Shopping Center – »Kernkritik«

Der verbreitete Reflex, mit dem Finger auf Shopping Center zu zeigen, wenn der Einzelhandel einer Innenstadt unter die Räder kommt, ist in vielerlei Hinsicht begründet, kann jedoch nicht über selbstschädigende Entwicklungen innerhalb der Kernlagen hinwegtäuschen. Das wird dieser gänzlich unakademisch, weil gefühlslogisch verfasste Artikel verdeutlichen.

Im Immobilien-Kosmos erschienen bereits mehrere Beiträge zum Thema »Shopping Center«. Gut schnitt diese von ihren Entwicklern als Stein der Weisen angepriesene Betriebsform nicht ab. Mehr noch: In vielerlei Hinsicht verdienen diese am Reißbrett entworfenen, schablonenhaft vervielfältigten Verkaufsmaschinen eine vernichtende Kritik. Dessen ungeachtet spiegeln sie die Lebensweise des »modernen« Menschen wider. In ihnen verkörpert sich – das scheint sich den meisten Besuchern zu entziehen – zugleich die konzerngeprägte Fremdbestimmtheit des allenthalben zum Verbraucher degradierten Bürgers.

Zum Gutteil sind es unsere Anspruchslosigkeit und Gleichgültigkeit, die zum Triumphzug dieser mehr oder minder geschickt anhand verhaltenspsychologischer Erkenntnisse entworfenen Gebilde führte. Spitzzüngig ausgedrückt: Shopping Center können in Masse einzig dort entstehen und bestehen, wo die Bevölkerung bereit ist, ererbte kulturelle Werte über den Haufen zu werfen – oder nie eine eigenständige, eine lebendige städtische Kultur entwickelte. Falls Sie in dieser Aussage einen Seitenhieb auf das US-amerikanische Zivilisationsmodell vermuten, treffen Sie ins Schwarze. Es verwundert nicht sonderlich, dass die Verbreitung des Shopping Centers in diesem seinen Dollar anbetenden, weithin von einer anti-städtischen Haltung kennzeichneten Land ihren Ausgang nahm.

Interessanterweise besitzt der vermutlich amerikanisierteste europäische Flächenstaat – Deutschland – gemessen an der Verkaufsfläche pro Einwohner eine relativ bescheidene Shopping-Center-Dichte. Österreich, um ein Beispiel zu nennen, erreicht in etwa den zweifachen Wert. Positiv gedeutet kann der mäßige Flächendurchsatz in Deutschland als Hinweis auf überdurchschnittlich gut funktionierende Handelsnetze gewachsener Art verstanden werden. In deren Werden und Bestehen drückt sich eine vielleicht unbewusste, doch ausgeprägte Wertschätzung der Stadt als solcher aus. Mit anderen Worten: Die lebendige Stadt stellt einen gewürdigten kulturellen Wert dar. Damit verbundene städtebauliche Leitbilder übersetzten sich in vergleichsweise restriktive Genehmigungspraktiken hinsichtlich großflächiger Einzelhandelsvorhaben, voran in Bezug auf Fachmarkt- und Einkaufszentren. Fatalerweise wurde die Wettbewerbsfähigkeit bzw. Stabilität gewachsener Innenstädte und herkömmlicher Stadtteilzentren jedoch überschätzt, teils auch vorsätzlich überzeichnet. Nun, da Bevölkerungswachstum und Kaufkraftzuwachs Flächenvermehrungen, die mit der Entwicklung von Reißbrettzentren (und einer Schwemme von Lebensmitteldiscountern usw.) einhergehen, schon lange nicht mehr ausgleichen, ist das klar. Die aberwitzig zu nennende Flächenausweitung übersetzte sich reihum in Auflösungs- und Verfallserscheinungen im Bereich zentraler Handelslagen. Selbst in Metropolen wie München stehen wir heute niedergegangenen Stadtteilzentren, verkümmerten Nahversorgungsbereichen und einem gleichsam kastrierten Einzelhandel in der Innenstadt gegenüber. Aber: Es wäre unlauter, diese unübersehbare Misere einzig und allein überhandnehmenden Großflächen anzulasten. Sicherlich traten Kannibalisierungseffekte ein, die in hohem Maße der Genehmigung von Vorhaben zuzuschreiben sind, die abseits des städtebaulichen Zusammenhangs entstanden – gleich ob im jeweiligen Stadtgebiet oder in Nachbarorten. Zugleich fielen viele gewachsene Großstadtlagen zum Gutteil ihrer eigenen Attraktivität zum Opfer. In kleineren Städten und zahllosen Gemeinden taten verfehlte, Großstädten nacheifernde Planungsansätze ein Übriges, um alte Kernlagen in eine kaum aufzuhaltende Abwärtsspirale zu treiben. – Ein nachdenklich stimmendes Beispiel fehlgeleiteter Entwicklungspolitik auf kleinstädtischer Ebene bietet etwa das steirische, im Grazer Umland gelegene Frohnleiten.

