Röthelstein – Geheimprojekt »RUM7«

Folgende Enthüllungen sind einem Eingeweihten zu verdanken, der aus dem Nähkästchen plauderte und dem Verfasser dieses Artikels streng gehütete Dokumente überließ. Was in Zusammenhang mit dem Geheimprojekt »Röthelstein Ultra-Mall7« – fortan »RUM7« – erstaunt, sind drei Punkte: 1. Wie das Vorhaben ablief bzw. abläuft, 2. Dass es sämtliche planungs- und genehmigungsrechtlichen Hürden nahm, 3. Dass es geheim blieb. – Trotz Hunderter Beteiligter, obwohl es sich um die größte Projektentwicklung der europäischen Neuzeit handelt.

Hintergrundinformationen

Das österreichische Röthelstein liegt 40 km nördlich der steirischen Landeshauptstadt, Graz, und 16 km südlich der Bezirkshauptstadt Bruck an der Mur. Die Ortschaft zählt rund 220 Einwohner. Den Beschluss einer Eingemeindung in die 10 km südlich gelegene, hochgradig verschuldete Kleinstadt Frohnleiten focht die durch einen Haushaltsüberschuss glänzende Gemeinde nie an. Offenbar verzichtete sie auf Gegenmaßnahmen, da ihren Verantwortlichen bewusst war, dass die Verwirklichung der RUM7 diesen verwaltungstechnischen Akt zur Makulatur machen würde. Denn: Sheik Abdullah Kadira Maktukh Ibn Hassan Kadira Maktukh verfolgte außergewöhnliche Pläne. Damit genug der Vorrede. Gehen wir in medias res!

Projektchronologie

Röthelstein, 01. April, 11:20 Uhr

Auf einer Fahrt von Wien, die über Graz nach Maribor [deutsch: Marburg (an der Drau)] führen sollte, verspürte Sheik Abdullah Kadira Maktukh Appetit. Kurz entschlossen steuerte er seinen Lamborghini die S35-Abfahrt Röthelstein hinab, um sich einen Imbiss einzuverleiben. Seinerzeit bestand am Ort ein winziges Nahversorgungsgeschäft, das die Aufmerksamkeit des in London aufgewachsenen Wüstensohns auf sich zog. Hier erfuhr er, dass der Ladeninhaber sein Geschäft – zugleich die einzige örtliche Versorgungseinrichtung – zu schließen beabsichtigte, da er sich außerstande sah, die mit hohen Kosten verbundenen Auflagen der Gewerbeaufsichtsbehörde zu erfüllen. Deren Vorgehen empfand Sheik Abdullah als befremdlich, da sich die Politik den Erhalt der Nahversorgung auf die Fahne schrieb, ihr verlängerter Arm dieses hehre Ziel jedoch mit bürokratischer Halsstarrigkeit unterlief. Dem milliardenschweren Araber leuchtete wahrlich nicht ein, welche Gefahr für Leib und Leben von Holzregalen ausgehen sollte, deren Gebrauch sich über ein halbes Jahrhundert bewährt hatte. Kurz entschlossen griff Sheik Abdullah zum Handy und führte eine Reihe Gespräche in gehobenem Wienerisch, das unter Steirern keineswegs Entzücken hervorruft. Dass der Ladenbesitzer Freude erkennen ließ, lag also nicht an Sheik Abdullahs bemerkenswerten sprachlichen Fähigkeiten, sondern daran, dass die Gesprächsinhalte seine Vergeltungsgelüste befriedigten.

Wien, 01. April, 12:50 Uhr

Hofrat Karl Katzbuckel begab sich zum kostspielig modernisierten Büro seines vorgesetzten Ministers; er trat ein, ohne anzuklopfen, weckte den ehemaligen Vorstand einer für Bilanzfälschungen bekannten Landesbank und wies nachdrücklich auf das unablässig läutende Telefon. Zehn Minuten später befand sich Minister Bertram Bettrueger zu einer von Kanzler und Vizekanzler anberaumten Eilsitzung.

Wien, 01. April, 13:26 Uhr

Die Regierungssitzung verlief höchst motiviert und ausnahmsweise zielorientiert. Dieser ungewöhnliche Schwung beruhte mutmaßlich auf zugesagten personenbezogenen Finanzzuwendungen sowie in Aussicht gestellten Parteispenden. Der allgemeine Wille, zupackend zu handeln, stand jedenfalls in ausgeprägtem Gegensatz zur gewohnheitsmäßigen Tatenlosigkeit der Regierung, die sich mustergültig an der Causa der Hypo Kärnten ablesen ließ, deren Debakel die gesamte Alpenrepublik handfest schädigte. Diesmal fasste die gerüchtehalber zuvorderst um Posten und Pöstchen schachernde, weniger an Sachfragen interessierte Crème österreichischer Politgrößen einen bis dahin einzigartigen Beschluss. Nach Beendigung der vierzigminütigen Sitzung begannen die Telefonleitungen zu glühen.

