Vom Greißler und Tante Emma

Dieser schlaglichtartig verfasste Artikel befasst sich mit einer einst allgegenwärtigen Betriebsform, die (nicht nur) in Deutschland und Österreich weithin verschwand. Folgender Text verdeutlicht, weshalb das so kam und welche Folgen sich damit verbinden. Letztlich läuft der Artikel auf die Frage hinaus, ob diese Betriebsform eine Zukunft besitzt, ob sie aufleben kann.

Intro

Den ortsgebundenen Einzelhandel prägten die längste Zeit seiner Geschichte kleinteilige Geschäftsgefüge. Weltweit spielten Märkte die entscheidende Rolle für die Nahrungsmittelversorgung nicht landwirtschaftlich arbeitender Bevölkerungsgruppen, abgeschwächt auch der bäuerlichen Bevölkerung selbst. Im Laufe der Zeit entstanden flächendeckende Nahversorgungsnetze; diese beruhten zuvorderst auf kleinflächigen Geschäften, die innerhalb städtischer Wohngebiete und / oder in Dorfkernen lagen. In weiten Teilen Österreichs heißt solch ein Ladengeschäft »Greißlerei« bzw. »Greißler«, in Deutschland ist der Begriff »Tante-Emma-Laden« geläufig. In beiden Ländern dünnte das einst dichte, von diesen Geschäften gebildete Grundversorgungsgerüst zunächst schleichend, alsbald beschleunigt aus.

Betriebsformenprofil

In Österreich werden Nahversorgungsgeschäfte mit einer Fläche bis zu 250 qm der Betriebsform der Greißlerei zugeordnet, in Deutschland bilden rund 200 qm die Obergrenze für derartige Betriebe. Hier wie dort waren und sind die Verkaufsflächen in aller Regel jedoch kleiner; sie bewegen sich überwiegend zwischen 50 qm und 100 qm. Diese Geschäfte wurden und werden weit überwiegend vom Inhaber bzw. dessen Familie betrieben. Das Warenangebot umfasst vorwiegend Grundnahrungsmittel, darunter ein begrenztes Sortiment an Wurst-, Fleisch- und Backwaren sowie Obst und Gemüse. Lage- und größenbedingt besitzen diese Geschäfte ein kleines Einzugsgebiet. Die Tragfähigkeit der Betriebe hängt somit in besonderem Maße von der Bevölkerungsentwicklung innerhalb ihrer unmittelbaren bzw. fußläufig erreichbaren Umgebung ab. Ebenfalls auf Grund gegebener Standort- und Größenmerkmale besteht eine persönliche Beziehung zwischen Geschäftsinhaber und Kundschaft. Neben Versorgungsaufgaben erfüllen Greißler bzw. Tante-Emma-Läden eine nicht zu unterschätzende soziale Funktion: Sie dienen vielfach (auch) als Begegnungsorte.

Gründe des Verschwindens

Mit der Führung einer Greißlerei bzw. eines Tante-Emma-Ladens verbindet sich ein außerordentlich hoher Arbeitsaufwand; dies gilt verstärkt gemessen an heute üblichen Beschäftigungsverhältnissen. Gepaart mit einer weithin negativen Ertragsentwicklung dieser Geschäfte führt dies zu handfesten Nachfolgeproblemen. Kurzum: In sehr vielen Fällen schließen diese kleinen Nahversorger endgültig, wenn gegenwärtige Inhaber den Betrieb einstellen. Der eigentliche Grund für das zunehmende Verschwinden dieser Läden liegt allerdings nur teilweise an einem wenig verlockenden Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag. Vielmehr liegen die Ursachen darin, dass sich dieses Verhältnis an vielen Standorten soweit verschlechterte, dass kein wirtschaftlicher Betrieb mehr möglich ist. Und: Eine entsprechende Entwicklung droht an vielen der verbliebenen Standorte, da der Greißler und Tante Emma gleich in mehrfacher Hinsicht zwischen Hammer und Amboss gerieten und geraten.

Bevölkerungsentwicklung: Wie oben festgestellt, hängt die Wirtschaftlichkeit eines Nachbarschaftsladens entscheidend von der Bevölkerungsentwicklung im Nahbereich ab. Konkret: Sinkt die Einwohnerzahl im angestammten bzw. erschließbaren Einzugsgebiet, schmilzt zugleich die Umsatzbasis des betroffenen Betriebes ab; über kurz oder lang ist er nicht länger aufrechtzuerhalten. Tatsächlich stellten rückläufige Einwohnerzahlen einen wesentlichen Grund für zahlreiche Ladenschließungen dar. In Städten überalterten ganze Viertel, voran Eingenerationensiedlungen, während unzählige Landgemeinden ihren Nachwuchs an die Stadt verloren. Hier, im ländlichen Raum verbinden sich Abwanderung und ausbleibender Nachwuchs zu einem Doppelschlag: Erst lief hiesigen Nachbarschaftsläden ein beträchtlicher Anteil ihrer Kundschaft weg, nun stirbt die verbliebene Käuferschaft aus. Aber: Ähnliche Prozesse laufen mittlerweile auch in wirtschaftsschwachen Stadtgemeinden ab.