Doch kommen wir zu einem Kernpunkt dieses Textes: dem Erlebniswert geplanter Einkaufszentren. Der Weg zum Ziel führt über die erwähnte Attraktivität großstädtischer Kernlagen. Diese Stadtmittelpunkte besaßen vielfach eine herausragende versorgungstechnische Stellung; zudem spielten sie eine entscheidende Rolle als Orte der Begegnung, des sozialen Austausches, des neugiergetriebenen Bummelns. Sie bewiesen eine Zugkraft, die sie zum natürlichen Wunschstandort vieler Einzelhändler machte. Da sich Kernlagen gewöhnlich allenfalls begrenzt ausweiten lassen, kam es zu einem das Mietniveau hochtreibenden Wettbewerb um hier verfügbare Ladenflächen. Da manche Branchen höhere Mieten verkraften und / oder flächenbezogen genügsam sind, wurden weniger mietbelastbare wie auch viele auf größere Ladenflächen angewiesene Branchen schrittweise verdrängt. Hinzu kam, dass expandierende Konzernketten ansässigen Mittelständlern das Wasser abgruben oder ihnen eine Geschäftsaufgabe schmackhaft machten. Im Ergebnis verarmte der ehemals umfassende Branchenbesatz, die Anbieterzahl nahm ab. Das vorläufige Ende vom Lied: In vielen Innenstädten gibt es gegenwärtig wenig mehr zu erwerben als Bekleidung, Schuhe, Uhren und Schmuck. Damit nicht genug: In manchen Lauflagen unterhalten einzelne Filialisten mehrere Ladenlokale. Obendrein führen Kauf- und Warenhäuser teils dieselben Marken. Kurzum: Die frühere Vielfalt wich Eintönigkeit. Und das gilt keineswegs alleine in Bezug auf den Einzelhandel. Nein, auch Ladenhandwerk und Gastronomie gleichen sich zunehmend an, in jedem Winkel sprießen Schnellfutterkrippen und Aufbackläden. Dass Kinos ausgelagert wurden und werden oder schlicht vor die Hunde gehen, reißt eine weitere Lücke in den verengten Fächer vorzufindender Angebote. Auch die vollkommene, auf die Spitze getriebene Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes tut unseren Innenstädten alles andere als gut; die Geldabschöpfungsabsicht macht vor nichts Halt: In Münchens Fußgängerzone, beispielsweise, stehen häufig zahllose Stände, die durchgängig so ziemlich dasselbe Warenangebot feilbieten.

Sämtliche genannten Momente wirken in dieselbe Richtung: Sie mindern die Aufenthaltsqualität, den Erlebniswert, die Gesamtattraktivität der Innenstädte dramatisch herab. Zudem ging die einstige Individualität der Kernlagen weithin verloren: In unzähligen Städten finden sich mittlerweile dieselben Filialisten, viele verbreiteten sich in Groß- und Mittelstädten, nicht wenige zudem in Kleinstädten. – Und zugleich in Einkaufs- und / oder Fachmarktzentren. Angebotsbezogen entwickelten sich geplante und gewachsene Lagen somit in Richtung einer weitgehenden Deckungsgleichheit bzw. Austauschbarkeit. Shopping Center und Innenstadt ergänzen einander gewöhnlich also nicht bzw. kaum, sondern konkurrieren unmittelbar miteinander. Dabei besitzt das Shopping Center einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, nämlich sein straffes Management, das – zumindest in florierenden Zentren – eine gezielte Steuerung bzw. Entwicklung des Geschäftsbesatzes zulässt. In mancherlei Hinsicht schaffen Shopping Center diesbezüglich sogar einen Innenstädten überlegenen Nutzwert; so beinhalten die meisten Center Branchen bzw. Betriebe, die aus zahlreichen Kernlagen verdrängt wurden. Dies betrifft unter anderem großflächige Lebensmittelvollsortimenter. Daneben fällt es ungleich leichter, Kunden anlockende Veranstaltungen zu organisieren. Diese werden vielfach planmäßig genutzt, um das jeweilige Center als Erlebnisbühne zu positionieren. Oft übersehen werden weitere Pluspunkte, die von teils eingerichteten Kinderkrippen bis hin zu verfügbaren, obendrein gepflegten Toilettenanlagen reichen.

