Wohnungsgenossenschaften "Berlin" - ein Interview

Die im Juni 2010 begründete IK-Rubrik "Wohnungswirtschaft" reichert das Portal mit neuen Themen an. - Logisch, gewiss. Neu ist freilich auch, dass die Pionierbeiträge ein neues Genre in den Immobilien-Kosmos einfließen lassen: Das journalistische Interview. - Der erste wohnungswirtschaftliche Beitrag (Leerstandszeiten - Verkürzungsstrategie) stützte sich auf ein Gespräch, der nachfolgend präsentierte Text gibt ein lupenreines Interview wieder. Es führte Gerd Warda, Herausgeber von "Wohnungswirtschaft heute".

Intro

Seit über 10 Jahre arbeitet die Marketinginitiative unter dem Siegel der "Bauklötzchen" am Image der genossenschaftlichen Idee. Mit Erfolg. 380 Wohnungsgenossenschaften sind heute in 42 Verbünde von der Ostsee bis zum Bodensee aktiv. In ihren über 820.000 Wohnungen leben mehr als 2 Millionen Menschen. Neben Genossenschaften in Hamburg gehörten Berliner Genossenschaften zu den Machern der ersten Stunde. Ein Grund, um mit Frank Schrecker, Sprecher des Berliner Verbundes, und Dirk Lönnecker, Vorstand der Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG und Vorstand in der Marketinginitiative der Wohnungsbaugenossenschaften Deutschland e.V. über das Gestern, Heute und Morgen zu sprechen.

Prolog

Dirk Lönnecker und Frank Schrecker: Genossenschaft ist das Beste was es gibt, das versteht sich von selbst, aber wir müssen dran arbeiten ...

Interview

Wie hat es angefangen? Was waren die Beweggründe damals?

Lönnecker: Während es in Hamburg mit den "Bauklötzchen" angefangen hat, hat in Berlin ein Pressebericht über heruntergefallene Balkone bei einem Wohnungsunternehmen mit dem Tenor "Gesobau kümmert sich sofort!" den Ausschlag für das gemeinsame Marketing gegeben. Dass so über einen Zwischenfall berichtet wird, war für uns das Signal aktiv zu werden. Damals hatten wir kurz das Budget überschlagen und festgestellt, nur gemeinsam erreichen wir mehr. Es kam ein Plan, eine Kick-Off-Veranstaltung und ...

Schrecker: Wir Genossenschaften haben rund 180.000 Wohnungen in Berlin, das sind knapp 10 Prozent der Wohnungen in Berlin. Vor zehn Jahren sind 24 Unternehmen mit rund 120.000 Wohnungen gestartet, um gemeinsam das genossenschaftliche Wohnen bekannter zu machen.

Lönnecker: Wir wollten unsere Position im Berliner Markt stärken, aber vorher mussten wir wissen, wo wir als Genossenschaften stehen. Also haben wir Forsa mit einer Umfrage beauftragt.

Schrecker: Und das erste Ergebnis auf die damalige Forsafrage: "Kennt ihr eine Genossenschaft?" machte uns schon etwas stolz. Denn mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) antworteten mit "Ja".

... und heute?

Schrecker: Wir lassen die Umfrage jährlich machen. Heute kennen uns über 81 Prozent. Dieser Wert ist in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. Also, 81 Prozent durch alle Bevölkerungsschichten. Das kommt nicht von allein. Dies zeugt von einer kontinuierlichen gemeinsamen Arbeit, nennen wir es ruhig Imagepflege,

Wer macht mit?

Schrecker: Leider noch nicht alle Berliner Genossenschaften. Bei uns sind 21 Genossenschaften mit über 80.000 Wohnungen aktiv und machen gemeinsam Werbung. Ein paar Beispiele: Es fahren 26 Busse durch Berlin, die mit unserem Logo beklebt sind und auf die Genossenschaften aufmerksam machen. Wir haben in diesem Jahr zum ersten Mal Radiowerbung geschaltet und da ist eben die Verbindung zu unserem bunten Logo nicht mehr zu "hören".

... und dann wird von den Nicht-Mitmachern Trittbrett gefahren?

Lönnecker: Ja, und das finden wir schade. In Hamburg machen alle Genossenschaften mit. Warum nicht auch in Berlin? Setzen sie andere Prioritäten oder sehen sie die Notwendigkeit nicht? Wir würden uns wünschen, dass alle mitmachen, sich solidarisch zeigen. Denn sie profitieren doch auch von unseren Aktivitäten.

Welche weiteren gemeinsamen Aktionen machen sie?

Lönnecker: Wir haben damals gleich mit dem "Wohntag" begonnen. Bereits 2003 feierten 30.000 Besucher im Britzer Garten ein buntes Sommerfest. Der Wohntag wurde übrigens von den Hamburger Genossenschaften leicht modifiziert als "Unser Tag" übernommen. Den "Wohntag" machen wir heute noch, letztes Jahr sogar an acht Standorten unter dem Motto Sonne, Bewegung und Spaß.

Schrecker: Und nicht zu vergessen unser Prüfsiegel vom Prüfungsverband. Wir Genossenschaften sind so zu sagen zertifiziert, dass wir ordentlich wirtschaften. Wohnen und die Bewirtschaftung der Wohnungen ist Vertrauenssache. Das Siegel schafft dieses Vertrauen.

