5.7 Trend zur homogenisierten Splittergesellschaft
Früher klar abgrenzbare, etwa in Bezug auf ihr Kaufverhalten berechenbare gesellschaftliche Einheiten lösen sich auf. Einerseits relativieren sich geschlechtsbezogene Charakteristika, was eine partielle Homogenisierung bedeutet. In dieselbe Richtung wirkt der Triumph der städtischen Lebensweise, wodurch Anspruchsunterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung verwischen.
Andererseits splittert sich die Gesellschaft in eine Vielzahl von Gruppierungen jeweils speziellen Auftretens, Verhaltens und Anspruchsmusters auf. Cliquenbindungen und -merkmale überlagern und durchsetzen übliche soziale Kategorien (Schichtzugehörigkeiten) in wachsendem Maße. Die Zeit großer, eine ganze Generation erfassender und uniformierender Moden (z. B. Jeanswelle) scheint vorüber. Überspitzt gesagt trägt heute jeder alles. Zugleich versucht der moderne Zeitgenosse, sich von anderen abzusetzen - sei es durch eine eigenwillige Kombination verbreiteter Güter (Textilien usw.) oder die Ausformung besonderer Sprachmuster und Verhaltensweisen. Als soziales Wesen betreibt er seine Individualisierung bevorzugt in Übereinstimmung mit Gleichgesinnten. Es entstehen tausenderlei in sich homogen erscheinende Mikroformationen, die sich von der Mehrheit anderer jeweils nur punktuell unterscheiden.
5.8 Trend zur Heimgesellschaft
Erneut macht sich das über Jahrhunderte hinweg wiederkehrende Phänomen um sich greifenden Rückzugs in den privaten Raum bemerkbar. Derzeit beobachtbare Bedeutungsgewinne der Privatsphäre gehen auf ein Faktorenbündel zurück. Einiges Gewicht entfaltet eine Umbruchzeiten begleitende Verunsicherung. Diese kann teils als Ausdruck empfundener Überforderung durch äußere Reize, teils als Reaktion auf wachsende Kriminalität gedeutet werden.
Eine Trendursache ist in vermehrter, stigmatisierender Armut zu erblicken, die Betroffene durch Abkapselung verbergen (wollen).
Auch die Verschiebung der Alterspyramide in Richtung älterer Jahrgänge führt über eingeschränkte Beweglichkeit zu (in der Summe) verlängerten Hausaufenthalten. Der Eintritt geburtenstarker Jahrgänge in den Familienzyklus sowie die Zunahme von Kleinhaushalten, mit der sich eine Reduzierung außer Haus nutzbarer Zeitbudgets verbindet, prägen den Trend mit.
Vorliegende Abhandlung beleuchtete nur einige Trends und dies nur streiflichtartig. Es gibt ihrer viele mehr und vieles mehr bliebe zu sagen. Womöglich in entschärfter Form? Auf daß alles seinen Gang nähme und unsere Kinder dereinst vernehmen, wir hätten von nichts gewußt? Manche Trends eröffnen erschreckende Aussichten. Es gilt gegenzusteuern.