Sortimente – Relevanzbegriffe

Intro

Stadtentwicklung ist zu einem gehörigen Teil mit Stand und Entwicklung des Einzelhandels verbunden. Der Einzelhandel wiederum ist – wie nahezu jedes menschliche Aktivitätsfeld – von widerstreitenden Interessen geprägt. Ein Klassiker unter den Konflikten ist jener zwischen Innenstadt bzw. städtebaulich integrierten Zentren und Grüner Wiese. Dem gegenseitige Verhältnis wird planungsrechtlich – gekoppelt an das Thema »Großflächigkeit« – besonderes Augenmerk zuteil. Von Planungsseite wird unterstellt, dass periphere Großflächen und summiert in Großflächenbereiche hineinwachsende Cluster des Klein- und Mittelflächensegments negativ auf integrierte Zentren bzw. deren Entwicklungsmöglichkeiten zurückwirken können. Ein zentrales Element im Rahmen diesbezüglicher Auswirkungsanalysen ist die Sortimentsgestaltung. Bewertungstechnisch rücken dabei als »innenstadtrelevant« bezeichnete Sortimente in den Brennpunkt.

Innenstadtrelevante Sortimente?

Dem Schöpfer der Wortpaarung »innenstadtrelevante Sortimente« mag das Bild von Kleinstädten vor Augen gestanden haben, die über einen Mittelpunkt verfügen, gewöhnlich jedoch keine anderen nennenswert verdichteten Versorgungskerne aufweisen. Vielleicht war es auch eine größere Stadt, deren gewachsene Mitte von einem Einkaufs- oder Fachmarktzentrum in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wie auch immer: Zunächst ist festzustellen, dass der Begriff »innenstadtrelevant« irreführt, wenn er rein beschreibend auf Ortsmittelpunkte bezogen wird. Denn: Viele Ortsmitten besitzen ausstattungsbezogen keinen innenstadttypischen Besatz und sind doch zentrale Versorgungskerne. Weiterhin weisen zahlreiche metropolitane Stadtteilzentren Besatzstrukturen auf, die durchaus mit jenen mittel-, teils auch großstädtischer Kernlagen vergleichbar sind. Auch ist unstrittig, dass Großflächen auf der Grünen Wiese nicht nur auf Innenstädte, sondern auf sämtliche Glieder innerstädtischer Zentrenhierarchien zurückwirken können. Schwerer nachvollziehbar ist eine Ableitung, die sich daraus ergibt, dass hochrangige Zentren auch sämtliche Funktionen nachgeordneter Zentren zumindest ausschnitthaft erfüllen sollten. Demnach erweisen sich – wird der reinen Planungslehre gefolgt – auch Sortimente, die aus vielen Innenstädten weitgehend verdrängt wurden, als durchaus innenstadtrelevant. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass einige dieser Sortimente für eine ganze Reihe anderer Zentren bzw. Lagetypen bedeutsam sind. Mehr noch: Die Anwesenheit der meisten innenstadttypischen Branchen ist auch für gehobene Stadtteilzentren wichtig. Angesichts dieser Zusammenhänge überzeugt der Begriff »innenstadtrelevant« nur bedingt.

Zentrenrelevante Sortimente?

Vor dem skizzierten Hintergrund könnte man versucht sein, den Begriff »innenstadtrelevant« durch »zentrenrelevant« zu ersetzen. Dieser vordergründig logisch anmutende Schritt führt allerdings in ein Dilemma. – Weil grundsätzlich alle Sortimente bzw. Artikel- und Warengruppen auf die eine oder andere Weise zentrenrelevant sind, insofern sie zur Bildung und / oder Stabilisierung von Zentren beitragen. – Schließlich ist eine florierende Agglomeration von Baumärkten und Möbelhäusern ein Zentrum, eine funktionsfähige Innenstadt ist es. Als »zentrenrelevant« sind – strikt sprachlogisch ausgelegt – also all jene Sortimente zu bezeichnen, die irgendeine Art von Zentrum berühren. Sonderlich sinnvoll wirkt der Begriff somit keineswegs.

Alternativer Relevanzbegriff

Vorgestellte Relevanzbegriffe tragen allenfalls eingeschränkt in Bezug auf den Diskussionszusammenhang, in den sie gemeinhin gestellt werden. Das wirft die Frage auf, wie jene Sortimente, um die es im Grunde geht, sinnvoll bezeichnet werden können. Die diesbezügliche Schlüsselfrage lautet: Auf welche Art von Zentren wird abgehoben? An dieser Stelle kommt das Planungsziel der verbrauchernahen Versorgung ins Spiel. Deren zentrales Element sind gewachsene oder planmäßig entwickelte Versorgungskerne bzw. Lagen, die für eine Kundenmehrheit zu Fuß oder mittels öffentlicher Nahverkehrsmittel mit vertretbarem Aufwand erreichbar sind. Kurzum: angesprochen sind Nahbereichs-, Stadtteil- und Stadtzentren, also ausschließlich Glieder der innerörtlichen Zentrenhierarchie. Damit schärft sich der Blick.

Ein Begriff, der sich als Aufhänger für eine alternative Wortschöpfung geradezu aufdrängt, fiel bereits mehrfach: Kern. Das typische Merkmal eines Kerns ist, dass er umschlossen ist, dass er die Mitte eines »Systems« darstellt, das aus ihm selbst und ihn umgebendem, mehr oder weniger dichtem, unmittelbar mit ihm verbundenem Material besteht. Wenngleich Analogien ihre Tücken haben, lässt sich das Bild auf Nahversorgungs-, Stadtteil- und Stadtzentren übertragen. Diese stellen sich buchstäblich als Funktionskerne dar; sie sind eingebettet in vergleichsweise dichte bauliche Umfelder, zu denen ein unmittelbarer Bezug besteht. Solitäre Großbetriebe und großflächig geprägte Agglomerationen auf der Grünen Wiese fügen sich nicht in dieses Bild; sie sind gleichsam von einem Vakuum umgeben. Wird der vorgestellten Argumentation gefolgt, können Sortimente, die mit Blick auf die Stellung und Entwicklung integrierter Zentren als bedeutsam zu erachten sind, als »kern-« oder »funktionskernrelevant« bezeichnet werden. Gedanklich wird damit u. a. Definitionen das Wasser abgegraben, die lediglich solche Sortimente als innenstadtrelevant betrachten, die in den Hauptlagen noch vertreten sind.