Lönnecker: ... und Klasse 2000 e. V.. Das ist eine Initiative, ein Verein aus Nürnberg, der Schulkinder von der 1. bis zur 4. Klasse begleitet, um ihre Gesundheits- und Lebenskompetenzen frühzeitig und kontinuierlich zu stärken. Die Berliner Genossenschaften haben in jedem Bezirk eine Schulpatenschaft übernommen und unterstützen damit die Klasse 2000 e.V. bei ihren Aktivitäten. Aber dies ist noch nicht alles: Die Wohnungsbaugenossenschaften Berlin verschenken auch Workshops an Berliner Schulen und Kitas. In diesem Workshop "Bauphysik" geht es um so spannende Fragen wie: Warum beschlägt der Badezimmerspiegel beim Duschen? Und warum bekomme ich in der Küche immer kalte Füße? Alles Fragen rund ums Bauen und Wohnen, denn hier sind wir die Experten. Der Workshop wurde von einer erfahrenen Wissenschaftlerin erarbeitet und wird auch von ihr geleitet.

Wie arbeitet die Berliner Initiative?

Schrecker: Uns ist gemeinsames Werben wichtig, das ist Chefsache. Wir haben Arbeitsgruppen planen und entwickeln dort neue Aktionen. Einmal im Jahr laden wir Journalisten zum Pressegespräch, mit sehr guter Resonanz. Wir sind auf Messen, werben in Schulen für Nachwuchs und vieles mehr. Denn das Thema Ausbildung ist für die Genossenschaften überaus wichtig. Hier haben wir als Unternehmen eine Menge zu bieten.

Lönnecker: Die Berliner Wohnungsbaugenossenschaften agieren nicht allein, sondern sind Mitglied der Marketinginitiative der Wohnungsbaugenossenschaften Deutschland e.V.. Die Marketinginitiative ist ein bundesweites Netzwerk, um das genossenschaftliche Wohnen bekannter zu machen und die Wohnungsbaugenossenschaften deutschlandweit als Qualitätssiegel für gutes Wohnen zu etablieren. Die Genossenschaften in den Regionen machen sehr viel im Bereich Marketing und Werbung. Hier müssen wir nicht alle das Rad neu erfinden, sondern wir bündeln dieses Know-how und stellen es allen zur Verfügung. So ist mittlerweile ein Baukasten entstanden, auf den unsere Mitglieder zugreifen können. Sie finden dort zum Beispiel Anzeigenmotive, ein Fotoarchiv, einen Artikeldienst, Radio- und Kinospots. Wer möchte, kann Teile daraus kostenfrei oder kostengünstig übernehmen. Anschauen kann man sich dies alles im internen Bereich unserer gemeinsamen Homepage www.wohnungsbaugenossenschaften.de.

Schrecker: Ja, wir bedienen uns auch aus dem Baukasten. Die Radio-Werbung, die jetzt in Berlin zu hören ist, haben wir übernommen. Die Radiospots wurden in Nordrhein-Westfalen entwickelt und liefen dort bereits sehr erfolgreich. Da lag es nahe, einen Spot auch in Berlin zu schalten.

Lönnecker: Genossenschaft ist das Beste was es gibt, das versteht sich von selbst, aber zurücklehnen geht nicht, wir müssen hart dran arbeiten, damit wir uns auch weiter im Markt behaupten können. Deswegen sind unsere gemeinsamen Aktivitäten so wichtig. Sie machen den einzelnen stärker.

Das ist ja fast ein Arbeitsprogramm für die Zukunft

Schrecker: Ja, denn Berlin als Mieterstadt ist die Chance für Genossenschaften gerade in der Zukunft, wir müssen es aber nur allen gemeinsam auch "verkaufen". Während Mitbewerber ihren Kapitaleignern jedes Jahr 20 % Rendite überweisen müssen und sich so das Klischee bildet: wenig sanieren und viel Miete kassieren, sagen wir Genossenschaften: die erwirtschaftete Rendite geht zu einem großen Teil an die Mitglieder und in den Bestand. Wir müssen deutlich machen, dass Genossenschaften ein anderes Geschäftsmodell haben. Wir müssen auch aufpassen, dass das was wir draußen dran schreiben auch innen drin funktioniert. Wir müssen unsere Mitglieder ernst nehmen. Wir müssen auch als Genossenschaft arbeiten, also auch mit den Gremien. Und - wir müssen uns natürlich auch in der Öffentlichkeit darstellen. Schließlich suchen wir im Berliner Verbund jedes Jahre 8 bis 10.000 neue Mitglieder, obwohl wir Vollvermietung haben.

Lönnecker: Berlin, die 3,5 Millionen Metropole, mit großen kommunalen Unternehmen, die nehmen so viel Geld in die Hand. Da haben wir als einzelne Genossenschaft kaum eine Chance. Wir müssen gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten, um die Genossenschaften und das was sie sind und leisten, bekannt zu machen.

Schrecker: Wir sind Marktteilnehmer, wir glauben, wir sind besser als die Privaten, wir glauben, wir sind unabhängiger als die Kommunalunternehmen. Das gibt uns letztlich auch die Stärke und das eint uns in Ost und West. Ein Kollege hat mal gesagt: die Genossenschaften sind ein bunter Blumenstrauß. Es dürfte bei uns nichts geben, was es nicht gibt. Es gibt Genossenschaften die engagieren sehr für die Familien. Es gibt andere, die in der Alterstruktur schon soweit sind, wo sie sagen, bei uns sind es mehr die Senioren. Wir haben die Kinderbetreuung, wir organisieren Tagesfahrten, wir unterstützen die Mitglieder bei ihren Hobbys, Wohnen wird bei uns zum Miteinander. Wir sanieren, auch energetisch, denn Wohnen muss auch noch in 10 Jahren bezahlbar sein. Wir bauen neu, nicht nur in Eigentumsmaßnahmen, sondern wirklich im genossenschaftlichen Mietwohnungsbau und da sieht man, dass wir an die Zukunft der Genossenschaften glauben.

Herr Lönnecker, Herr Schrecker danke für das Gespräch.

Gerd Warda