Deutschland 2020: Trends und Perspektiven

5.2 Trend zur Erlebnisgesellschaft?

Erlebniskauf, Erlebnisurlaub und Erlebnisgastronomie werden als marketingtechnische Schlüsselbegriffe gehandelt. Befindet sich Deutschland also auf dem Weg in die Erlebnisgesellschaft? Die Antwort lautet:

Die Erlebnisfähigkeit nimmt nachweisbar ab. Zur Auslösung von Wahrnehmungen erforderliche Stimulanzintensitäten erhöhen sich fortwährend! Die Wahrnehmungstiefe schwindet. So nehmen Jüngere nur ein Drittel der Klangvarianten wahr, die in den 50er Jahren Geborene zu unterscheiden vermögen. Übersetzt heißt das, sie sind außer Stande, die Tiefe klassischer Symphonien zu erleben.

Da Erlebniswerte aus einem Spannungsbogen zwischen Alltäglichem und Besonderem resultieren, setzt Erlebnis entsprechende Gewichtungen bzw. Erfahrungen voraus. Nun deutet sich an, daß moderne Gehirne Informationen ungewichtet ablegen: Die Beobachtungen eines umfallenden Reissacks und die Zerfleischung eines Menschen besitzen denselben Stellenwert. Der Erlebnishunger wächst infolge ständiger Untersättigung. Das drückt sich u. a. in sprachlichen Superlativen aus, die kaum noch als solche wahrgenommen werden, weil jede Belanglosigkeit mit Attributen wie Mega oder super versehen wird. Zu Clementines Zeiten weißer als weiß waschende Laugen werden nach zwischenzeitlich erreichtem Ultraniveau als superneue Gigamegaprodukte anzupreisen sein, um noch einen Hauch von Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auch hirnlose Kraftakte ermöglichende megastarke Knusperriegel bedürfen stimulierenderer Werbeunterlagen wie einer Platzierung im Proviantbeutel muskelbepackter Serienmörder a la Rambo. Das klingt zynisch, was beabsichtigt sein könnte, um einen aktivierenden Stimulus zu setzen. Dieser Begriff bezeichnet den wahren Trend - jenen zur

nämlich.

5.3 Trend zur Kommunikationsgesellschaft?

Anzahl und Nutzungsintensität technischer Kommunikationsmedien erhöhen sich. Gehalt, Tiefgang und Dichte transferierter Botschaften steht dazu in umgekehrt proportionalem Verhältnis. Sie verringern sich - wenig wunder - parallel zur Erhöhung der Kontaktraten. Nicht von ungefähr führte die EDV-Revolution zu einem multiplizieren, schwerlich von entsprechend gestiegenen kommunikativen Notwendigkeiten getragenen Papierausstoß. Und, ein Telefonat zu führen, erfordert weniger Motivation, als die Abfassung eines Briefes.

Insgesamt erhöht sich das Gewicht von Einbahnkommunikation und Kommunikationskonserven. Radio, Fernsehen, CDs, PC passivieren, normieren, formalisieren, standardisieren.

Abnehmende verbale, mathematische, musikalische Ausdrucksfähigkeiten sind Fakt. Wenn aber unerläßliche Grundlagen fruchtbarer Kommunikation schwinden, läßt sich gewiß

ausdeuten.