Immobilienrating - vom Holzweg zur Brücke

4.1.2 Dürftige Standortklassifikation

Angesichts dessen, dass Standorte Bühne und Schnittstelle menschlichen Tuns darstellen, wäre eine ausgefeilte Klassifikation zu erwarten. Diese gibt es nicht. Die Zunft bedient sich weniger, zudem unscharf gefasster Lageklassen. Von 1a-, 1b-, 2a-, 2b-Lagen ist die Rede. Die Reihe wirkt wohl sortiert, sagt jedoch wenig aus. "Doch", mag der Handelsmakler dagegenhalten "1a ist, wo höchste Passantenfrequenzen herrschen". - Er greift zu kurz. Warum sollten besucherstärkste Lagen die besten für Nobelboutiquen sein? Oder, um über den Tellerrand des Handelsfixierten hinauszublicken, für Büros? Und, weshalb verdienen Lauflagen von Kleinstädten das Prädikat 1a, während vierfach stärker besuchte City-Randlagen von Metropolen unter 2a rangieren? Die kurze Liste verdeutlicht dreierlei:

Als Grundlage einer Modellbildung taugt das Ordnungssystem nicht.

4.1.3 Nutzung, Konzept, Immobilie

Hohe Standortqualität alleine verbürgt keinen Projekterfolg. Es gilt, die beste Nutzung für einen Standort zu bestimmen. Diese wiederum muss richtig verpackt werden und in sich stimmig ausgelegt. Hierzu zwei Beispiele, wie es nicht sein soll:

Was zeigen die Fälle auf? Nun, ob Nutzungen tragen, hängt vom Standort ab, vom Nutzungskonzept, von baulichen Merkmalen. Jedes Objekt muss gleichsam in die Landschaft passen.

Die Beispiele deuten an, wie schwierig es ist, ein "falsches" Objekt in eines umzuwandeln, das dem Standort angemessen ist. Zu bedenken ist ein zweiter Gesichtspunkt: Ändern sich Lage- und Standortqualitäten, können sich Immobilien mittelbar in solch "falsche Teile" verwandeln. Die verbreitete Misere einst florierender Warenhäuser zeigt es.

4.1.4 Dürftige Objektklassifikation

In Deutschland verbreitete Objektklassifikationen überzeugen so wenig wie das Lage- bzw. Standortraster. Im Büro- und Wohnungsbereich werden Neu- und Altbauten gehobenen, mittleren und einfachen Standards unterschieden. In den USA bestehen die Kategorien A+, A-, B+, B- und C (jeweils auch bezogen auf die Lagequalität). Einkaufszentren sind durch Zusätze wie groß, mittel, klein, regional ausstrahlend, offen und geschlossen auch nicht sonderlich präzise eingeordnet. Und, entwicklungsbezogene Gesichtspunkte bleiben außen vor. Fazit: Handfestes Material für eine Modellbildung liefert die übliche Objektklassifikation nicht.