Stadtentwicklungsplanung – Grundsätze

Nachfolgender Artikel skizziert ausgewählte stadt- bzw. zentrenplanerische Leitgedanken. Die Betrachtung rückt den Einzelhandel in den Brennpunkt. Der kurze Betrag richtet sich zuvorderst an "Einsteiger".

Intro

Die Leitgedanken der Stadtentwicklungsplanung ergeben sich aus einem Wechselspiel von Bedürfnissen verschiedener Marktakteure bzw. Wirtschaftssubjekte sowie einer Reihe städtebaulich-funktionaler Erfordernisse.

Verbraucherbedürfnisse

Über die Lebensqualität entscheidet die Nähe des Wohnortes zu infrastrukturellen Einrichtungen erheblich mit. Grundsätzlich gilt, dass kurze Wege den versorgungstechnisch erforderlichen Aufwand minimieren. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich eine erste Ableitung: Die wohnortnahe (Grund-) Versorgung der Bevölkerung ist zu gewährleisten. Konkret: Das räumliche Gefüge verschiedener Betriebsformen und -typen ist zukunftsweisend auszulegen, um langfristig optimale Versorgungssysteme zu schaffen und zu erhalten. Nur ein ausgewogenes Angebotsspektrum, das heißt ein funktionierender Wettbewerb zwischen gleichartigen Betrieben und verschiedenen Betriebstypen, stellt breitgefächerte, preislich abgestufte Angebotspaletten sicher. Einer übermäßigen Konzentration auf Anbieterseite ist ebenso entgegenzuwirken wie einer Unterausstattung mit zeitgemäßen Verkaufsflächen.

Unternehmerbedürfnisse

Im Wettbewerb zwischen Städten und Gemeinden sichert nur ein vielfältiger und flächenbezogen angemessen ausgelegter Geschäftsbesatz die Existenzgrundlagen jeweiliger Einzelbetriebe. Wie "angemessen" zu definieren ist, ergibt sich u. a. aus der angestrebten zentralörtlichen Stellung bzw. dem rangentsprechend bestimmten Einzugsgebiet jeweilger Orte (siehe Kapitel 4). Aus planerischer Sicht ist es somit erforderlich, das Verkaufsflächenangebot verschiedener Orte so zu bemessen, dass die Investitionsfähigkeit der Einzelhandelsunternehmen gewährleistet bleibt. Mit anderen Worten: Investitionen in handelsgenutzte Gebäude rechnen sich einzig vor dem Hintergrund eines marktgerechten Branchen-, Betriebsformen- und Betriebstypenbesatzes. Eine zu geringe Flächenausstattung übersetzt sich in eine unbefriedigende Anziehungskraft von Einkaufsorten, ein Überbesatz mündet in einen Verdrängungswettbewerb, der verheerende Folgen nach sich ziehen kann. Eine erste Auswirkung liegt in einer mittel- bis langfristigen Ertragsschwäche (fast) aller Betriebe. Verbreitet kommt es zu gehäuften Betriebsaufgaben, die wiederum Dominoeffekte auslösen können. Eine hinsichtlich der Flächenplanung unangemessene Weichenstellung vereitelt also eine gleichgewichtige Stadtentwicklung und gefährdet die fortgesetzte Existenz erhaltenswerter Nutzungskerne.

Handels- und Dienstleistungsunternehmen verlangen nach einem Rahmen, der es ihnen gestattet, den Sicherheitsgrad ihrerseits vorgesehener und / oder getätigter Investitionen zu bestimmen. Kurzum: Ihre Investitionsbereitschaft beruht auf einer nachvollziehbaren Planung, die tragfähige Nutzungsstrukturen schafft bzw. deren Entwicklung fördert.

