4.5 Gesellschaftliche Polarisierung
Statistisch betrachtet sind Deutschlands Haushalte samt und sonders begütert. Gebrauchs- und Immobilienvermögen summierten sich 1995 auf durchschnittlich ca. 230.000 DM, hinzu traten 125.000 DM Geldvermögen. Aber: 4.600 Mrd. DM Geldguthaben standen 1.600 Mrd. DM Schulden gegenüber. Heute gelten 2.500.000 Haushalte als überschuldet. Die Sozialordnung verbreitert sich an ihren Enden: Die Gruppe Wohlhabender und Reicher wächst, die Zahl Mittelloser ebenfalls, nur um ein Vielfaches schneller. In Konsequenz dünnt die Mittelschicht aus; der noch kürzlich ausgemachte Trend zur nivellierten Mittelstandsgesellschaft verkehrt sich ins Gegenteil.
Polarisierungsphänomene zeigen geschlechts- und altersgruppenspezifische Ausprägungen. Gegenüber Senioren unterliegen Kinder und Jugendliche inzwischen zweifach höheren Armutsrisiken, Frauen wiederum höheren als Männer. Nicht zuletzt infolge akkumulativer Effekte verschärft sich der Kontrast zwischen Alt und Jung, zwischen Betuchten und weniger Begüterten. Bezifferte sich der Anteil von Vermögenseinkünften 1978 auf 6 % der verfügbaren Einkommenssumme, steuerten sie 1995 10 % zu dieser bei. Zudem erhöhen sich - in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung überzeichnet - die Privatentnahmen Selbständiger überproportional. Die Gewichte verschiedener Einkommensquellen untereinander verschieben sich also. Während öffentliche Einkommensübertragungen mit Anteilswerten von 23 % (1978) und 24,5 % (1995) eher unwesentlich differieren, nahmen Vermögenseinkommen und Privatentnahmen von 23 % auf 30,5 % zu, Nettolöhne und -gehälter von 54 % auf 45 % ab. Wird die im Vergleichszeitraum angeschwollene Zahl Wohlfahrtsabhängiger und Arbeitsloser in Rechnung gestellt, offenbart sich die Dimension laufender Polarisierungstrends. Ein Gang durch unsere Städte verdeutlicht sie eindrücklicher: Die Zahl von Bettlern nimmt sprunghaft zu, jene Wohnungs- und Obdachloser geht - am Straßenbild nur unvollkommen ablesbar - in die Zehntausende (2002 = geschätzte 30.000 Obdachlose; von Obdachlosigkeit bedroht ca. 500.000 Menschen).
Soziale Mobilität findet vermehrt von oben nach unten statt. Immer weitere Bevölkerungskreise - z. B. die zweite Generation Sozialhilfeabhängiger - sehen ihre Position zementiert. Dieser Trend läuft der Existenz einer über soziale Mobilitätschancen definierten Schichtgesellschaft zuwider.
5 Soziokulturelle Trends
Trendforscher machen fünf maßgebliche Entwicklungen aus, nämlich die Entwicklung zur Freizeit-, Erlebnis-, Informations-, Kommunikations- und Bildungsgesellschaft. Verbal liegen durchgängig positiv belegte Begriffe vor, real erscheint eine in weiten Teilen umgekehrte Deutung angezeigt.
5.1 Trend zur Freizeitgesellschaft?
Gesamtgesellschaftliche Freizeitbudgets schwellen seit 20 Jahren an. - Ein mehrdimensionales Phänomen, daß altersgruppen, schicht-, berufs- und raumspezifische Ungleichgewichte aufweist. Einmal erhöhten sich Freizeitbudgets infolge verkürzter Jahres- und Lebensarbeitszeiten sowie stattfindender Seniorisierungsprozesse, die wachsende Bevölkerungsanteile in den Ruhestand entlassen. Zum zweiten sehen sich mehr und mehr Menschen durch Arbeitslosigkeit in unfreiwillige Freizeitzustände versetzt, wobei diese Zwangsform in strukturschwachen Regionen akzentuiert auskristallisiert. Drittens vernachlässigt die Gleichsetzung außerbetrieblicher Zeiten mit Freizeit produktive Tätigkeiten im Bereich der informellen Ökonomie, wie Kindererziehung, Schwarzarbeit oder - ebenfalls vermehrt Zwang - privat betriebene Fortbildungsmaßnahmen. Die Realität der Freizeitgesellschaft bedarf somit einer gänzlich anderen Deutung, als zu Zeiten wirtschaftlicher Prosperität, die tatsächlich bzw. im Wortsinne erhöhte Freizeit und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten mit sich brachte. Der aktuelle Trend spiegelt zuvorderst demographische sowie wirtschaftlich-soziale Defizite wider.