Krieg den Sternen

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Folgenden Beitrag steuerte die Journalistin Rahel Willhardt zum Immoblien-Kosmos bei. Der Artikel erschien im September 2009 im Hotel Spezial der DBZ Deutsche Bauzeitschrift; die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Hotelsterne markieren Serviceklassen - die allerdings an orientierungsstiftender Leuchtkraft verlieren, seit Preisoptimierer mit schickem Design die Maßstäbe der Gastlichkeit aufmischen.

"200 vielleicht 250 €", schätzen Münchner Passanten, kostet die Übernachtung im neuen Motel One Hotel am Sendlinger TorHotelbar. De facto ist die Nacht im Herzen der Bayernmetropole für schlappe 69 € aufwärts zu haben. "Viel Design für wenig Geld", lautet der Werbeschlachtruf des 2-Sterne-Hauses, das seinen 241 Betten eine massive Designkur verordnete: Geschlafen wird mit Blick auf Loewe Flachbildschirm nebst Artemide-Leuchte; die Granitwaschtische an Natursteinmosaik haben Dornbracht-Armaturen; und im Foyer stehen Arne Jacobsen Egg-Chairs vor Natursteinwänden bereit. Ganz gleich welches Haus man besucht - den Münchner (bzw. Leipziger) Standards ordnen sich künftig alle Häuser der Marke unter. Nur so sind Baupreise von gemunkelten 60.000 bis 70.000 € / Zimmer, inkl. Baukosten und Grund realisierbar.

Die Bilder im Text: "Motel One München", Schlafzimmer, Blick auf Frauenkirche. Im Empfang Designgeschichte: "Arco" (Flos) zwischen Jacobsen Egg-Chairs (Fritz Hansen).

"Für Laien ist es schwer geworden 2- von 3-, oder auch 3- von 4-Sterne-Produkten zu unterschieden", räumt der Wuppertaler Hotelberater Christian Schollen ein. Denn was unvoreingenommenen Logierern im Designrausch entgeht sind optisch großzügige, aber gerade mal 16 qm große Zimmer, deren Kleiderschrank sich auf eine Drei-Bügel-fähige Garderobe beschränkt. Die Bäder sind kanten- und damit putzoptimiert, so dass Reinigungskräfte sie schneller als üblich wienern; geldfressenden Service - wie Minibar und Telefon-Bestelldienst - sucht man vergebens, und über den Tag wandelt sich das schicke Foyer vom Frühstückssaal übers snackfähige Bistro bis hin zur Bar. Das lässt die Betriebskosten purzeln - ohne Gäste in ungebührende Enge oder Serviceeinbußen zu treiben - so die Philosophie.

"Dass 'Am Sendlinger Tor' kein 4 Sterne-Haus mit nur 100 Zimmern entstand, ist ein reines Rechenexempel. Je mehr Sterne, umso schwerer wird es, ein Produkt zu einem sinnvollen Preis-Leistungsverhältnis auf den Markt zu bringen, das die Mehrheit der Reisenden auch angesichts des starken Hotelwettbewerbs bezahlt", gibt Maria Pütz-Willems, Chefredakteurin des Branchenmagazins hospitalityInside.com, zu bedenken. "Nicht die Architektur sondern das Konzept sind erfolgsentscheidend". In die gleiche Kerbe schlägt die versierte Hotelarchitektin Cornelia Markus-Diedenhofen: "Hotels rechnet man grundsätzlich von hinten und fragt: Was darf ein Zimmer kosten? Bei 3-Sterne-Produkten liegen die Preise zwischen 7.600 bis 9.600 € pro Key (=Zimmer) inklusive aller Nutzflächen und Ausstattung, aber ohne Baukosten; im Luxussegment werden durchaus 6-stellige Summen erreicht."

"Heutige Reisende haben wenig Zeit, aber viel Geschmack", analysierten die aus dem Jachtausbau kommenden Gebrüder List. Ihre Orange Wings Hotels feierten vor sechs Jahren Debüt in Wien und trieben die Kostenoptimierung auf erstaunliche Spitzen: Die Zimmer sind in Containerbauweise gefertigt, der Zugang zu den wohldesignten, aber fensterlosen Kammern erfolgt über die Reling. Die 48 €-Enge bietet bequeme Betten, ein abgetrenntes Bad, Schreibtisch, Kofferablage und Wireless. Der 24h-Self-Check-In erfolgt am Computer, von Reinigung und der Frühstücksausgabe abgesehen kommt das Zellen-Hotel ohne Personal aus. Die angekündigte Expansion auf bis zu 100 Häusern ging bis dato allerdings nicht über zwei hinaus.

Vielversprechender, wenngleich mit artverwandter Philosophie des "bezahlbaren Luxus", sind die vom MEXX-Modegründer ins Leben gerufene Citizen M-Boutiquehotels, die letzten Sommer an den Start gingen. Im prämierten Edeldesign wird kein Tageslichtverzicht geübt, der Self-Check-In erfolgt in der mit Designikonen beseelten Lobby; selbst abzurechnende Gourmetsnacks gibt's rund um die Uhr und Nachts wird die Rezeption zur Bar samt Cocktails mixendem Keeper. Die stramm standardisierte und teils modulvorgefertigte Schönheit gibt es ab 69 € in Amsterdam City und Flughafen. "Zu wenig Hotel", bemängelt die Fachfrau Markus-Diedenhofen, an den schönen, aber serviceausgedünnten Konzepten. Dass es auch anders geht, will sie mit einem gerade geplanten Hotel in Nürnberg zeigen. Trotz Budgetprodukt können Gäste auf Bade-Gel, Kofferstauraum und SchreibtischeHotelzimmer hoffen, die mehr als nur Platz für eine Handtasche bieten. Und, die Standardisierung soll nicht darin münden, Gästen einfache Wünsche wie Wasser zum Morgenkaffee abzuschlagen.