Zentrenhierarchische Erfordernisse

Städte bilden untereinander funktionale Hierarchien bzw. ein mehrstufiges Zentrensystem aus. Der jeweilige Ortsrang bestimmt sich zuvorderst nach den ausgeübten Versorgungsfunktionen bzw. den verfügbaren Angeboten in den Bereichen Einzelhandel, Dienstleistung, Kultur usw. Auch innerhalb von Städten bilden sich Zentrensysteme aus. Ein planerisches Grundanliegen besteht darin, die Funktionsbereiche Wohnen, Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleistung und Gewerbe bestmöglich miteinander zu verknüpfen. Der bedeutendste Kristallisationskern städtischen Lebens ist regelhaft die Innenstadt mit ihrem verdichteten Nutzungsmix. Flächenüberkapazitäten an Randstandorten konterkarieren die Funktionstüchtigkeit innerörtlicher Zentrensysteme; sie entziehen insbesondere dem mittelständischen Facheinzelhandel die Daseins- und Entwicklungsgrundlagen. Eine "Überrüstung" nachrangiger innerörtlicher Zentren führt zum selben Ergebnis. Da Einzelhandel, Dienstleistung, Gastronomie und kulturelle Einrichtungen in aller Regel auf eine gegenseitige räumliche Durchdringung und Befruchtung angewiesen sind, verbindet sich mit Schwächungen der Innenstadt eine funktionale Destabilisierung des gesamtstädtischen Funktionsgefüges. Übergewichte innenstadtrelevanter Branchen bzw. Sortimente in städtischen Randlagen sind somit zu vermeiden. Gleiches gilt in Bezug auf städtebaulich formal-integrierte, doch funktional unzureichend in den örtlichen Gesamtzusammenhang eingebundene Verkaufseinrichtungen, voran Einkaufs- und Fachmarktzentren. Bezogen auf überörtliche bzw. regionale Zentrenhierarchien gilt grundsätzlich dasselbe. Eine übermäßige Flächenausstattung von Unter- und Mittelzentren vereitelt nicht nur eine funktionsgerechte Fortentwicklung höherrangiger Zentren, sondern unterminiert deren funktionale Substanz. Eine Planung, die sich das Prädikat "ausgewogen" verdienen will, ist unabhängig von Standortegoismen zu betreiben.

Erhaltungserfordernisse

Erhalt und Modernisierung ererbter Bausubstanzen, die Altstadtsanierung und Instandhaltung baulicher Bestände sind dauerhaft nur zu gewährleisten, wenn der örtliche Immobilienbestand entsprechende Mieten einträgt bzw. nötige Renditen abwirft. Schon deshalb ist die Existenzfähigkeit des Einzelhandels in Innenstadtlagen, wichtigen Stadtteilzentren und hochrangigen Nahbereichszentren sicherzustellen. Denkmalschützerische und denkmalpflegerische Maßgaben sind bei aller Berechtigung so zu definieren, dass eine gleichgewichtige und wirtschaftliche Innenstadtentwicklung möglich bleibt. Es ist offensichtlich, dass Städte (mehrheitlich) ein Ergebnis und einen Ausdruck langer Entwicklungsreihen darstellen. Fortwährend wurde Altes überformt, verändert, neuen Erfordernissen angepasst. Der Versuch, einen willkürlichen Quasi-Endzustand zu konservieren, stößt spätestens dann an seine Grenzen, wenn er aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Nutzungsmöglichkeiten nicht mehr finanzierbar ist bzw. die Investitionswilligkeit privatwirtschaftlicher Kreise erlahmt. Die Umsetzung vieler Detailvorgaben verbindet sich mit einem unverhältnismäßig hohen Kostenaufwand und bindet Mittel, mit denen vordringliche Projekte finanziert werden könnten (Sanierung, Wohnungsbau, Modernisierung von Gewerberäumen etc.).

Umwelterfordernisse

Umwelteinflüsse sind durch sparsamen Flächenverbrauch und zweckmäßige, verkehrsminimierende Standortstrukturen möglichst gering zu halten. Die Verkehrsplanung hat sich allerdings an Maßstäben der Umsetzbarkeit und der Akzeptanz durch die Verbraucherschaft und das Gewerbe auszurichten. Der Pkw ist für ländliche Räume sowie das weitere Einzugsgebiet zentraler Orte das Verkehrsmittel schlechthin, da eine flächendeckende Erschließung mittels öffentlichem Nahverkehr schwerlich möglich ist.

Schlussbemerkung

Die oben streiflichtartig erhellten Zusammenhänge werden im deutschen Planungswesen berücksichtigt. Die abgeleiteten Entwicklungsgrundsätze erweisen sich als sinnvoll. Alltägliche Planungs- und Genehmigungspraktiken belegen gleichwohl, dass sich die entwickelten Regularien als unzureichend erweisen und postulierte Ziele vielfach verwässert oder schlicht ausgehebelt werden.