Hilfe für Südwest Sri Lanka

Bericht über die erste Hilfsreise (Teil 2)

Dienstag, 22.02.2005

Wie vorgesehen, hatten wir am ersten Tag erst einmal die Lage sondiert. Wir haben uns mit verschiedenen singhalesischen Vertrauens-personen getroffen, um in Erfahrung zu bringen, ob bereits Hilfsleistungen angekommen sind und wo noch Bedarf besteht. Von allen hörten wir einheitliche Aussagen. Die Regierung hat Hilfe zugesagt. Die Einheimischen mussten sich bei der Polizei registrieren lassen und mitteilen, was sie im Einzelnen verloren haben, also z. B. Unterkunft, Geschäft oder Fischerboot. Für ein zerstörtes Geschäft wird es 25.000 Rupees (entspricht € 190) geben. Ein absolut lächerlicher Betrag; aber alle fragen sich, wann wird denn diese Hilfe tatsächlich ausgezahlt? Es wird immer nur angekündigt und versprochen, aber tatsächlich angekommen ist bisher noch nichts. Es wird offen diskutiert, was die Regierung wohl mit den vielen Spendengeldern macht. Das einzige, was geklappt hat, ist die Auszahlung von wöchentlich 375 Rupees (€ 3) pro Person zum Einkauf von Lebensmitteln. Für die Einheimischen zu wenig zum Leben, aber zu viel zum Sterben. Wären nicht bereits viele internationale private Organisationen vor Ort tätig, hätte sich bislang nichts ereignet. Wir haben die Situation also so vorgefunden, wie wir sie erwartet hatten. Die Bevölkerung braucht Geld, um Lebensmittel und ein wenig Kleidung, Haushaltsgeräte und Einrichtungsgegenstände zu kaufen und schnellstmöglich ein Dach über dem Kopf zu haben, bevor im April der Monsunregen einsetzt.

Mittwoch, 23.02.2005

Im Bereich Bentota halten sich die Schäden in Grenzen, da im strandnahen Bereich kaum Wohnhäuser standen. Die beschädigten Hotels befinden sich bereits im Wiederaufbau oder sind schon wieder im Betrieb. Am Strand von Bentota ist von der Flutkatastrophe so gut wie nichts mehr zu sehen. Hier wird der Tourismus sehr schnell wieder Einzug halten.

Ganz anders Beruwala. Ohne einheimische Führer hätten wir Plätze, an denen vorher rd. 200 Geschäfte standen, nicht mehr wieder gefunden. Dort ist alles dem Erdboden gleich. Nur noch Fundamente zeugen davon, dass dort einmal Häuser gestanden haben. Eine früher sehr schöne Bungalowanlage, das Pearl Beach, ist verschwunden. Nichts lässt mehr darauf schließen, dass dies einmal ein beliebtes Urlauberziel war. Geschlossen sind außerdem die ehemaligen Hotels Ypsilon, Confifi, Barberyn Reef, Bayroo Beach, Riverina, Palmgarden, Swanee, Pearl Beach und das Eden Ressort (letzteres wieder geöffnet). Lediglich in Betrieb - allerdings mit geringer Gästeanzahl - sind die Hotels Neptun und Lanka Princess und es existiert auch kein einziges Strandrestaurant mehr. Die bekannten Sagarika, Sasika und Blue Lagune sind dem Erdboden gleich. Als wir nach einem einstündigen Strandmarsch die gesamte Gegend inspiziert hatten, wollten wir etwas trinken. Da aber kein Lokal mehr existiert, hat uns ein einheimischer Begleiter Kokosnüsse von der Palme geholt, mit deren Saft wir unseren Durst löschten. Anschließend sind wir dann vom Strand aus ins Landesinnere der Gemeinde Moragalla gegangen. Rechts und links der Wege nur völlig zerstörte Häuser, Schutt, abgebrochene Palmen und zerstörtes Inventar, obwohl in diesem Chaos bereits eine gewisse Ordnung zu erkennen war. Die Aufräumarbeiten waren in vollem Gange. Wir alle waren sehr geschockt, selbst zwei Kilometer im Landesinneren konnte man an den Außenmauern noch den Hochwasserstand von über einem Meter erkennen. Unsere Begleiter wussten - Gott sei Dank - wo die Eigentümer der zerstörten Häuser und Geschäfte jetzt wohnten. Wir haben an diesem Tag zwanzig Familien aufgesucht und ihnen mit einer Geldspende ein wenig Lebensmut wiedergegeben. Wir haben es geschafft, aus den verbitterten Mienen lachende Gesichter zu machen. Die Dankbarkeit war riesig.