Mobilität: Die Trennung von Wohn- und Arbeitsort ist in hochgradig verstädterten Ländern heute die Regel, nicht die Ausnahme; beträchliche Bevölkerungsanteile pendeln ein und aus, bewegen sich tagtäglich von einem Stadtteil in einen anderen, vom Land in die Stadt, von einer Gemeinde in die andere. Eingekauft wird – vor allem von der gestiegenen Anzahl jüngerer Alleinstehender – gleichsam am Straßenrand bzw. im Umfeld des Beschäftigungs- und / oder Ausbildungsortes. Ein erheblicher Anteil dieser buchstäblich fahrenden Kaufkraftpotentiale geht dem Greißler und Tante Emma verloren.

Einzelhandelsentwicklung: Mit der Verbreitung des Pkw ging eine nicht nur in städtebaulicher Hinsicht folgenschwere Entwicklung im Einzelhandelsbereich einher: Der Handel besetzte Standorte an Ein- und Ausfallstraßen, am Stadtrand, auf der »Grünen Wiese«; Super- und Verbrauchermärkte, SB-Warenhäuser und Lebensmitteldiscounter verbreiteten sich. Deren jeweilige Betriebsflächen übertreffen jene der Nachbarschaftsläden um ein Vielfaches. Großflächige Grundversorger bieten jeweils für sich, verstärkt bei einer räumlichen Vergesellschaftung ungleich vielfältigere Angebote als Greißler und Tante Emmas. Die hohe Pkw-Dichte in Verbindung mit der massenhaften Verbreitung des Kühlschranks und haltbarer Fertiggerichte begünstigt Mengeneinkäufe, die wiederum zu gestreckten Einkaufsintervallen führen: Es wird seltener, dafür jedoch mehr auf einmal eingekauft. Hinzu kommt, dass Filialketten unter anderem infolge großer Annahmemengen günstigere Einstandspreise durchsetzen, ein Produkt also günstiger anbieten können als ein kleiner, inhabergeführter Nahversorger. Ein weiteres schwächendes Moment lag und liegt im ebenfalls durch den Wildwuchs im Großflächenbereich ausgelösten Zusammenbruch vieler gewachsener wie ehemals planmäßig entwickelter Nahbereichszentren: Jedes hier schließende Geschäft mindert die Standortattraktivität. Die Folge: Mehr und mehr Kunden bleiben aus, die Umsätze von Greißler und Tante Emma sinken, bald fallen sie ins Bodenlose.

Summenwirkung: Während der letzten Jahrzehnte veränderten sich die betrieblichen Rahmenbedingungen für den Greißler und Tante Emma dramatisch: Eine von Jahr zu Jahr wachsende Anzahl großer Betriebseinheiten, veränderte Einkaufsgewohnheiten und die insbesondere in vielen ländlichen Gegenden unvorteilhafte Bevölkerungsentwicklung verdammten die meisten dieser Nahversorger zu einem Nischendasein. Grob gesagt kauft eine Kundenmehrheit hier lediglich Waren, die sie anderswo einzukaufen vergaß. Es liegt auf der Hand, dass kaum ein Geschäft von diesen kümmerlichen »Restumsätzen« leben kann.

Die Zeche einer von Planungsbehörden so gut wie nirgends ernstlich gezügelten Flächenvermehrung zahlen nicht nur Greißler und Tante Emmas, sondern alle Bürger, die sich kein Auto leisten können, ja letztlich selbst jene, die einen Pkw besitzen. – Weil sie ihn benutzen müssen und die Versorgungswege in den meisten ländlichen Räumen mittelfristig deutlich wachsen werden. Supermärkte und Lebensmitteldiscounter wucherten nämlich zuhauf in Ortsgrößenklassen hinein, die von vornherein keine tragfähigen Grundlagen boten. Verbreitet zu beobachtende Bevölkerungseinbußen dieser Gemeinden bzw. Landstriche verbinden sich mit einschneidenden Umsatzminderungen, die Filialschließungen letztlich unabwendbar machen werden. Spitz ausgedrückt: Erst fraßen Ketten- bzw. Konzernbetriebe den Greißler und Tante Emma, nun fressen sie einander, ja nehmen sich angesichts einer überzogenen Netzverdichtung unternehmensintern die Butter vom Brot.

Ausblick

Der Schlusssatz des Vorkapitels mag zu einer Folgerung verleiten: Wenn es selbst die Großen erwischt, sind die Kleinen erledigt und rettungslos verloren. – Das muss so keineswegs kommen. Im Gegenteil. Richtig ist, dass nach wie vor weit mehr kleine Nahversorger schließen als eröffnen. Richtig ist aber auch, dass die Bevölkerung mancher Orte inzwischen begreift, wie wichtig ein Lädchen am Ort ist, dass es mehr als eine bloße Versorgungseinrichtung darstellt. Hier finden sich gleichermaßen einfallsreiche wie rührige Existenzgründer, dort gründen sich Vereine, die einen Dorfladen betreiben. Es gibt – gerade in Österreich – hoffnungsvoll stimmende Beispiele für Nachbarschaftsläden, die nicht nur dem Einkauf dienen, sondern auch als Treffpunkte verstanden werden. Für so gut wie alle Geschäftsgründer und Ladenübernehmer gilt zweifellos ein alter Spruch: Viel Arbeit, wenig Brot. Ein kräftiger Schuss Idealismus ist also notwendig. Ebenso bedarf es einer örtlichen Bevölkerung, die mitzieht, die einen Greißler, einen Tante-Emma-Laden ein Stück weit als Geschenk versteht, das es zu erhalten gilt.