Scannt man die Kriterien für Sternevergabe, sind es, vom großzügigen Raumangebot abgesehen, eben diese Servicekleinigkeiten, mit der sich Hotels für höhere Sternegefilde qualifizieren. Was in Zeiten wachsender Architekturpopularität allerdings verblüfft - laut DeHoGa-Kriterien besteht kein fester Zusammenhang zwischen Hotelklasse und Design. Lediglich Kriterium 119 zielt mit "Stimmige Raumatmosphäre (Licht, Geruch, Musik, Farbe etc.) im öffentlichen Gästebereich" ein wenig in diese Richtung und wird bei Erfüllung mit 4 Punkten belohnt. "Theoretisch kann man ein 5-Sterne-Haus in einer Kiste ansiedeln - marketingtechnisch ist das nicht zu empfehlen", bestätigt Schollen. "Gerade bei hochwertigen Hotels muss Funktion, Lage und Optik einen hohen Stellenwert haben". Gut gebaute Hotels bedienen aus der Erfahrung des Beraters vor allem folgendes: "Die Architektur verschmilzt mit den funktionellen Ansprüchen, das Raumprogramm setzt die gemachten Vorgaben schlank um und Konzepte sind kostenoptimiert geplant". Bravurös sind Planungsleistungen dann, wenn Gäste sie unbewusst wahrnehmen, weil alles selbstverständlich erscheint: Laufwege für Logierer sind kurz, Personal- und Gastwege kreuzen sich nicht, der Service funktioniert reibungslos weil Küche, Logistik, Entsorgung & Co. gut verzahnt sind. Das ist nicht ohne, die alte Planungshäsin Markus-Diedenhofen kommentiert: "Oft bekommen wir Grundrisse, schauen drauf und wissen: Das funktioniert nie! Kongressräume, bei denen man das Bankette-Food einmal quer durchs Foyer schieben muss, sind ebenso schwierig wie Wellnessbereiche, die Gäste nötigen, die Halle im Bademantel zu durchqueren."

Gestalterisches Selbstverwirklichen ist es nicht, was der Hotelbau Architekten zu bieten hat. Doch der hemmungslose Zwang zur Optimierung setzt auch Planungskreativität frei: "Langsam kommen die Zimmer weg von den stinknormalen Grundrissen: Eintreten, links Bad, gerade aus Bett. Insbesondere wo Fläche knapp ist, sind pfiffige Konzepte gefragt - wie offene Bäder oder wegschiebbare Wände", skizziert Markus-Diedenhofen.

Halten wir also fest:Hotelmöblierung Der Motel One Claim "Viel Design für wenig Geld" scheint nicht nur den Nerv preissensibler Schlafgäste, sondern auch den von Hotelentwicklern zu treffen, die sich ein stückweit vom Servicediktat der Sterne zu Gunsten der Optik emanzipieren.

Erläuterung zur DeHoGa-Hotelklassifikation

Die DeHoGa prüft nach 280 Kriterien, wie viele Sterne ein Gästehaus wert ist. Für 41 erfüllte Kriterien und mindestens 90 Punkte gibt es einen Stern, ab 113 Kriterien und 570 Punkten ist man in der Luxusklasse; Standardüberprüfung: alle drei Jahre. Der Antrag auf Sterne ist freiwillig und kostenpflichtig. Manche Hotels entwickeln eigene Standards über Markenbildung. Einige Sterne-Kriterien sind ein Muss für alle Hotelklassen, wie "einwandfreie Sauberkeit" und "funktionstüchtige Ausstattung ohne erkennbaren Renovierungsbedarf"; andere sind für eine bestimmte Sternezahl verpflichtend. Ab 2010 wird auch die Barrierefreiheit (Klassifiziert von A bis E) bewertet. Im Fünfjahrestakt werden die Kriterien nach Gästebefragungen aktualisiert. Neue Kriterien kommen hinzu, andere fallen weg oder werden anders gewichtet. Der 2010er Katalog etwa, geht auf steigende Schlafkomfort- und Wellnesswünsche der Gäste ein (z. B. mind. 13 cm dicke Matratzen, deren Tiefenreinigung, waschbare Bettvorleger oder Mindestgrößen für Pools und Fitnessräume, Definition Beautyfarm; Extrapunkte für unterschiedliche Saunen). Sicher leisten Sterne gute Dienste als Investitionsgeleit, aber als Qualitätsgeleit für Reisende büßen sie an Glanz ein. Denn Citizen M und Motel One haben klar gemacht, dass nun auch die breite auswärtsschlafende Masse sich fürs schicker Schlafen mit schmalerem Servicekomfort entscheidet. Genau diese marketingwirksame Designebene steht nicht in den Sternen!