1.2 Nahversorgungszentren
Parallel mit der Entwicklung von Hypermärkten begannen westliche Einzelhandelsfilialisten meist auf eigene Faust und ohne gründliche Markt-, Wettbewerbs- und Standortanalysen unter 1:1-Übertragung westlicher Geschäftsmodelle mit der Entwicklung von Single-Standorten, ebenfalls meistens an der Peripherie der größeren und mittleren Städte. Beispiele hierfür sind Plus, Minimal, E. Leclerc und zuletzt Lidl. Ein großes Problem der Single-Standorte ist es, dass diese scheinbar nicht der Einkaufsmentalität der Polen entsprechen: Aufgrund der geringen Mobilität und der noch geringeren Bereitschaft, große Entfernungen zwischen verschiedenen Geschäften zurückzulegen um den Warenkorb vollständig zu füllen, ist die Wahl des Mikrostandortes meistens verfehlt.
Nach meinen Beobachtungen orientiert sich die Wahl des Mikrostandortes weniger an objektiven Standortfaktoren als vielmehr an persönlichen wirtschaftlichen Interessen kommunaler Würdenträger. Die in den letzten Monaten in Polen eröffneten Lidl-Filialen stehen jedenfalls weitgehend leer. So wird man bestraft, wenn man keine gründliche Standortanalyse vornimmt. Darüber hinaus ist das Warenangebot (noch) nicht im Entferntesten mit dem deutscher Lidl-Märkte vergleichbar. Solche Standorte werden nur durch ergänzende Folgeansiedlungen, zum Beispiel durch Lebensmittel-Vollsortimenter, stabilisiert werden können.
Positiv hervorheben kann man hier nur die Firma Jerónimo Martins (www.jeronimomartins.pt) aus Portugal, die die Einkaufsmentalität von Herrn und Frau Kowalski verstanden hat. Der polnische Soft-Discounter "Biedronka" (Maikäferchen) ist mit ca. 675 Geschäften (Stand 2004) in ganz Polen vertreten und erreicht nach eigenen Angaben 85 % der polnischen Bevölkerung - in den Wohngebieten, und zwar in der Regel in umgebauten alten Kaufhallen und leerstehenden Gewerbeobjekten. Die Umsatzrendite von Biedronka in Polen ist sensationell - wenngleich auch wohl auf dem Rücken der Mitarbeiter erwirtschaftet.