Auffallend ist, dass der oben beschriebene, oftmals schleichende Niedergang der meisten Kernlagen jeweiligen Stadtbewohnern und Umlandbesuchern mehrheitlich nicht bewusst zu sein scheint. Das gilt umso mehr in Bezug auf die Vereinheitlichung unserer Innenstädte. Deren flächendeckende Monotonisierung erschließt sich im Grunde nur Menschen, die eine ganze Reihe Städte kennen und wahrnehmungsbezogen sensibilisiert sind. An diesem Punkt kommt erneut das Shopping Center ins Spiel, ein »ausgewachsener« Vertreter, um genau zu sein: Eine Bevölkerungsmehrheit kennt ... eine, zwei, drei dieser Retortengeburten? Hinter dieser Scheinfrage verbirgt sich eine Tatsache, die im Vorkapitel bereits anklang: Die meisten Bürger vergleichen nicht verschiedene Center miteinander, sondern, sofern sie dorthin gelangen können, einzelne Einkaufszentren mit der Innenstadt, einem Stadtteil- oder auch Nahbereichszentrum. Dieser hochgradig wettbewerbsrelevante Vergleich führt immer häufiger zu einem für gewachsene Lagen unvorteilhaften Ergebnis. – Und das angesichts einer rasant fortgeschrittenen Verbreitung des Shopping Centers. Die entstandene Konstellation zieht eine Reihe Konsequenzen nach sich, die tendenziell auf eine weitere Schwächung der Kernlagen hinwirken. Einmal bedeutet die Standortverdichtung im Center-Bereich, dass diese Betriebsform gleichsam an den Kunden heranrückt(e), wachsende Bevölkerungsanteile also ein Center in der Nähe wissen. Zweitens verschärft(e) sich der Wettbewerb dieser Kunstgebilde untereinander. Das wiederum bedeutet, dass die Center nach Kräften aufrüsten (müssen), wobei zahlreiche Einheiten ihre Rolle als inszenierte Erlebniswelten ausbauen (werden). Der fortwährend gewachsene Druck auf die Innenstädte verringert sich somit sicherlich nicht. Hier aktive Handelsbetriebe definierten 1a-Lagen seit Jahren deutlich enger als früher, Nebenlagen brachen und brechen weg, die Angebotspalette schmolz und schmilzt zusammen.

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte wirkt geradezu grotesk: Einerseits bilden Shopping Center funktionierende Innenstädte nach, anderseits erscheinen viele heutige Stadtzentren wie schlechte Shopping-Center-Imitate. Neben oben skizzierten Entwicklungsmechanismen tragen daran wirklichkeitsverweigernde Stadtplanungskonzepte gehörig Mitschuld. Der grundsätzliche Fehler lag selbstredend darin, ein ausuferndes Handelsflächenwachstum zugelassen zu haben und dem versorgungstechnischen Overkill noch immer keinen Riegel vorzuschieben. Die Liste von Versäumnissen, Fehlern und Missverständnissen ist lang. So tragen übertriebene Verkehrsberuhigungsmaßnahmen, maßlos überhöhte Parkgebühren, bis zur Absurdität verkürzte Parkzeiten und bereits bei geringfügiger Zeitüberschreitung inmitten freier Stellplätze eingetriebene Verwarnungsgelder erheblich dazu bei, Besuche mancher Stadt- und Stadteilzentren in eine nachwirkende Negativerfahrung zu verwandeln. Da normale Menschen positive Erlebnisse suchen, negative hingegen nach Kräften vermeiden, orientieren sich die, die das können, zunehmend um; sie steuern gut erreichbare Einkaufszentren an. – Vorneweg gut gestimmt, weil dort kein Zeitdruck besteht und ersparte Parkgebühren einen kleineren Einkauf zulassen. So ist das. Das bedeutet zugleich, dass der Erlebniswert der Shopping Center steigt. Und zwar mittelbar! Sofern diese groß und reichhaltig besetzt sind. Dann nämlich nehmen Kunden selbst mit Hürden gespickte Wege – drei, vier, fünf Rolltreppen beispielsweise – und mehrere Hundert Meter Wegstrecke zwischen Stellpaltz und Mall in Kauf. Hier ist die Rede von Verhältnissen, die in Bezug auf jede Innenstadt als unannehmbar gelten. Und das auch sind! Die weithin ausstrahlenden Stadtzentren deutscher Prägung entstanden, weil sie bestens erreichbar waren (die Massenmotorisierung wirft diesbezüglich zweifellos Probleme auf, denen mit Aussperrungsstrategien allerdings nicht zu begegnen ist).

Trotz aller kommunal- und regionalplanerischen Fehler beruht der Erfolg des Shopping Centers zuvorderst auf der kundenseitigen Bereitschaft, ausschließlich dem Kommerz gewidmete Kunst- und Glitzerwelten anzunehmen. Das erscheint nicht nur verständlich, sondern folgerichtig, insofern wir die totale, letztlich asoziale Kommerzialisierung unserer Innenstädte widerspruchslos hinnahmen und zugleich den Händler ums Eck sterben ließen. Der Preis unserer gleichgültigen Nachlässigkeit ist hoch: Mit der Verbreitung standardisierter Konzernkonzepte verliert sich unsere ererbte Identität, ein Teil unserer Kultur, aber auch unsere Individualität. Aber: Wenngleich das Shopping Center als Sinnbild eines konsumorientierten Vermassungstrends aufgefasst werden kann, löste es diesen keineswegs aus. Vielmehr griff es wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen auf, verstärkte diese hier und da, schuf teils neue Realitäten.