Deutschland 2020: Trends und Perspektiven

Auf mehrfach geäußerten Wunsch erscheint hier ein Anfang 1997 veröffentlichter Beitrag, der sich auf 2010 bezog. Es handelt sich um eine redaktionell geringfügig überarbeitete Fassung. Auf inhaltliche Eingriffe wurde verzichtet, um damals formulierte Thesen auf den Prüfstand zu stellen. Mit der Immobilienwirtschaft beschäftigt sich der Artikel nicht, doch erhellt er Zusammenhänge, die diesen Zweig betreffen. Im Januar 2011 änderte ich die Jahreszahl im Titel auf "2020", ließ den Inhalt jedoch weiterhin unangetastet. Denn: 1997 beschriebene Sachverhalte und vollzogene Ableitungen sind unverändert gültig und m. E. fortschreibungsfähig.

1 Intro

Dieser Beitrag wirft Schlaglichter auf eine Reihe ausgewählter Entwicklungen. Er rückt langwellige Grundströmungen oder, um ein Modewort zu bemühen, Trends in den Brennpunkt. Vorgestellt wird ein Strauß wirtschaftlicher, demographischer, gesellschaftlicher und soziokultureller Trendfelder.

2 Zeitenwende: Neue Globalisierung

Seit Mitte der 70er Jahre zehrt Deutschland von ererbten Substanzen – zu gehörigen Teilen in der Vorkriegsära geschaffen, während dreier Nachkriegsjahrzehnte gemehrt. Die Stunde Null war Fiktion, das Wirtschaftswunder kein Mirakel. Westdeutschlands wachsende Bevölkerung arbeitete hart, die Industrie bewies Innovationskraft. Deutschlands Erfolgsgeschichte verlief synchron mit dem hausgemachten Niedergang der USA als produktive Supermacht und war – zumindest dem Maße nach – nur vor dem Hintergrund mangelnder wirtschaftlicher Potenz einer Staatenmehrheit denkbar. Heute bestehen fundamental gewandelten Rahmenbedingung. Nahezu alle Vorzeichen kehrten sich um. Deutschland geriet zur Forderungsgesellschaft, während sich Verzichtgesellschaften auf Effizienz trimmen.

Intern verschoben sich die Gewichte von der Wirtschaft auf fossilierende Verwaltungs-, Verhandlungs- und Verteilungskartelle. Deren Wirken gründet auf der überholten Annahme, Unternehmen beugten sich von ihnen ausgehandelten Kompromissen: Sie tun es immer weniger. Nationale Bindungen der Wirtschaft verflüchtigen sich. Made by Mercedes Benz heißt es seit 1993! Ein Fanal stand an der Wand, doch Verbandsdemokraten sammelten runde Tische und diskutierten – Realitätsverweigerung und Nabelschau krönend – ein Bündnis für Arbeit. Das Prozedere ignoriert die Herausforderung antinationaler Globalisierungsprozesse. Derweil erleiden Parteien und Verbänden massive Mitgliederverluste. In diesem Sachverhalt kristallisiert ein politischer Leittrend aus: Nachlassende Identifikation mit Korporationen, ein sukzessiver Legitimationsentzug.

Wirtschaftliches und gesellschaftliches System lassen Krisensymptome erkennen.