Donnerstag, 24.02.2005

Heute sind wir in die drei nördlich von Beruwala gelegenen Orte Maggona, Paiyagala North und South gefahren. Es handelte sich um reine Fischerdörfer, wo kein Stein mehr auf den anderen steht. Sämtliche Häuser, Hütten und was sonst als Unterkunft diente, ist dem Erdboden gleich. Von verschiedenen Hilfsorganisationen waren dort Zelte aufgebaut und Notunterkünfte mit Plastikbahnen eingerichtet. Eine weitere englische Hilfsorganisation hatte angefangen, Holzhütten zu errichten. Nach Rücksprache mit den Helfern erfuhren wir, dass diese mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln etwa 100 Häuser errichten wollten. Der durch die Polizei geführten Liste war aber zu entnehmen, dass der Bedarf bei über 600 Häusern liegt. So haben auch wir uns entschlossen, dort Häuser errichten zu lassen. Es handelt sich um ausgesprochen einfache Notunterkünfte, die dazu dienen, dass die Einwohner vor dem beginnenden Monsun ein Dach über dem Kopf haben. So lässt sich auch der Preis von etwa € 150 pro Haus erklären. Die Regierung hat den Leuten, die ihre Unterkünfte verloren haben, zwar Hilfe versprochen, aber keiner kann auch nur annähernd sagen, wann und in welcher Form diese Hilfe zur Verfügung gestellt werden wird. Sollte sich die Regierung tatsächlich irgendwann entschließen, etwa fünf oder sechs Kilometer im Landesinneren Grund und Boden und möglicherweise auch Steinhäuser zur Verfügung zu stellen, können diese Hütten immer noch als Fischerhütten für Bootmotoren, Netze usw. weiterhin benutzt werden, da sie etwa 200 m vom Strand entfernt liegen. Verschiedene Holzfirmen werden uns in den nächsten Tagen Angebote unterbreiten. Der Baubeginn soll noch Anfang März sein.

Freitag, 25.02.2005

Heute haben wir uns Richtung Süden aufgemacht und sind in die Gegend zwischen Ambalanggoda und Hikkaduwa gefahren. Dort ereignete sich auch dieses schreckliche Zugunglück, bei dem ein Zug mit ca. 2.000 Menschen an Bord von den Fluten einfach weggespült worden ist. Ansonsten das gleiche Bild. Es steht kein Stein mehr auf dem anderen, es sind lediglich noch die Fundamente der Häuser erkennbar. Auf diesen Fundamenten errichten die Ein-heimischen nun Zelte und Holzhütten, um sich für die Regenzeit zu rüsten. Auf dem Weg in den Süden kamen wir an vielen Tempel-anlagen vorbei, auf denen jeweils 60 - 70 Zelte als Notunterkünfte für die Obdachlosen standen. In den Tempeln wird dreimal am Tag eine Armenspeisung vorgenommen. Als wir ein solches Camp aufsuchten, stand eine große Menschenmenge Schlange, um etwas Reis mit Dal (Linsen) zu erhalten. Anschließend haben wir dann die Gesamtschule von Bentota besucht. Dort waren wir mit dem Schuldirektor verabredet. Die Schule war von den Wellen verschont geblieben. Die Klassen platzen aber aus allen Nähten, da aus den umliegenden beschädigten Schulen Klassen mitaufgenommen werden mussten. Zur Zeit sind gerade 2.000 Schüler anwesend, die von 17 Lehrern betreut werden. Die noch im Bau befindliche Bibliothek wurde kurzerhand zu Klassenräumen umgewandelt. Diese Schule unterhält Partnerschaften zu drei Schulen in Tangalle, im Süden der Insel. Nach Auskunft des Schuldirektors ist dort das Ausmaß der Zerstörung gar nicht mehr zu beschreiben. Viele der Kinder und Lehrer haben außer dem, was sie am Körper tragen, nichts mehr. Wir haben nach kurzer Beratung vor Ort entschieden, eine größere Geldspende zu übergeben. Weiterhin werden wir in der kommenden Woche gemeinsam mit dem Schuldirektor nach Tangalle fahren, um dort Sachspenden zu übergeben.

