.
Die Suburbanisierung erhielt auch von einer anderen Seite wirkungsmächtige Impulse. Während der von 1928 bis 1933 anhaltenden wirtschaftlichen Depression sank die Fertigstellung von Eigenheimen um 95 %. Nur: Mittelbar schrieb das Desaster die Suburbanisierung als den Siedlungstrend fest. - Durch Umstellung des Eigenheimbaus auf billige Massenprodukte. Die Depression ging, das Billighaus von der Stange blieb.
Erheblich beeinflusste der militärisch-industrielle Komplex die Siedlungsentwicklung. Die Errichtung militärischer Anlagen samt Infrastruktur im Hinterland großer Agglomerationen, wenn nicht im sprichwörtlichen Niemandsland, zog Arbeitswillige an und wirtschaftliche Aktivitäten nach sich. Wiederum verstärkte sich der Trend zur Ausbreitung Suburbias.