Immobilienunternehmen: Websites im Test

1 Intro

Websitegestaltung ist ein Metier, in dem Ansichten, Ansätze und Lösungen weit auseinandergehen. Es bestehen verschiedene Denkschulen, deren Philosophien von blankem Netzpurismus bis hin zu Haltungen reichen, die einer Umsetzung des technisch Machbaren huldigen. Rege geführte Diskussionen im Bekanntenkreis des Verfassers erwecken den Eindruck, als redeten Vertreter verschiedener Denkrichtungen innerhalb eines breiten, von Nuancen und fließenden Übergängen geprägten Spektrums bisweilen aneinander vorbei. Die einen wie die anderen betonen, den Besuchernutzen als maßgebliche Richtschnur der Website-Gestaltung zu begreifen. – Anscheinend, ohne zu bemerken, dass "der" Nutzer ein fiktives Konstrukt darstellt. Mit anderen Worten: Sie beziehen sich auf unterschiedliche "Nutzergruppen". Mehrfach wiederholte Experimente verdeutlichten gleichwohl eine grundlegende Übereinstimmung, welche Seiten als überzeugend, welche als mangelhaft empfunden werden. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, diese (nicht streng wissenschaftlich basierten) Experimente als Leitfaden zu verwenden.

2 Experiment "Seitenbewertung"

2.1 Quer durch den Gemüsegarten

Der Versuchsaufbau gestaltet sich einfach: Acht Leute treffen sich in einer Wirtschaft mit schnellem WLAN-Anschluss. Es stehen acht Notebooks samt Stromanschluss über Steckerleisten zur Verfügung. Jeder der Teilnehmer des Experiments – zwei davon Frauen – unterhält ein vergleichsweise bekanntes Internetportal. Alle Beteiligten verfügen über FH- oder Universitätsabschlüsse (Architektur, Bauingenieurwesen, Betriebswirtschaft, Geographie, Kunstgeschichte, Informatik, Jura, Volkswirtschaft). Sämtliche Teilnehmer veröffentlichten eine beträchtliche Anzahl fachlicher Artikel. Vier publizierten ausschließlich online, die übrigen sowohl im Netz als auch in Druckmedien. Zwei Teilnehmer ordnen sich selbst der "netzpuristischen" Fraktion zu, zwei der technikverliebten, vier sehen sich irgendwo zwischen diesen Extrema. Die Altersspanne reicht von 35 – 50 Jahren. Soviel zum Teilnehmerkreis.

Nun zum eigentlichen Test. Jeder Teilnehmer benannte fünf Internetadressen, ohne eine persönliche Einschätzung zu jeweilgen Webauftritten abzugeben (einige Dubletten wurden durch "Reserveadressen" ersetzt). Nun begann, was eine Marathonsitzung zu werden versprach: Immerhin hatte jeder Teilnehmer fünfunddreißig Seiten zu bewerten (40 minus 5 Eigenvorschläge je Tester). Als Maßstab war übliches Surfverhalten "aufgerufen". Es gab keinen "Ankreuzbogen". Kommentare und Bewertung erfolgten in Form stichwortartiger Notizen. Eine erste Überraschung: Statt der erwarteten fünf Stunden Sichtungszeit verschlang diese Phase kaum drei.

Das Auswertungsergebnis – es stand nach weiteren zwei Stunden – fiel eindeutig aus: Unabhängig von jeweiligen gestalterischen Vorlieben bzw. "netzphilosophischen" Haltungen der Tester erhielten verschiedene Seiten einhellig hohe Wertungen, während andere ebenso einhellig durchfielen. Zwar werteten die Rechts- und Linksaußen Auftritte der jeweils anderen Linie tendenziell ab, doch lagen einige Seiten durchgängig über manchem Vertreter des "eigenen Lagers". Interessant am Rand: Bei drei Websites schöpften jeweils sieben von acht Teilnehmern die auf höchstens acht Minuten begrenzte Verweildauer je Seite (gemessen an durchschnittlichen Seitenverweildauern ein sehr hoher Wert) weitgehend aus. Umgekehrt klickten sieben von acht Bewertern sechs Adressen in weniger als anderthalb Minuten weg.

