Potentialräume: 5 Typen

5 Räume aktiver Abwertung

Zu diesem Typus zählen Räume, deren Abstieg durch einen von Immobilieneigentümern vorsätzlich geförderten Substanzverfall ausgelöst bzw. beschleunigt wird. Auch Siedlungen, in denen eine drastische Überbelegung verfügbaren Wohnraumes bei gleichzeitig unterlassener Instandhaltung gängig ist, können in diese Kategorie fallen; die Grenzen zwischen aktiver und passiver Abwertung sind in solchen Fällen bisweilen nicht eindeutig zu ziehen. Als dritte Spielart gezielter Entwertung kann ein bewusst eingeläuteter Imageverfall durch Vermietungen an weithin unbeliebte gesellschaftliche Randgruppen betrachtet werden.

Deutschen erscheinen zumindest Handlungsweisen 1 und 3 widersinnig. Eine vom Verfasser durchgeführte Umfrage ergab, dass 95 % angesprochener Immobilienwirtschaftler die Vorstellung, ein Quartier absichtlich zu ruinieren, für befremdlich hielten. Dessen ungeachtet liefen und laufen derartige "Unternehmen" mehr oder minder offensichtlich vielerorts ab.

5.1 Triebfedern

Vielfach entspringen aktive Abwertungen hochfliegenden spekulativen Erwartungen. Diese können einem wahrnehmbaren Wachstum von Geschäftskernen bzw. Innenstädten entspringen. In Richtung der City-Stoßfront entsteht ein Spekulationsvorfeld. Oftmals sind entsprechende Prozesse mehr oder minder planungsinduziert, also nicht von einer handfest wahrnehmbaren Ausdehnung des Geschäftskernes, sondern planerischen Wunschvorstellungen getragen. Ein Beispiel bot Dublin während der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Stadt wies ihr zentrales Büro- und Geschäftsviertel - gemessen an absehbaren Entwicklungsmöglichkeiten - überdimensioniert aus. In Erwartung baldigen Einbezugs in diese dicht bebaubare, von hohen Gewerbemieten geprägte Zone ergriffen zahlreiche Eigentümer citynaher Wohngebäude verfallsbeschleunigende Maßnahmen. - Um jeweilige Mieter zu vertreiben, ihre Gebäude durch gewerbliche Neubauten ersetzen zu können bzw. drohende, alternative Nutzungen ausschließende Denkmalschutzauflagen zu unterlaufen. So geschehen vor allem in Dublins georgianischen Vierteln.

Ein Beweggrund gezielter Abwertung liegt im Vertrauen auf ein einträgliches "Spiel" mit Unverträglichkeiten verschiedener Bevölkerungsschichten bzw. -klassen. Dem Verfasser gegenüber umschrieb ein Meister des Metiers den Prozess gleichermaßen schönfärbend wie zynisch als "two-phase social engineering". Das "Spiel" folgt einfachen Strickmustern. Man erwerbe eine Villa und fülle sie mit möglichst kulturfremden, am besten ungebärdigen bzw. kriminellen Zeitgenossen. Nach und nach verleidet die Situation einigen Nachbarn ihr Heim. Ein erster veräußert sein Haus. - Noch vergleichsweise hochpreisig an ... den zielstrebigen Spekulanten. Dieser hat nichts Eiligeres zu tun, als die Neuerwerbung im Stil der ersten zu belegen. Der gewünschte Effekt verstärkt sich. Weitere Eigentümer verkaufen. Die Preise umliegender Gebäude purzeln beschleunigt, fallen ins Bodenlose. Nachdem das Viertel gründlich in Verruf geriet, entmieten die Spekulanten die schnieken, wenn auch hier und da sanierungsbedürftigen Villen. Die ersten verkaufen sie, womöglich zum Schnäppchenpreis, an wohlhabende Interessenten. Jenen folgen weitere. Die Preise ziehen frühzeitig und mit jedem Verkauf stärker an. Versteht der Sepkulant sein "Handwerk", erzielt er erkleckliche Gewinne aus der Differenz zwischen Ein- und Verkaufspreisen.

Aus Eigentümersicht verlorene oder sich verlierende Zukunftsaussichten eines Raumes lassen ein hemmungsloses Abwirtschaften der Bausubstanz womöglich ertragsoptimal erscheinen. Jeweilige Immobilien werden nach Kräften mit einkommensschwachen bzw. mittellosen Obdachsuchenden vollgepfropft. Dies geschah beispielsweise im alten Dublin, dessen einst herrschaftliche georgianische Bauten massenhaft in immer kleinere Einheiten unterteilt und in zigfach überbelegte "Wohnställe" - die berüchtigten Tenements - umgewandelt wurden. Das geschilderte Vorgehen stellt eine gedämpfte Form aktiver Abwertung dar, insofern kein Hausbesitzer den Verfall mittels Hammer oder Stemmeisen vorantreibt. Gleichwohl äußert sich in dem substanzverschleißenden Vermietungsgebaren Abwertungsaktivität, werden zwingend zu beschleunigtem Verfall führende Maßnahmen ergriffen. Einschränkend festzustellen ist, dass erhaltungswillige Eigentümer nahezu unausweichlich von Nachbarn mitgerissen werden, die sich einer Abwirtschaftung verschrieben. Hier gibt sich eine Parallele zum oben beschriebenen Fall des Villenviertels zu erkennen: Eingesessene Mieter kehren dem Quartier den Rücken, als Nachfolger kommen einzig sozial schwächere Gruppen in Betracht.