3.1.4 Prägende Funktionselemente
Das US-amerikanische Siedlungssystem bzw. dessen Entwicklung prägen vorrangig drei Elemente:
Pointiert gesagt: Die Mittelklassen bewegen sich zwischen diesen vermeintlichen Sicherheitsinseln. Die Architektur ist im kommerziellen, verbreitet auch im privaten Bereich auf Ausschluss bzw. Zugangskontrolle ausgelegt. Es besteht eine Art ziviler Festungsarchitektur. - Sichtbarer Ausdruck gesellschaftlicher Spaltung und ein diese Spaltung alltäglich zementierendes Moment. Und, zwischen jenen Sicherheitsinseln bewegen sich besser gestellte US-Bürger bevorzugt in ihrer "Sicherheitszelle" - dem Pkw.
In den USA herrscht eine "in sich gekehrte" Bauweise vor, eine privat kontrollierte Innenorientierung, die sich mittelbar in einer fehlenden bzw. unentwickelten Kultur des öffentlichen Platzes manifestiert. Während Plätze in Europa eines der stadtgestaltenden Elemente darstellen, Orten Gesicht verleihen, sie definieren und beleben, liegt der öffentliche Raum in den USA brach. - Weitgehend jedenfalls, wenngleich hier und da wiederentdeckt bzw. erschlossen (hierzu später mehr).
3.1.4.1 Hochhäuser / Wolkenkratzer
Zahlreiche moderne, in Skelettbauweise errichtete Hochhäuser ragen hunderte Meter auf. In den USA hält Chicago's Wills Tower (ehemals "Sears Tower") mit 442 m den Höhenrekord. Die Spitzen der aufgesetzten Zwillingsantenne enden in 520 m Höhe. Bei klarer Sicht reicht der Blick vom "Skydeck" im 103. Geschoss 65 - 80 km weit. Der 108 Stockwerke (die oft ausgewiesenen 110 Etagen beruhen auf einer falschen Zählung) umfassende, 222.500 Tonnen wiegende Koloss beinhaltet 418.000 qm Bruttogrundfläche, 3.220 km elektrischer Kabel und 69.200 km Telephonverkabelung. Die Baukosten beliefen sich auf mehr als 150 Mio. USD. 2004 wechselte er den Eigentümer für rund 860 Mio. USD.
Zum weltweit bekanntesten Hochhaus avancierte New York's vernichtetes World Trade Center. Die 412 m hohen Zwillingstürme besaßen 110, von 230 Aufzügen und 74 Rolltreppen erschlossene Etagen; sie bargen 450.000 qm Bürofläche und dienten rund 50.000 Menschen als Arbeitsstätte.
Eine besondere Spielart des Wolkenkratzers findet sich in Manhattan: Das im Volksmund "wedding cake", fachsprachlich "setback skyscraper" genannte, einem Zikkurat ähnelnde Hochhaus. Es geht auf 1916 verabschiedete Bauvorschriften zurück, die einer zunehmenden Verschattung zu Schluchten mutierender Straßen entgegenwirkten.
Üblicherwiese empfangen die Häuser Besucher mit repräsentativen Lobbies. Ein für mein Empfinden schauderhaftes Protz- und Kitschbeispiel bietet der Trump Tower in Big Apple. Die vielfach unsinnig groß ausgelegten Empfangs- und Zugangsbereiche dienen nicht nur der Selbstdarstellung, sondern wesentlich als Kontrollbereiche, als "Abfangflächen" für unerwünschte Besucher.
Häufig sind Bürotürme durch Brückengänge (skywalks) miteinander über Abstandsflächen oder Straßenzüge hinweg verbunden. - Teils sicherlich aus Bequemlichkeitsgründen, doch spiegelt auch dieses bauliche Element die im Vorkapitel festgestellte Innenorientierung, die "Umgehung" des öffentlichen Raumes wider.
Vielerorts finden sich Wohntürme. So, beispielsweise, in Manhattans Süden oder entlang Floridas Küsten. Der landestypischen Eigenheimverliebtheit zuwider sind architektonisch ansprechende Hochhauskomplexe beliebt. - Und, beileibe keine kostengünstige Wohn- bzw. Wohneigentumsform.