Ein drei Wochen später mit vierzig anderen Seiten wiederholter Test erbrachte ein leicht abweichendes Ergebnis: Die Anzahl durchgefallener Seiten lag höher, die Mitte dünnte aus. Das Resultat eines dritten Testlaufs bestätigte den unmittelbaren Vorgänger. Wahrscheinliche Erklärung: Die intensiven Websitechecks verschoben die innere Messlatte der Tester nach oben.

2.2 Websites der Immobilienbranche

Nur einer der acht Teilnehmer des oben beschriebenen Experiments kann beruflich der Immobilienwirtschaft zugeordnet werden. Der Leser wird es erahnen: Der Verfasser dieses Beitrags. Um es kurz zu machen: Der Test wurde eingegrenzt auf Online-Präsenzen von Immobilienunternehmen und immobiliennah aktiven Unternehmen einschließlich einiger Immobilientöchter bzw. Immobilien-Research betreibender Abteilungen von Banken. Unberücksichtigt blieben Immobilienbörsen. Der Verfasser nahm nicht am Test teil; an seine Stelle rückte eine PR-Fachfrau. Der Grund: Seine langjährige Tätigkeit als Immobilien-Researcher wie als Betreiber des Immobilien-Kosmos' hätten einen verzerrenden Effekt bedingen können.

Es erfolgten zwei Testläufe mit jeweils dreißig ausgewählten Adressen. Die Grundlagen dieser "Runs" unterschieden sich in einem Punkt von dem oben umrissenen "Quer-Beet-Ansatz", insofern kein Beteiligter Seiten vorfand, die eines seiner Steckenpferde bzw. Interessengebiete behandelten. Im Klartext: Immobilienwirtschaftliche Themen interessierten keinen Teilnehmer sonderlich. Die erste Überraschung: Bereits nach dem ersten Durchlauf hatten sich sämtliche Teilnehmer für das eine oder andere Immobilienthema "erwärmt". Das ist die aus Sicht der Branche bzw. ihrer im Netz glänzenden Mitglieder gute Nachricht. Die schlechte ist, dass gemessen an der Querschnittsbetrachtung ein signifikant erhöhter Anteil ausnehmend schlecht bewerteter Seiten zu Buche stand. – Obwohl sich prozentual gesehen deutlich mehr Unternehmensauftritte in der Grundgesamtheit fanden. Interessant am Rand: Einige Firmenseiten, die mittels enormem finanziellen Aufwand gestaltet wurden (dem Verfasser sind fallbezogene Zahlen bekannt), schnitten in nahezu jeder Beziehung außerordentlich schwach ab.

Unter dem Strich erwiesen sich getestete Immobilienseiten hinsichtlich ihrer empfundenen Qualität gegenüber dem "Netzbrei" als deutlich stärker polarisiert: Mehr Spitzenseiten, mehr Ausschuss, ein – bildlich gesprochen – zur Wespentaille verschlankter Mittelbau. Wenngleich dieses Bild teils auf verschärfte Ansprüche der Testteilnehmer zurückzuführen sein mag, spricht die Deutlichkeit des Ergebnisses für sich.

3 Immobilienwebsites – Kritikpunkte

Im Rahmen des Tests geprüfte Immobilienwebsites weisen teils dieselben Schwachpunkte wie nicht immobilienbezogene Internetseiten auf. Das überrascht sicherlich nicht, insofern ein und dasselbe Medium vorliegt bzw. hier wie da mehr oder minder versierte, dieser oder jener Gestaltungsphilosophie anhängende Webdesigner am Werke sind. Dass einige dieser allgemeinen Schwachpunkte in Bezug auf Immobilienseiten stärker ins Gewicht fallen als bei thematisch anders ausgerichteten Seiten, liegt auf der Hand. So stellen Immobilien ein besonderes, ein vergleichsweise hochpreisiges Produkt dar, auf sie bezogene Dienstleistungen sind vielschichtig, jeder Fehler kann existenzgefährdende Folgen bis hin zum Verfall ganzer Stadtteile nach sich ziehen. Doch nun, bevor wir uns in dramatischen Szenarien verlieren, zur Seitenkritik.