Polen - Entwicklung multifunktionaler Zentren

1.3 Kleinteiliger Einzelhandel

Bis heute beherrscht, auch in den Großstädten, in Polen der kleinteilige Einzelhandel mit einem Umsatzanteil von zurzeit 64 % den Markt. Das ist verblüffend. In den Wohngebieten ist die Versorgung mit kleinen Geschäften (Verkaufsfläche selten mehr als 10 - 80 qm) über die ganze Breite des Einzelhandels immer noch hervorragend, obwohl die Zahl der Stadtrand-Hypermärkte wider alle ökonomische Vernunft weiter zunimmt. Der massive und aggressive Marktauftritt der westlichen Einzelhandelskonzerne hat es bis heute nicht vermocht, diese Vorherrschaft der Tante Emma-Läden zu brechen. Ganz im Gegenteil: Nach einer topaktuellen Studie von GfK Polonia (2003) steigt seit ca. 8 Jahren die Zahl der Tante-Emma-Läden wieder an. Während in anderen ost- und mitteleuropäischen Ländern die TOP 10 des Einzelhandels bereits einen durchschnittlichen Marktanteil von über 50 % erreichen, sind es in Polen nur 22 %. Die Gründe dafür liegen in der bis heute geringen (Auto-)Mobilität, dem überproportional hohen Anteil der auf dem Land lebenden Bevölkerung sowie in der starken Kundenbindung des kleinteiligen Einzelhandels. Es ist sicherlich auch eine Frage der Mentalität, ob die Polen eher Boutiquen-Käufer oder Hypermarktkäufer sind. Auch die Rabattschlachten der Hypermärkte locken jedenfalls in Polen bis heute die Mehrheit der Bevölkerung nicht in die künstlichen Einkaufswelten am Stadtrand.

Dabei ist der Standard der Warenpräsentation im polnischen Kleinhandel vorsintflutlich: Die Geschäfte sind wie im orientalischen Bazar meist bis unter die Decke geradezu chaotisch vollgestapelt, schlecht beleuchtet, oft kalt, zugig und feucht. Man findet sie in Holz- oder Blechbaracken. Hygiene, Kühlung - Fremdwörter. Das Sortiment ist lückenhaft, die Preisgestaltung oft abenteuerlich. Doch man kann handeln, einen Rabatt für größere Einkäufe herausschlagen oder Ware auch nach längerer Zeit noch ohne Probleme umtauschen.

Die Einkaufsphilosophie von Herrn und Frau Kowalski ist einfach: Ich liebe kleine Geschäfte, in denen ich neben dem Einkauf auch noch einen kleinen Schwatz halten kann. Am liebsten kaufe ich Kleidung in Boutiquen, Fleisch beim Metzger, Brot beim Bäcker, Fisch im Fischgeschäft, Kosmetika in der Drogerie, Obst und Gemüse beim Obsthändler usw. Am besten ist es, wenn sich alle diese Geschäfte, am besten von jeder Sorte auch mehrere, innerhalb von maximal 500 Metern um meinen Wohnblock herum befinden. Ich kann die Einkäufe kombinieren mit einem Arzt- oder Bibliotheksbesuch, dem Gang zur Post und zur Apotheke. Vom Ladeninhaber werde ich mit meinem Namen angesprochen und persönlich bedient. Gerne lasse ich mir auch etwas empfehlen oder auch ein Rezept mitgeben.