Samstag, 26.02.2005

Heute sind wir dann wieder nach Beruwala gefahren und haben dort weitere zwanzig Familien besucht, die ihre Geschäfte verloren hatten und haben diese mit einer Geldspende bedacht. 18 Familien in Beruwala haben Ihr Wohnhaus verloren und dürfen, da deren Grundstücke zu nah am Strand gelegen sind, dort nicht wieder bauen. Wir haben uns entschlossen, für € 18.000 im Landesinneren ein 2.860 qm² großes Grundstück zu erwerben und dort 10 Steinhäuser errichten zu lassen. Pro Haus sind etwa € 10.000 Kosten zu veranschlagen. Mit den Familien, die diese Häuser beziehen, wird vor Übertragung des Grundstückes eine Vereinbarung geschlossen, dass die zu erwartende Entschädigungs-zahlung der Regierung (ca. € 1.500 bis 2.000) an unseren Verein weiter gereicht wird, damit wir damit weitere Hilfe leisten können. Das Gelände liegt in Hettimulla (Gemeinde Beruwala), und muss jetzt erst einmal gerodet werden. Dschungel pur!

Sonntag, 27.02.2005

Im Laufe des Tages erfuhren wir, dass die vier Paletten mit Hilfsgütern in Colombo angekommen sind, dass aber der Zoll Probleme macht und erhebliche Zollforderungen erheben will. Die Zollfreiheit für Hilfsgüter ist vor ca. drei Wochen ersatzlos aufgehoben worden. Begründung: Man kann im Lande wieder alles kaufen. Ein weiterer Grund muss sein, dass die tamilischen Rebellen sich u. a. zwei komplett zerlegte Hubschrauber als Hilfsgüter haben liefern lassen und darüber hinaus ver-schiedene Waffen.

Montag, 28.02.2005

In Colombo haben wir uns deshalb von der deutschen Botschaft eine Bestätigung geben lassen, wonach unser Verein eine reine Hilfsorganisation ist und keine kommerziellen Ziele verfolgt. Beim Zoll hatte diese Bescheinigung leider keinen Erfolg, da dort eine Anweisung des Wirtschaftsministeriums vorlag, dass nichts mehr zollfrei ins Land eingeführt werden darf. Wir werden deshalb am Dienstag einen Anlauf beim Wirtschaftsministerium unternehmen, um für unsere Hilfsgüter „Duty free“ zu erreichen. Alternativ haben wir zumindest erreicht, dass die Hälfte des Beförderungspreises als Zoll zu zahlen wäre, was € 450 ausmacht.

Schon der Mitarbeiter der deutschen Botschaft meinte, dass es noch sehr viele Enttäuschungen geben werde, da am Hafen rd. 100 Container Hilfsgüter lagern, die zu einem Zeitpunkt auf die Reise geschickt wurden, als noch Zollfreiheit bestand, aber angekommen sind als die Zollfreiheit schon aufgehoben war. Keiner der Absender ist zur Zeit bereit, den Zoll zu entrichten. Er vermutet, dass der Inhalt dem Sozialministerium zufallen wird, das es dann in irgendwelche Kanäle verschieben wird. Das Wirtschaftsministerium hat unserem Antrag, € 450 als Zoll zu entrichten, nicht entsprochen. Stattdessen machte uns der Mitarbeiter das Angebot, dass er uns gegen die Übergabe von 7 Nähmaschinen den Rest zollfrei zur Verfügung stellen würde, was wir aber abgelehnt haben. Am nächsten Tag ist dann ein Freund von uns zu einem Bekannten beim Zoll gegangen und hat gegen eine „kleine Gebühr“ und das Überlassen von zwei Paketen medizinischen Gütern den längst überfälligen Zollstempel erhalten, so dass wir dann - nach einer Woche - über unsere Hilfsgüter verfügen konnten.