Deutschland 2020: Trends und Perspektiven

3 Wirtschaftliche Trends

Laut Welthandelsstatistik war Deutschland 1994 hinter den USA Nummer 2 unter den Exportnationen. 22 Ländern diente es als bedeutendster Lieferant, in 13 hielt es Platz 2, in 10 Rang 3. Zum Vergleich: Die USA und Japan führten auf 16 bzw. 8 nationalen Märkten. Dennoch: Im Jahrfünft 1989-94 erhöhte sich Deutschlands Gewicht als Exporteur in 13 Staaten, in 20 aber nahm es ab und unter seinen Top-22 verlor es mittlere 2 % Anteil. 1995 wuchs das Welthandelsvolumen um 8 %, der deutsche Export um 4 %. Der Trend: Deutschland verliert Weltmarktanteile. Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr.

Die Lohnkosten - insbesondere die Nebenkosten - liegen ausnehmend hoch. Gegenüber Großbritannien oder den USA bestehen zwei- bzw. anderhalbfach höhere Kostenbelastung.

Auf internationalem Parkett übersetzt sich die Kostensituation in Wettbewerbsnachteile. In diesen Zusammenhang ist zu betonen, daß die Einschätzung, Deutschland wettstreite nicht mit Billiglohnländern, durch ständige Wiederholung keineswegs an Plausibilität gewinnt. Tatsache ist, daß ein wachsender Kreis bedeutender Branchen und Wertschöpfungsstufen dieser Konkurrenz erliegt. Technologische Vorsprünge verringern sich auch in Hochlohnbereichen. Lohnstückkostendifferenzen wachsen, da sich (Westdeutschlands) Produktivitätsvorsprung angesichts hohen Ausgangsniveaus gegenüber rückständigen Staaten, insbesondere Schwellenländern, verringern muß. Dies untermauert eine Betrachtung 1980 - 1994 in wichtigen Industrieländern erzielter Produktivitätszuwächse. So legten Großbritannien 82 %, Japan 80 %, Belgien 76 %, Italien 72 %, die Vereinigten Staaten 48 %, Deutschland aber nur 42 % zu. Die Aushöhlung bestehender Vorteile wird beschleunigt, indem Unternehmen Arbeitsplätze und Produktivitätsniveau Hand in Hand ins Ausland verlagern. Relativ kurze, starre Betriebsnutzungszeiten verschärfen bestehende Nachteile zusätzlich. Selbst in Bereichen, in denen es gemeinhin nicht vermutet wird, gerät Deutschland in die Kostenschere. EDV-Sektor und Pharmaforschung - in Indien um 85 % billiger - liefern Beispiele. Gleiches gilt in Bezug auf einfache Verwaltungsaufgaben (z. B. Gehaltsabrechnung), die angesichts weltumspannender Telekommunikationsnetze nahezu überall erledigt werden können. In den Medien erscheint das internationale Engagement der deutschen Wirtschaft gleichwohl überzeichnet. Die Auslandsinvestitionen produzierender Unternehmen beliefen sich 1995 auf lediglich 7 % getätigter Gesamtinvestitionen. Zu bedenken ist zudem, daß verstärkte Auslandsengagements heimischer Unternehmen einen Reflex auf hochgradige Exportabhängigkeiten darstellen. Wirklich besorgniserregend wirkt das Abreißen ausländischer Direktinvestitionen. Im ersten Halbjahr 1996 schrammten sie mit 200-Mio. DM die Deinvestitionsschwelle. Die Umkanalisierung der Investitionsströme beschert konkurrierenden Staaten Innovationskapital, Folgeinvestitionen und Wettbewerbsmacht. Sie belegt vorrangig, welch gravierende, das Erfolgsrezept der Nachkriegszeit umkehrende Fehler im Zuge der Wiedervereinigung begangen wurden. Die Entwicklung Ostdeutschlands zum stückkostenbezogen teuersten Standort weltweit verweist auf Systemdefizite.

Als gravierendes Beispiel fehlorientierter Entwicklungsmuster mag die Peter-Prinzipien in Reinkultur umsetzende Aufblähung politischer und bürokratischer Apparate dienen. 100.000, oft absurde Gesetze und Verordnung reglementieren Wirtschaft und Gesellschaft. Laut Institut für Mittelstandsforschung bürden gesetzlich vorgeschriebene Verwaltungsaufgaben dem Mittelstand Direktkosten von 56 Mrd. DM (ca. 28,6 Mrd. €) jährlich auf. - Ein rundes Viertel anfallender Produktions- bzw. Dienstleistungskosten. Die Bürokratie prägen überlängte Bearbeitungszeiten, gängelnde Auflagen, hohe Kosten, mangelndes Sach- und Dienstleistungsverständnis. Fundierte Schätzungen schreiben ihr die Verhinderung von bis zu 5 Mio. Arbeitsplätzen zu. Selbst wenn diese Taxierung als mehrfach überhöht betrachtet wird, ist dem Bürokratismus ein Gutteil der 4 Mio. offiziellen bzw. real knapp 8 Mio. Arbeitslosen zuzuschreiben. Einseitige Schuldzuweisungen führen freilich in die Irre, denn Löhne und Gehälter wuchsen, während die Arbeitslosigkeit eine Rekordmarke nach der anderen riß. Potentielle Beschäftigungseffekte von Aufschwungphasen verpuffen. Warum, das deutet ein Vergleich mit den USA an. Dort setzen sich Einkommensspielräume in erhöhte Beschäftigung um, in Deutschland aber in Lohnerhöhungen der Beschäftigten!