Den "Städten in Entwicklungsländern" folgt hier ein zweiter, auf einem englischsprachigen Vorläufer gründender Artikel. Es handelt sich gleichwohl um einen hier und da vom Original losgelösten Kurzbeitrag.
1 Einführung
Der Indische Subkontinent blickt auf eine nach menschlichen Maßstäben uralte Stadtkultur zurück. Die ältesten bekannten Städte gehen auf die Induskultur zurück. Sie entstanden um 2600 v. u. Z. Diese frühe Ära stand am Beginn einer bis heute ununterbrochenen Folge städtischer Zivilisationen. Der Bogen spannte sich von Mohenjo Daro und Harappa bis zu den unter den Mogulkaisern blühenden Städten Nordindiens und Pakistans.
Als die Briten anlandeten war Indien (samt dem heutigen Pakistan und Bangladesh) vermutlich die am stärksten verstädterte Großregion weltweit. Nach zwei Jahrhunderte kolonialer Besetzung sah sich der Subkontinent auf einen ärmlichen agrarischen Status zurückgeworfen. Nicht zuletzt deshalb zählt Indien heute zu den wenig verstädteren Ländern unter den bevölkerungsreichen Nationen. 2007 lebten lediglich 28 % der Gesamtbevölkerung in urbanisierten Gebieten. Wenngleich die Verstädterungsquote niedrig liegt, zählen Indiens Städte insgesamt rund 300 Mio. Einwohner. Damit übertreffen Indiens städtische Bevölkerungen die Einwohnerzahl der USA, die - interessant am Rand - nicht nur gesellschaftlich stärker polarisiert sind als Indien, sondern auch deutlich begrenztere Möglichkeiten sozialer Mobilität eröffnen.
2 Stadtwachstum
Nach erlangter Unabhängigkeit wuchs die Anzahl von Stadtbewohnern deutlich schneller als Indiens Gesamtbevölkerung. Zeitweilig lagen städtische Wachstumsraten zweifach über dem nationalen Durchschnitt. Angesichts dessen nahmen Demographen an, das Wachstumsgefälle zwischen Stadt und Land würde sich versteilen oder zumindest gleich bleiben, bis ein 50-prozentiger Urbanisierungsgrad erreicht sein würde. - Die Auguren verschätzten sich: Tatsächlich verringerten sich städtische Wachstumsraten lange bevor die 30-Prozentschwelle in Sicht geriet: Der prozentuale Zuwachs städtischer Bevölkerung sank von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Lag die Wachstumsrate während der 1970er bei jahresdurchschnittlich 3,9 %, so fiel sie während der 80er auf 3,1 %. Und, sie sank weiter. Über die 90er Jahre hinweg lag sie bei gemittelten 2,7 %. Setzt sich dieser Trend fort, wird Indiens Verstädterungsquote noch 2050 die Schwelle von 40 % verfehlen.
Am höchsten verstädtert unter Indiens Bundesstaaten und -territorien ist Delhis Hauptstadtregion mit anteilig 93 % städtischer Bevölkerung; es folgen die Unionsterritorien Chandigarh (um 90 %) und Puducherry (67 %). Unter den Flächenstaaten besitzt Tamil Nadu mit 44 % den höchsten Verstädterungsgrad. Auf den Plätzen folgen Maharashtra (über 42 %) und Gujarat (über 37 %). Die niedrigsten Verstädterungsquoten weisen Himachal Pradesh (unter 10 %), Bihar (um 10,5 %), der für seinen Tee bekannte Staat Assam (13 %) und der vergleichsweise rohstoffreiche "Stahlstaat" Orissa (15 %) auf. Absolut betrachtet führt Maharashtra mit 41 Mio. bzw. rund 14 % landesweiter Stadtbewohner die innerindische Rangliste an. Platz 2 belegt Uttar Pradesh mit rund 35 Mio. Urbaniten, gefolgt von Tamil Nadu mit 27 Mio. stadtlebenden Einwohnern.
Wenngleich Indien - etwa gemessen an zahlreichen afrikanischen Staaten - vergleichsweise bescheidene städtische Wachstumsraten aufweist, expandieren städtische bzw. metropolitane Räume absolut betrachtet beträchtlich. Damit verbundene Phänomene sind unschwer ersichtlich: Slumausbreitung, Obdachlosigkeit, überlastete Infrastrukturen. Bestehende Probleme werden sich tendenziell verschärfen. Dies lassen u. a. auf den Zeitraum 2006 - 2020 bezogene Hochrechnungen erwarten, denen zufolge sich sechs indische Städte unter die 25 weltweit wachstumsstärksten einreihen werden. Demnach legen Ghaziabad und die "Edelsteinmetropole" Surat jährlich um 5,2 % bzw. 5 % zu (Nr. 2 und 4 weltweit). Mit 4,4 % bringt es Faridabad auf Rang 8. Für Nashik, Patna, Rajkot und "The Pink City" Jaipur - Indiens bedeutendstes Touristenziel - sind annuelle Wachstumsraten zwischen 3,6 - 3,9 % zu erwarten.