Immobilienresearch

4 Research-Ebenen

Hinsichtlich des Tätigkeitsprofils lassen sich vereinfachend drei Ebenen des Research bzw. drei Typen von Researchern unterscheiden. Nachfolgend gewählte Bezeichnungen sind wertfrei zu verstehen. Der "Datensammler" beschränkt sich auf die Datenbeschaffung. Der "Aufbreiter" beschafft entscheidungsrelevante Daten und Fakten, verarbeitet sie und macht sie präsentationsfähig verfügbar. Der "Berater" beschafft, verarbeitet, analysiert Daten, entwickelt Strategien, Bewertungs- und Ratingsysteme (mit) und wird vielfach unmittelbar in Transaktionsverhandlungen eingebunden.

5 Berufserfordernisse

Die Kapitelüberschrift deutet an, was Immobilienresearch nicht ist und - ernsthaft betrieben - nicht sein kann: Ein Job.

Zum hochkarätigen Immobilienresearcher wird niemand auf der Schulbank. Damit ist keineswegs gesagt, dass entsprechende Ausbildungsgänge sinnlos wären. Im Gegenteil. Dass meines Wissens - zumindest in Deutschland - keine qualifizierten Studienangebote bestehen, erscheint angesichts der hochgradigen volkswirtschaftlichen Bedeutung der Branche als geradenach sträfliches Versäumnis. Andererseits verbindet sich diese Lücke mit einer beruflichen Selektion darwinscher Dimension. Kein Researcher kann sich auf einen zertifizierten Befähigungsnachweis berufen. Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung nahe, dass "berufene" Researcher unausweichlich eine wesentlich stärker von Selbstmotivation und Eigenleistung geprägte Evolution durchlaufen als etwas in verschulten Systemen ausgebildete Immobilienökonomen.

Idealtypische Immobilienresearcher prägen - wie Forscher anderer Bereiche - einige charakterliche Eigenschaften: Sie sind überdurchschnittlich und fachübergreifend neugierig bzw. wissbegierig, geistig beweglich und zugleich gewohnt, systematisch zu arbeiten. Analytische Fähigkeiten alleine genügen gehobenen beruflichen Anforderungen nicht. Als unerlässlich erweisen sich sprachliches Ausdrucksvermögen und Mehrsprachigkeit. Weshalb? - Nun, weil Immobilienresearcher gleichsam Transmissionsriemen darstellen. Sie müssen fähig sein, gewonnene Ergebnisse zielgruppengerecht zu "übersetzen", sie zu vermitteln. Bereits die Beschaffung grundlegender Daten setzt vielfach sprachliche Gewandtheit voraus: Es gilt, sich verständlich zu machen, die richtigen Fragen richtig zu stellen, die psychologische Karte zu spielen.

6 Deutschlands Researchszene

Das Research der deutschen Immobilienwirtschaft lässt eine vordergründig verblüffende Dominanz einer Ausbildungsrichtung erkennen: Der Geographie. Rund zwei Drittel aller entsprechenden Positionen halten Absolventen dieser Geowissenschaft inne. Sicherlich erstaunt diese Häufung dem Maße nach, m. E. jedoch nicht hinsichtlich des fachlichen Hintergrundes. Die Geographie lässt sich berechtigt als Mutter aller Wissenschaften begreifen. Sie entstand gleichsam von selbst als die ersten Menschen auftraten, als sie begannen, sich im Raum zu organisieren. [4] Die optimale Organisation im Raum und von Räumen gründet auf vielfältigen Faktoren. Die einzige, diese verschränkten Wirkungskreise in ihrer Bedeutung für den Menschen umfassend abbildende Wissenschaft ist eben die Geographie. Geographen dürfte sich der unmittelbare Bezug zum Immobilienresearch von selbst erschließen. - Der anderweitig ausgebildeten Lesermehrheit vermutlich erst dann, wählt sie eine Perspektive, die Immobilien als Schnittstellen menschlicher Bewegung und Organisation in unterschiedlich geprägten Räumen definiert. Dieser rückkoppelnde Bezug unterlegt die geographische Dominanz im Immobilienresearch. - Eine Dominanz, die weniger eindeutig ausfällt, als ein Blick auf die ursprüngliche Ausbildung nahelegt. Denn: Zusätzliche Ausbildungen sind nicht nur weit verbreitet, sondern werden mehr und mehr die Regel. Absehbar ist, dass ein zunehmend nach interdisziplinären Ansätzen verlangendes Immobilienmarktgeschehen selbst Berufsgruppen in den Researchbereich führt, die bislang kaum präsent waren. Dies gilt beispielsweise für Mathematiker.

7 Schlussbemerkung

Immobilienresearch stellt einen faszinierenden, zahllose Facetten umfassenden Forschungsbereich dar. Wer sich diesem Tätigkeitsfeld verschreibt und darin bestehen will, kann sicher sein, lebenslang lernen zu müssen. Wer gerne Neues erfährt, gerne lernt und seinen Horizont zu erweitern gedenkt, findet in diesem Gebiet buchstäblich unbegrenzte Möglichkeiten.

Fußnote

[4] An sich reichen ihre Wurzeln weiter zurück, insofern sich zahlreiche Tierarten orientierend verständigen.