USA – Triebfedern der Siedlungsentwicklung

A Intro

Weite Teile der USA kennzeichnen endlos anmutende Siedlungsteppiche. Manche davon sind flächenhaft entwickelt, andere ziehen sich als schmale, nahezu ununterbrochen Bänder entlang bedeutender Verkehrsadern hin. Die bekanntesten dieser so sehr besiedelten wie zersiedelten Räume sind San-San (San Francisco – San Diego) und Boswash (Boston-Washington). Dass sich die fortwährende Suburbanisierung, das Wuchern der Städte, der "urban sprawl" nachteilig auswirkt, ist offenbar.

Vorliegender Artikel erhellt, wie es zu dem kam, was Kritiker u. a. als "urban tundra" bezeichnen – eine plakative Beschreibung verbreitet austauschbarer, gesichtsloser Siedlungsbreie. Vorausgeschickt sei, dass die heutige Siedlungslandschaft keineswegs als alleiniges Ergebnis unterlassener staatlicher bzw. gemeindlicher Lenkungsmaßnahmen gedeutet werden kann. Vielmehr wirkte die öffentliche Hand mittel- wie unmittelbar und oftmals beabsichtigt auf eine Dezentralisierung hin (wie sich das US-Siedlungssystem der USA darstellen, erhellt der Artikel "US-Städte: Stand und Entwicklung"). Bildmaterial zu Boston, Detroit, Miami, New York und Philadelphia bieten in den Immobilien-Kosmos eingebundene Fotoserien.

Der hier präsentierte Beitrag gründet auf zahlreichen Quellen sowie eingehenden Landeskenntnissen des Verfassers. Wertvolle Details erschloss insbesondere der Gemeinschaftsartikel "The Historical Origins and Causes of Urban Decentralization in the United States" von Alexander von Hoffman und John Felkner (Joint Center for Housing Studies, Harvard University, W02-1, January 2002). Gliederungstechnisch lehne ich mich an diese lesenswerte Studie an. Unterschieden werden drei Phasen der Siedlungsentwicklung und jeweils vier einflussreiche Großkreise entwicklungsbestimmender Triebfedern.

B Phasen der Siedlungsentwicklung

1 Zeitraum 1800 – 1900

1.1 Demographie

Die US-Städte wachsen mehrheitlich rasant. Zwischen 1830 und 1840 legt ihre Einwohnerzahl um rund zwei Drittel zu, in der Dekade 1840 – 1850 um über 90 %. Auslöser und Verstärker dieser Entwicklung sind großmaßstäbige Binnenwanderungen (Land – Stadt) sowie hochschnellende Immigrantenzahlen. Die im 1. Drittel des 19. Jahrhunderts Fußgängermaßstäbe spiegelnden Siedlungsradien – leistungsfähige Nahverkehrsmittel existierten nicht – übersetzen sich in sprunghaft steigende Bevölkerungsdichten. Städtische Kernräume – zumeist die bevorzugten Anlaufstellen mehrheitlich mittelloser Zuwanderer – verelenden. Die um sich greifende Verslumung bewegt betuchtere Kreise dazu, ins Umland abwandern. Es entstehen große Vorstädte (Suburbs). Die Wanderungsströme münden in einer sich fortwährend krasser ausprägenden ethnisch-sozialen Segregation. Die anfängliche Integrationskraft der Städte ist überfordert, ist gebrochen.

1.2 Kultur, Ideologie

Erheblichen Einfluss auf die Siedlungsentwicklung nehmen zwei geistesgeschichtliche Strömungen: Einmal die "prairie philosophy", die u. a. von der Weite des Landes und der Suche nach immer "fetteren Weiden" inspiriert ist. Es regiert eine anti-städtische Grundstimmung. Zum anderen schwappt eine übersteigerte Häuslichkeitswelle über das Land – treffend im wertenden Schlagwort des "cult of domesticity" ausgedrückt.