Röthelstein, 01. April, 15:01 Uhr

Sheik Abdullah lehnte sich zufrieden am Wirtshaustisch zurück. Neben Weltoffenheit und Entschlossenheit ließen die versammelten Röthelsteiner unerwartete Fähigkeiten und Aktivitäten erkennen: Die Köpfe der Freiwilligen Feuerwehr bewiesen hervorragende Organisationstalente, der Gemeinderat pflegte ein Archiv Bezirkspolitiker belastender Dokumente, der Pfarrer gab sich als Vermarktungsgenie zu erkennen, zwei Anwesende (offenbar ein Paar) entpuppten sich – welch wunderbare Fügung – als bestens verdrahtete Fachleute in Bezug auf das, was Sheik Abdullah vorschwebte. Der Schlachtplan nahm rasch Gestalt an, zwei Stunden später war Röthelstein gewonnen und stand wie eine Wand. Derweil verhandelten bereits erste Bevollmächtigte Sheik Abdullahs im näheren Umland, voran in Mixnitz und Laufnitzdorf, einem nördlichen Ortsteil Frohnleitens. Da die Regierung seinen lediglich grob umrissenen Plänen grünes Licht erteilt hatten, ging er unbesorgt in die Vollen.

Graz, 11. April, 16:30 Uhr

Sheik Abdullahs aus geborenen und naturalisierten Röthelsteinern zusammengestellter »Frontstab« meldete Erfolg auf Erfolg. Seit Tagen gingen Grundstückstransaktionen landesweit nie gekannten Umfangs über die Bühne, erste Expertisen zur RUM7 lagen vor. Das in Bezug auf Handelsplanungen und Projektentwicklungen erfahrene Paar hatte verschiedene Gutachter ausgewählt und genauestens instruiert. Die beiden verstanden ihr Geschäft tatsächlich aus dem Effeff; das erfasste Sheik Abdullah, während er sich eine argumentatorisch von vorne bis hinten vorgegebene Studie über mögliche Auswirkungen seines Vorhabens zu Gemüte führte. Das Papier stellte der RUM7 die benötigte Unbedenklichkeitsbescheinigung aus. Mehr noch: Die Verfasser sprachen sich nachdrücklich für eine zügige Projektumsetzung aus, wenn auch für die Errichtung einer gegenüber ihnen vorgelegten Rahmendaten abgespeckten Variante. Auch dies hatte das projekterfahrene Paar veranlasst: Der im Rekordtempo erarbeitete, auf dem »kurzen Dienstweg« eingereichte Bauantrag bezog sich auf ein 1.500.000 qm Verkaufsfläche umfassendes Einkaufszentrum, die tatsächlich angestrebte Zielgröße lag bei 800.000 qm, die Gutachter bezeichneten 1.227.500 qm als zweifelsfrei unbedenkliche Größe. Ihnen diktierte Argumente bestachen durch eine unwiderlegbar anmutende Logik. Einige Feststellungen empfand Sheik Abdullah als geradezu genial. Etwa die in Bezug auf eine mögliche Schädigung der Grazer Innenstadt.

Gutachterliche Befunde

a) Einzelhandel und Städtebau

Laut Gutachten wird der in der Grazer Innenstadt ansässige Einzelhandel selbst bei Realisierung von 1,5 Mio. qm Verkaufsfläche keinesfalls beeinträchtigt werden (können), weil a) die bereits zahlreich entstandenen Einkaufs- und Fachmarktzentren mutmaßliche Auswirkungen längst nach sich gezogen haben müssten, und sich b) die Umsätze der RUM7 zu 89 Prozent (oder mehr) aus dem Ausland, nämlich Gesamteuropa einschließlich der ehemaligen Ostblockstaaten, Nord-, Zentral- und Südamerika, dem Nahen, Mittleren und Fernen Osten, dem Großraum Australien-Ozeanien und – nicht zu vergessen – den afrikanischen Staaten speisen werden. Übergangslos entkräfteten die Gutachter einen weiteren denkbaren Einwurf:

Absehbare Umsatzeinbußen städtebaulich unintegrierter Einkaufs- und Fachmarktzentren sowie anderweitiger großflächiger Einzelhandelseinheiten auf dem Gebiet der Statutarstadt Graz können angesichts eben dieser städtebaulichen Nicht-Integration unmöglich negativ auf den städtebaulichen Gesamtzusammenhang zurückwirken. Diesen Satz empfand Sheik Abdullah als bestechend logisch, mithin als unwiderlegbar. Unanfechtbar wirkten auch die folgenden Argumente:

1) In Bruck an der Mur reihenweise eingetretene Geschäftsschließungen und die sich fortsetzende Ausdünnung des innerstädtischen Einzelhandelsbesatzes werden zu erheblichen Versorgungslücken führen bzw. die Versorgung auf die recht austauschbaren Angebote weniger filialisierter Branchenunternehmen auf der »Grünen Wiese« reduzieren. Die Realisierung der RUM7 wird dem vorbeugen; sie wird umfassende, zugleich hochklassige Versorgungsmöglichkeiten im Quasi-Nahbereich (!) eröffnen. Und das über sämtliche Bedarfsstufen hinweg.

