6 Räume passiver Abwertung
Zu diesem Typ gehören Räume ausdünnender Infrastrukturen, fallenden Sozialstatus', rückläufiger Immobilienpreise usw. Hier fährt ein wachsender Kreis von Hauseigentümern Erhaltungsaufwendungen zurück, unterlässt Folgeinvestitionen.
6.1 Entwicklungsmuster
In Räumen passiver Abwertung läuft - unschwer nachvollziehbar - das Kontrastprogramm zu ihren in passiver Aufwertung befindlichen Gegenstücken. Bezogen auf Wohngebiete heißt das, mittlere und / oder gehobene Einkommensschichten wandern ab, sozial schwächere rücken nach. In gewerblich geprägten Räumen ziehen sich höherrangige Nutzungen zurück, weichen Not- und Ersatznutzungen, Leerstände tun sich auf und nehmen zu. Im Extrem verwahrlosen jeweilige Viertel.
Derartige Entwicklungen griffen in nahezu jeder größeren, von Ein- und Zuwanderern gefluteten US-Stadt. Ungezählte Stadtkerne durchliefen Abwertungen. Sie waren und sind bevorzugte Anlaufstellen ethnisch vielfältiger, mehrheitlich nicht mit Wohlstand beglückter Zuwanderer. Deren Zuzug bewegt bessergestellte Bevölkerungskreise zur Abwanderung, Schwarze, Hispanier und Asiaten veranlassen Weiße zur Umsiedlung. Ethisch geprägte Quartiere ziehen Menschen entsprechender Herkunft an. Die Viertel dehnen sich aus, die Schraube dreht sich weiter; es entstanden teils riesenhafte Ghettos.
Passive Abwertungen kennzeichnen auch ältere Suburbs der USA. Diese stellen sich als bloße Schlafstädte dar, als Gebilde ohne nennenswerte Infrastrukturen, ohne Arbeitsstätten. Da sie überwiegend als Eingenerationensiedlungen entstanden, prägt manch ältere Vorstadt ein fortgeschrittener Reifegrad der Einwohnerschaft (Stichwort "greying of the suburbs"). Fehlende Annehmlichkeiten bzw. infrastrukturelle Mängel münzen sich in eine geringe Anziehungskraft auf Zuzügler um. Es kommt zu Bevölkerungseinbußen. Vielfach rücken einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen nach; das soziale Milieu verflacht. Aus ähnlich gelagerten Gründen geraten europaweit auch infrastrukturell gut ausgestattete Nachbarschaften in einen Abwärtstrend. Paradebeispiele bieten wiederum gering verdichtete, aus freistehenden Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäusern gefügte Eingenerationensiedlungen. Sie wurden vielfach aus einem Guss entwickelt, von Familien weitgehend gleicher Alterszusammensetzung bevölkert. So reifen sie in sich, der Nachwuchs wird flügge, die Einwohnerzahl sinkt binnen kurzer Zeit drastisch. Folge: Einst tragfähige Handels-, Dienstleistungs- und Gastronomiebetriebe brechen weg, die Lebensqualität sinkt.
Hierzulande besonders augenfällig werden passive Abwertungen in Handelslagen. Wie im vorigen Absatz angeklungen, verfallen Nahbereichs- und Stadtteilzentren angesichts schwindender Bevölkerungszahl im Einzugsgebiet. Sie siechen auch infolge des Aufkommens bzw. zunehmender Verbreitung übermächtiger, für sich genommen oder in der Summe weit flächenmächtigerer Verkaufseinrichtungen, die übermäßig Kaufkraft aus ihrem angestammten Einzugsbereich absaugen. Der Raumkategorie sind zudem - mitbedingt durch hohen Flächendruck bzw. anhaltendes Flächenwachstum im Einzelhandelsektor - vermehrt Innenstadtrandlagen zuzuordnen. So mutieren einstige 2a- zu 2b-Lagen, ja steigen vielfach weiter ab. Selbst manche ehemals solide 1b-Lage gibt - zumindest hinsichtlich ihres Mietniveaus - nach. Ursächlich zeichnet u. a., dass Filialisten Spitzenlagen enger fassen. Galten ihnen noch 1995 Lagen mit 60 - 70 % des frequenzstärksten Punktes als top, so hievten sie Messlatte zwischenzeitlich auf 75 - 85 %.