2) Da Frohnleitens Kernlage insbesondere infolge verfehlter Verkehrsberuhigungsmaßnahmen von einem fortgeschrittenen Verfall der Handelsfunktion gekennzeichnet ist, und die örtliche Politik dem Drama augenscheinlich fahrlässig untätig zusieht, greift sinngemäß dieselbe Argumentation wie in Bezug auf Bruck.

3) Die Errichtung der RUM7 wird einen dringend erforderlichen Ersatz für Röthelsteins behördlicherseits ruinierte Nahversorgung schaffen. Damit folgt es einer offiziellen Entwicklungsmaxime [die im österreichischen Planungsalltag mit Deutschen nachgesagter Gründlichkeit ad absurdum geführt wird]. Sheik Abdullah setzte Lob ausdrückende Häkchen hinter diese erhellenden Absätze und widmete sich dem anschließenden Kapitel. Hier stand Folgendes zu lesen:

Die aus gutachterlicher Sicht als unbedenklich realisierungsfähig einzustufenden 1,2275 Mio. qm Verkaufsfläche der RUM7 entsprechen lediglich einem angenäherten Dreizehntel der österreichweit vorhandenen, von Jahr zu Jahr zunehmenden Verkaufsfläche. Dieser bescheidene Flächenanteil entzieht der Annahme einer Beeinträchtigung des gesamtstaatlichen Handelsgefüges durch die RUM7 jede Berechtigung. Zudem erfordert Österreichs jährlicher Saldo aus Zu- und Abwanderern erhebliche Zuwächse an Einzelhandelsflächen. Unter Ansatz der durchschnittlichen Verkaufsfläche pro Kopf (1,75 qm) und angesichts von jährlich 70.000 zusätzlichen Permanenteinwohnern beziffert sich der Ausgleichsbedarf auf 122.500 qm pro Jahr. Kurzum: Innerhalb von kaum einem Jahrzehnt wird der von der RUM7 ausgehende Flächenzuwachs aufgezehrt sein. Dies trifft jedoch ausschließlich bei einer sachwidrigen Berechnung auf Grundlage genannter Zahlen zu. Tatsächlich tritt dieses Ereignis sehr viel früher ein, da ein weit überwiegender Kundenanteil der RUM7 aus dem Ausland stammen wird [vgl. hierzu die Kundenstromprojektionsszenarien in einschlägigen Kapiteln dieser Analyse]. Sheik Abdullah schmunzelte, weil die Gutachter geschickt auf Reflexe abzielten, die sich mit menschlichen Urängsten verbanden: Mangel und Notstand! Furchtbar! Dieses springteufelhaft auftauchende Schreckgespenst schrie regelrecht nach vorbeugenden Maßnahmen, also nach dem Bau des geplanten Konsumtempels. Diesem Kunstkniff folgte eine Passage, deren Einleitung wie ein Eigentor wirkte, doch in eine zweckdienliche Schlussfolgerung mündete:

Nun ist klar, dass die im österreichischen Durchschnitt pro Kopf verfügbare Verkaufsfläche über jedes vernünftige Maß hinaus ausgeweitet wurde. Dieser sinnwidrige Flächenzuwachs ist einer Schwemme neu errichteter Lebensmittel-Discountmärkte, entsprechenden Super- und Verbrauchermärkten sowie – vor allem – allerorten vor den Stadt- und Gemeindetoren gewucherten Fachmarktagglomerationen zuzuschreiben. Demgegenüber entsteht die RUM7 im Kern des Gemeindegebiets, also vorbildhaft in dessen Mitte. Mit anderen Worten: Hier wird das alles überragende [in Österreich systematisch missachtete] Leitbild der Stadt- und Landesplanung in Reinform verwirklicht. In diesem Zusammenhang zu berücksichtigen ist ein mittelbar von der RUM7 ausgehender Effekt: In regionalem, teils überregionalem Maßstab dämmt sie den gewachsene Einzelhandelslagen schädigenden Wildwuchs im städtebaulichen Niemandsland genehmigter Verkaufsmaschinen ein. Denn: Sie bindet hinreichend Kaufkraft, um den Bau neuer, rücksichtslos auf die Erzielung höchstmöglicher Konzern- bzw. Investorenrenditen abhebender Einkaufs- und Fachmarktzentren uninteressant erscheinen zu lassen.